30 June, 2008

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Weise fordern stärkere Reformen

 

Bert Rürup ist Vorsitzender der Fünf Weisen

Berlin (dpa) - Die Fünf Weisen" verlangen von der neuen Bundesregierung Reformen über die bisherigen Verabredungen von Union und SPD hinaus - warnen aber vor einer Steuererhöhung zur Besserung der katastrophalen Haushaltslage.

In ihrem am Mittwoch vorgelegten Jahresgutachten fordert der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung weiter gehende Änderungen unter anderem im Tarifrecht, beim Kündigungsschutz und in der Gesundheitspolitik.

Der Ratsvorsitzende Bert Rürup riet dringend von einer Erhöhung der Mehrwertsteuer zur Aufbesserung der Staatsfinanzen ab. Dies dürfe allenfalls im Gegenzug zu einer Unternehmensteuerreform oder einem Umbau der Sozialversicherungssysteme geschehen. Die wichtigste Aufgabe der neuen Legislaturperiode sei eine Reform der Unternehmensteuer.

Einen Erlass der Erbschaftssteuer bei Fortführung von Betrieben, wie sie Union und SPD bereits beim Job-Gipfel" im März vereinbart hatten, lehnten die Gutachter ab. Es sollten keine neuen Steuervergünstigungen geschaffen werden, sagte Ratsmitglied Wolfgang Wiegard.

Unterdessen sehen die Fünf Weisen" Chancen, dass Deutschland 2006 nicht zum fünften Mal in Folge gegen die Defizitgrenze des Euro- Stabilitätspaktes verstößt. In ihrer Prognose gehen die Ökonomen zwar von einem gesamtstaatlichen Haushaltsdefizit von 3,3 Prozent vom Bruttoinlandsproduktes aus. Um die EU-Vorgabe von 3 Prozent einzuhalten, reiche es aber aus, im Haushalt 6,0 Milliarden Euro über die Streichung von Ausgaben oder Steuerausnahmetatbeständen einzusparen, sagte Rürup. Der Rat gehe in seinen Berechnungen von einem niedrigeren Defizit als das Bundesfinanzministerium aus.

Das im Jahresgutachten prognostizierte Wirtschaftswachstum von 1,0 Prozent 2006 liegt noch unter der bereits nach unten korrigierten Projektion der Bundesregierung von 1,2 Prozent. Für 2005 erwarten die Weisen" ebenso wie die Bundesregierung 0,8 Prozent.

Nach Aussage Rürups wird die deutsche Konjunktur unter anderem von den hohen Energiepreisen gebremst. Wachstumsimpulse kämen nur vom Außenhandel, nicht aber vom heimischen Konsum. Die Exporte sollen in diesem Jahr um 5,5 und im nächsten um 6,3 Prozent steigen. Die Arbeitslosigkeit werde im nächsten Jahr nur geringfügig auf 4,803 Millionen im Jahresdurchschnitt sinken.

In den vergangenen Jahren sei auch das deutsche Potenzial-wachstum" immer weiter zurückgegangen, so dass schon kleine Störungen in die Stagnation führten, sagte Rürup. Die Strukturprobleme Deutschlands würden durch die Folgen der deutschen Einheit noch verstärkt.

Der Gutachter Peter Bofinger (Würzburg) äußerte in mehreren Punkten eine von der Mehrheit abweichende Meinung. Nach seiner Meinung verunsichert eine Aufweichung des Flächentarifvertrages oder eine Lockerung des Kündigungsschutzes die Arbeitnehmern - mit negativen Folgen für den privaten Verbrauch.

Bofinger kritisierte, die Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre sei zu einseitig auf die Verbesserung der Angebotsbedingun-gen fixiert gewesen. Dies habe nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht. Rürup sagte dazu, dass die Erholung des Produktionspo-tenzials nicht auf Knopfdruck" funktioniere und Reformen Zeit brauchten, ihre Wirkung zu entfalten.

Zu den Aufgaben der so genannten Fünf Weisen gehört die Analyse der gesamtwirtschaftlichen Lage und deren absehbare Entwicklung. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirt-schaftlichen Entwicklung ist als ein Gremium der Politikberatung per Gesetz im Jahre 1963 eingerichtet worden.

Die Wirtschaftsweisen" legen jedes Jahr Mitte November ein Jahresgutachten vor sowie Sondergutachten in besonderen Problemlagen oder im Auftrag der Bundesregierung. Der Rat ist unabhängig. Er hat die gesamtwirtschaftliche Lage und deren absehbare Entwicklung zu analysieren. Er muss untersuchen, wie im Rahmen der Marktwirtschaft gleichzeitig Stabilität des Preisniveaus, hoher Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wachstum gewährleistet werden können. Die jährlichen Expertisen sind vor der endgültigen Verabschiedung des nächsten Bundeshaushaltes durch den Bundestag vorzulegen.

Der Rat besteht aus fünf Professoren, die für jeweils fünf Jahre vom Bundespräsidenten auf Vorschlag der Bundesregierung berufen werden. Zurzeit hat der Renten- und Gesundheitsexperte Bert Rürup (Darmstadt) den Vorsitz inne. Weitere Mitglieder sind die Wirtschaftswissenschaftler Beatrice Weder di Mauro (Mainz), Wolfgang Wiegard (Regensburg), Wolfgang Franz (Mannheim), und Peter Bofinger (Würzburg).

(Internet: www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de)

 

 

Last modified on:11/14/2005

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