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Von Caroline Bock
Berlin (dpa) Mit ihnen fing alles
an. Als die Polizei sich im Juni 1969 wieder einmal die Schwulenkneipen in
der Christopher Street in New York vorknöpfte, setzten sich die
Homosexuellen zur Wehr, allen voran die Drag-Queens. Seitdem erinnert der
Christopher Street Day (CSD) mit seinen weltweiten Paraden an den
erfolgreichen Protest. Auftakt war am 11. Juni in Hamburg. Große Paraden der
Schwulen und Lesben sind auch in Köln (3. Juli) und München (9. Juli)
geplant.
Die Hauptstadt ist Hochburg der Drag-Queens. In Berlin nennen sich die als
Damen kostümierten Herren gern Tunten" und sind besonders politisch, dafür
nicht ganz so gestylt, wie Matthias Reetz alias Tunte Margot Schlönzke
erklärt. Die Szene ist bunt: Neben dem CSD gibt es das multisexuelle
Festival Wigstöckel", Bingo-Abende mit Drag-Queens und einschlägige
Kostümläden. Unter Hausbesetzern ist das Tuntenhaus" im Prenzlauer Berg
legendär. Stadtbekannte Künstlerinnen sind Daphne de Baakel, Irmgard Knef (Hildegards
fiktive Schwester) und Biggy van Blond.
Letztere ist Kolumnistin, DJ und tritt in Shows auf - ein Job, den ich gerne
mache", sagt Biggy van Blond, die bürgerlichen Namen und Alter (gefühlte
26") nicht preis gibt. In Berlin gibt es ihrer Schätzung nach rund 50
bekanntere Drag-Queens. Die Szene habe sich sehr etabliert und sei die
größte in Deutschland, meint sie. Gut eine Stunde dauert es, bis aus dem
Schöneberger Mann Biggy van Blond wird. Outfitvorliebe? Ach Gott, gerne kurz,
gerne sexy. Und abwischbar ist auch immer gut, falls man ein Getränk
abbekommt."
Typisch klingt der Weg von Kaey Tering, die für den Fototermin gut zwei
Stunden im Bad und am Schminktisch verbracht hat und sich das Samtkleid
selbst auf die barocke Figur geschneidert hat: In der Pubertät das schwule
Outing, dann erste Experimente mit Make-up. Dann der Umzug von Halle nach
Berlin, wo sie sich mit Jobs über Wasser hält, die 25-Jährige moderiert zum
Beispiel die CSD-Party in Kreuzberg.
Die Konkurrenz ist groß, die Akzeptanz der Außenwelt nicht immer. Es gibt
immer noch genügend Leute, die verprügelt werden", erzählt Kaey Tering, die
als Mann Denis heißt und mit den langen braunen Haaren auch ohne Kostüm
recht weiblich wirkt. Ich sehe einfach nie aus wie ein Mann." Sie gehört zu
den Drag-Queens, die nicht viel mit der Dualität der Geschlechter anfangen
können". Für Kaey Tering ist es nicht bloß eine Bühnenrolle, sondern eine
Lebenseinstellung.
Für den Außenstehenden ist Drag (abgeleitet vom Englischen Dress As A Girl")
nicht ganz einfach zu verstehen. Einige schwule Männer haben auch ein
Problem damit, wenn beim Christopher Street Day, der ja allen Homosexuellen
gewidmet ist, es immer die schrillen Bilder sind, die in der Zeitung landen.
Was steckt dahinter? Ein grundlegender Irrtum ist, dass alle Männer in
Frauenkleidern Transvestiten sind und Travestieshow à la Mary machen", meint
Margit Schlönzke. Drag ist eine von vielen schwulen Lebenseinstellungen und
kann eine politische Seite haben, ist nicht nur camp", jener ganz besondere,
selbstironische Stil, den die US-Essayistin Susan Sontag einmal beschrieben
hat.
Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz" - kostümierte, weiß geschminkte
Ordensschwestern" - sind beispielsweise bei Partys und auch beim CSD
unterwegs, um über Safer Sex und HIV aufzuklären. Der Berliner Regisseur
Rosa von Praunheim trauerte kürzlich um die Aidsaktivistin Ovo Maltine, die
mit 38 Jahren an den Folgen einer HIV-Infektion starb und auch in einem
seiner Filme mitspielte. Titel: Tunten lügen nicht".
(Internet: www.irmgard-knef.de,
www.debaakel.de, www.kaey.de, www.dieschwestern.de) |