19 August, 2008

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Tschechische Stadt bedauert deutsche Nachkriegsopfer

Von Wolfgang Jung

Prag (dpa) - Die tschechische Stadt Usti nad Labem (Aussig) besitzt eine reiche Vergangenheit. Die örtliche Burg Schreckenstein inspirierte Richard Wagner 1842 zur Oper Tannhäuser", zudem war die nordböhmische Kommune stets ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt auf dem Weg nach Westen. Vertriebene hingegen verknüpfen mit der Stadt schmerzhafte Erinnerungen. Auf der dortigen Elbe-Brücke kam es 1945 zu einem der schlimmsten Nach-kriegsmassaker an Deutschen. Lange war der Massenmord tabu, jetzt will die Stadt aus diesem historischen Schatten treten. Am 60. Jahrestag der Bluttat an diesem Sonntag wird Außenminister Cyril Svoboda am Tatort eine Gedenktafel enthüllen.

Wie ein Blitz" sei die Meldung vom geplanten Versöhnungsschritt eingeschlagen, kommentierte das Magazin Respekt": Bisher hat die tschechische Gesellschaft das Trauma der Vertreibung ihrer Mitbürger eher verdrängt." Sogar Regierungschef Jiri Paroubek war vor kurzem von Präsident Vaclav Klaus gerügt worden, weil der Sozialdemokrat sudetendeutsche Widerstandskämpfer erstmals offiziell würdigen will. Paroubek, kommentierte Klaus, habe wohl den Verstand verloren".

Am 31. Juli 1945 war es in Usti als Reaktion auf die bis heute ungeklärte Explosion eines Depots zu Übergriffen paramilitärischer tschechischer Einheiten auf deutsche Bewohner gekommen. Viele der mindestens 80 Opfer wurden schwer verletzt von der Brücke in die nach Sachsen fließende Elbe geworfen, wo später zahlreiche Leichen geborgen wurden. Die Täter wurden nie bestraft. Die Tafel soll unsere Trauer über unnötige Opfer ausdrücken und zugleich eine Würdigung sein", sagt Oberbürgermeister Petr Gandalovic.

Nicht alle sehen dies so. Es sei eine Unverschämtheit, die Tafel an einer Brücke anzubringen, die nach dem langjährigen Präsidenten Edvard Benes (1884-1948) benannt sei, tobt die Kommunistische Partei. Schließlich habe Benes 1938 vor den Nazis nach London fliehen müssen. Und in Internet-Diskussionsforen wird Angst geschürt: Heute bekennen wir uns zu dem Massaker, morgen müssen wir wieder Gebiete an die Deutschen abtreten", warnt ein Teilnehmer. Gandalovic nimmt solche Stimmen ernst. Auch deswegen wird es auf der Tafel nur einen schlichten Satz auf Tschechisch und auf Deutsch geben: Zum Gedenken an die Opfer der Gewalt vom 31. Juli 1945".

Usti nad Labem wird die zweite tschechische Stadt nach Brno (Brünn) sein, die einen solchen Schritt unternimmt. Die mährische Metropole hatte vor vier Jahren den Todesmarsch" von 20000 Deutschen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bedauert. Gandalovic plant noch weiteres: Tschechiens früherer Generalkonsul in New York will außer der Tafel in Usti nad Labem auch ein Museum der Deutschen in Böhmen" errichten. Schließlich wohnten in der Elbe-Stadt bis 1945 rund 80000 Deutsche, das waren 93 Prozent der Einwohner.

Wir wollen unseren Nachbarn die Hand zur Versöhnung reichen", betont Gandalovic, der nach einem erwarteten Wahlsieg seiner konservativen Partei ODS im kommenden Jahr mit einem Ministeramt rechnen darf. Der örtliche Historiker Vaclav Houfek unterstützt die Idee des Museums. Neben der wichtigen Forschungsarbeit denkt er dabei auch praktisch: Eine Dokumentation der Geschichte der drei Millionen Vertriebenen würde sicher Touristen aus dem nahen Deutschland ins Stadtmuseum bringen. Mit aufgespießten Käfern locken wir heute keinen mehr an", meint der Tscheche pfiffig.

Die Bronzetafel, die die tschechische Stadt Usti nad Labem (Aussig) am 31. Juli 2005 an der Edvard-Benes-Brücke enthüllen will (Foto Anfang Juli 2005), erinnert an eines der schlimmsten Nachkriegsmassaker an Deutschen. Am 31. Juli 1945 waren in der nordböhmischen Stadt mindestens 80 Menschen von paramilitärischen tschechischen Einheiten getötet wurden. Foto: Jan Sicha dpa

 

 

Last modified on:08/01/2005

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