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Aufraeumarbeit bei Ferrari nach Schuldfrage: Vettel unter Maximaldruck

Von Jens Marx

Es wird unangenehm fuer Sebastian Vettel. Nun muss er den bisher groessten Rueckstand der Saison aufholen. 44 Punkte verliert er in drei Rennen gegen Lewis Hamilton. Die Mercedes-Maenner sind trotz Partylaune gewarnt: Singapur kann auch sie ueberall treffen.

Singapur (dpa) - Die mitternaechtliche Feier-Laune bei Mercedes muss fuer Sebastian Vettel nach dem Totalausfall von Singapur unertraeglich gewesen sein. Vor dem Formel-1-Motorhome der Silberpfeile wurde laut gesungen. Fuer den Rueckflug nach Europa mit Sieger und WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton an Bord der Maschine von Oberaufseher Niki Lauda kuendigte Teamchef Toto Wolff Party mit alkoholischen Getraenken an.

Die Mitglieder der Ferrari-Crew packte derweil nach der offen gebliebenen Schuldfrage fuer den kapitalen Crash beider roter Rennwagen mit bitterernsten Mienen die Reste eines erinnerungswuerdigen Wochenendes ein. "Der Kampf ist noch nicht vorbei, er wird nur schwerer", meinte Teamchef Maurizio Arrivabene. Mit dem "springenden Pferd im Herzen" werde man aber bis zur letzten Kurve im letzten Rennen kaempfen.

Formel-1-Weltmeisterschaft, Grosser Preis von Singapur, am 17.09.2017 in Singapur. Ferrari-Pilot Kimi Raeikkoenen (r, Finnland) kollidiert am Start mit seinem Ferrari-Kollegen Sebastian Vettel (Deutschland). Foto: dpa

Was ihn, Vettel und die gesamte Scuderia nach der rund zwoelfstuendigen Rueckreise erwartet, kann man sich ausmalen. Vettel der erstmal Heim in die Schweiz flog, wird sich weiter den Fragen nach einer Mitschuld an dem fatalen Unfall nach wenigen Metern stellen muessen.

Daran aendert auch nichts, dass die Rennkommissare weder den von Pole nur maessig gestarteten Deutschen noch dessen Teamkollegen Kimi Raeikkoenen oder Max Verstappen von Red Bull fuer den Unfall hauptverantwortlich machten. "Fuenf Sekunden, die Sebastian Vettel nie vergessen wird, und die seinen Traum vom Weltmeistertitel beenden koennen", unkte die Tageszeitung "La Stampa" am Montag.

Die Stimmung von Vettels Oberboss Sergio Marchionne duerfte nach der "Katastrophe aller Katastrophen" ("Gazzetta dello Sport") auf einem neuen Tiefpunkt sein. Nach dem verlorenen Heimrennen in Monza, wo Vettel immerhin noch auf Platz drei gekommen war, hatte er bereits gegiftet: "Wir haben versagt."

Aus der geforderten Revanche wurde am Sonntag im verregneten Singapur ein maximales Desaster - die oft und schnell bemuehten Alarmglocken duerften mittlerweile ohrenbetaeubend laut schrillen in Maranello. "La Repubblica" sah bereits den "roten Sonnenuntergang": "Nachdem Ferrari sein 70. Firmenjubilaeum gefeiert hat, kehrt man zur bitteren Realtitaet zurueck."

Erst zum zweiten Mal in elf Jahren kamen beide Ferrari nicht ins Ziel und Vettels Rueckstand im Klassement auf Hamilton wuchs auf 28 Punkte. Der 32 Jahre alte Brite hatte vor seinen drei Siegen nacheinander in Belgien, Italien und Singapur noch 14 Zaehler hinter Vettel gelegen. Und nun kommen im Gegensatz zum engen Stadtkurs von Singapur vermeintliche Paradestrecken fuer Hamiltons Mercedes. 15 der vergangenen 17 Rennen in Malaysia, Japan, Mexiko (erst zwei Ausgaben), den USA, Brasilien und Abu Dhabi entschieden die Silberpfeile in den vergangenen Jahren fuer sich.

Man gehe nicht entspannter in die naechsten Rennen, betonte Wolff jedoch. Er nutzte das Singapur-Resultat des Rivalen als Mahnung ans eigene Team: Es sei eine deutliche Erinnerung daran, dass es in dieser Saison noch sechs weitere Gelegenheiten gebe, in denen Mercedes das Glueck nicht hold sein koennte.

Es ist aber Vettel, der sich durch den Unfall erstmal in eine hochriskante Ausgangslage manoevriert hat. Statt auf Nummer sicher zu gehen und die erste Kurve zu ueberstehen, wagte Vettel viel und verlor alles. Waehrend Hamilton seine Strategie - "Eine perfekte Balance zwischen aggressiv und vorsichtig" - auch in den entscheidenden sechs Rennen dieser Saison beibehalten will, kann Vettel sich jegliche Vorsicht kaum mehr leisten im Duell mit dem mittlerweile 60-maligen Grand-Prix-Gewinner.

Zumal von Platz drei auch noch Valtteri Bottas, Dritter beim Flichtlichtspektakel hinter Hamilton und Daniel Ricciardo im Red Bull, den Vizerang im Klassement ansteuert. "Sebastian ist das naechste Ziel", sagte der Finne im Mercedes-Team. 23 Punkte liegt er hinter dem Heppenheimer, weniger als Vettel hinter Hamilton.

Doch es waere nicht das erste Mal, dass Vettel sich aus so einer Situation befreit und am Ende noch der grosse Gewinner ist. 2010 lag er im Red Bull schon mal 31 Punkte hinter Hamilton im McLaren - und wurde erstmals Weltmeister. 2012 fehlten ihm zwischenzeitlich 42 Punkte auf den damaligen Ferrari-Piloten Fernando Alonso - Vettel wurde am Ende aber Weltmeister. Mercedes will das verhindern. "Wir sind nicht hier, um Gefangene zu machen", sagte Wolff bei allem Mitgefuehl fuer die Ferrari-Verantwortlichen in der duesteren Nacht von Singapur.

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