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Berlin (dpa) - Feiner Duft steigt
aus silbernen Kännchen in die Nase. Mit gekonntem Schwung gießt Tea-Masterin
Kathleen Winkler einen Assam in eine Porzellantasse mit Goldrand. Nicht nur
im Berliner Luxushotel Adlon am Brandenburger Tor ist Tee dabei, dem
Modegetränk Latte macchiato kräftig Konkurrenz zu machen. Tea-Time wird in
Deutschland immer beliebter.
Der Trend zum Tee ist deutlich zu spüren. Mit der Wellness-Welle hat er sein
Oma-Image völlig verloren", sagt Kathleen Winkler. Sie muss es wissen. Die
26-jährige Winkler ist die Tea-Masterin des Fünf-Sterne-Hotels, was so viel
heißt wie: geprüfte Tee-Beraterin. Was dem Weinkenner ein versierter
Sommelier ist, ist Kathleen Winkler für den Teefreund. Sie kann nicht nur
den Geruch 20 verschiedener Teesorten mit verbundenen Augen erschnuppern.
Sie berät Gäste auch bei der Tee-Wahl, beschreibt Geschmack und Aroma und
versteht sich auf die Zubereitung.
Wer in der Hotel-Lobby nach Tee verlangt, bekommt von Kathleen Winkler
zuerst eine hölzerne Tee-Karte gereicht. In kleinen Schaufenstern sind
Blüten und Blättchen von Assam", Morgentau" oder Earl Grey" zu sehen.
Ähnlich wie beim Wein kreisen Kenner- Gespräche schnell um Anbaugebiete,
Pflückung oder Geschmacksrichtung. Die Beschreibung fischig-algig" für
japanische Sorten ist dabei durchaus zulässig. Auch die wechselnden Tee-Moden
spürt die Masterin schnell: Fragten Teefreunde im vergangenen Jahr noch nach
Rotbusch-Sorten, steht nun weißer Tee ganz oben auf der Beliebtheitsskala.
Weißer Tee ist wie Eiswein", erläutert Kathleen Winkler - eine Auslese, kein
Massenprodukt. Im alten China hatte er den Ruf, zur Unsterblichkeit zu
verhelfen. Noch heute werden nur die ungeöffneten Blattknospen des
Teestrauchs dafür gepflückt. Auch wenn der Tee mit seinem eher wässrigem
Aussehen in der Tasse nicht viel hermacht, entfaltet er ein sehr feines
Aroma. Bei ihrer Tee-Mission im Fünf- Sterne-Haus hat Winkler aber auch
Rückschläge einsteckten müssen. Fräulein, muss der nicht noch etwas länger
ziehen?", haben manche Uneingeweihte beim Anblick weißen Tees schon
misstrauisch gefragt.
Prominente Adlon-Gäste sind beim Tee wählerisch. Queen Elizabeth II. trank
nur die Sorte, die ihr Butler mit nach Berlin brachte. Es wird gemunkelt,
dass es ein Famous Earl Grey gewesen sei. Und auch beim Tee für den Dalai
Lama mischte sich Winkler lieber nicht ein. Doch wenn es Schauspielern wie
Morgan Freemann nach Einschlaf-Tee gelüstet, fühlt sich die Tea-Masterin
gefordert. Abends ist sie ohnehin gefragt. Nach Oper oder Theater bestellen
viele Gäste heute lieber Tee als Cocktails", sagt sie. Die Frauen haben
dabei oft die Nase vorn. Männer werden dann überzeugt", berichtet Winkler.
Teetrinken ist ein Ritual, das seine Zeit braucht. Gelten Kaffeetrinker oft
als hektisch, sehen sich Teetrinker gern als die Ruhe selbst. Tee ist
bekömmlicher, weil der Körper die Stoffe langsamer abbaut", erläutert
Winkler. Tee-Liebhaber können sich wie bei einer Weinprobe durch viele
verschiedene Sorten probieren. Ein Vergnügen, das Kaffeetrinkern nicht
anzuraten ist. Da kriegt man wohl irgendwann das große Zittern", urteilt
Winkler.
Über die Tee-Gewohnheiten der verschiedenen Nationen kann sie viel erzählen.
Die Briten rühren Sahne im Tee grundsätzlich nicht um. Doch den Streit, ob
erst der Tee und dann die Milch in die Tasse kommt oder umgekehrt, kann die
Kennerin nicht nachvollziehen. Das macht im Geschmack keinen Unterschied",
versichert sie. Die echten Feinde des Tees sind Süßstoff und Zitrone." Auch
Tee-Eier oder Teehäuschen schaden dem Genuss. Tee braucht Raum, um sein
Aroma zu entfalten", betont die Expertin. Von der Marotte, Teekannen nicht
auszuwaschen, hält Winkler nichts. Das finde ich unhygienisch".
Für den Titel Tea-Masterin" hat Kathleen Winkler Prüfungen im In- und
Ausland abgelegt und auch bei der Tee-Ernte in Sri Lanka zugeschaut. Ich
habe heute viel mehr Respekt vor Tee", sagt die gelernte Restaurantfachfrau.
Dem Kaffee hat sie ganz abgeschworen. |