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Von Alexander
Missal, dpa
Frankfurt/Main (dpa) Europas oberster
Notenbanker Jean-Claude Trichet hatte in den vergangenen Monaten müde
gewirkt. Sein französischer Charme schien ihm abhanden gekommen zu sein. Als
Trichet jedoch am letzten Freitag in Frankfurt auf dem Podium einer
Diskussionsrunde mit anderen internationalen Bankern Platz nahm, wirkte er
wieder tatendurstig. Wenig später überraschte Trichet die Finanzmärkte mit
der fast schon sensationell klaren Ankündigung einer Zinserhöhung. Damit hat
der Notenbanker nach Einschätzung von Experten vor allem seine
Entschlossenheit und Unabhängigkeit von politischer Einflussnahme unter
Beweis gestellt.
Es waren
handschriftliche Notizen, von denen Trichet die wichtigste geldpolitische
Ankündigung der vergangenen Jahre ablas. Der Vorstandschef der Dresdner
Bank, Herbert Walter, bat den 62 Jahre alten Notenbankchef, auf dem
Frankfurter Bankenkongress doch etwas zur Zinspolitik zu sagen. Die
anwesenden Banker - einige von ihnen befanden sich nach der ausgedehnten
Mittagspause in einer Art Halbschlaf - erwarteten nun, dass Trichet seine
vagen Umschreibungen von großer Wachsamkeit" und andere rhetorischen
Allgemeinplätze des Notenbanker-Vokabulars wiederholen würde. Doch dann kam
alles anders.
Fast wie ein
Dekret verkündigte Trichet, dass die EZB nun bereit zu einer Entscheidung"
über eine Zinserhöhung sei, und ließ keinen Zweifel daran, dass im Dezember
die Ära der historisch niedrigen Zinsen in der Eurozone beendet sein würde.
Die Zuhörer glaubten ihren Ohren kaum zu trauen. Trichets Blässe war
verflogen, fast schon ein bisschen stolz blickte er nach seiner
überraschenden Ankündigung in die Runde.
Seit Trichets
Amtsantritt im November 2003 hatte die Zentralbank die Zinsen weder erhöht
noch gesenkt. Einige Kritiker warfen ihm daher Handlungsschwäche vor. In den
vergangenen Wochen waren Notenbanker aus der zweiten Reihe mehrfach mit
widersprüchlichen Äußerungen an die Öffentlichkeit getreten. Und dann
forderten die Euro-Finanzminister lautstark - zum ersten Mal in dieser
Eindringlichkeit - von der EZB, die Zinsen konstant zu halten, um die
wirtschaftliche Erholung nicht zu gefährden.
Trichet ärgerte
sich augenscheinlich über die versuchte Beeinflussung und ließ in einer
freizügigen Minute sogar durchblicken, dass er das letzte Wort habe. Jetzt
demonstrierte er dies nun auch in der Praxis. Die Zinserhöhung am 1.
Dezember gilt als ausgemachte Sache, und nach der Ansicht von Volkswirten
dürfte Trichet einen Teil seiner verloren geglaubten Autorität
zurückgewonnen haben. |