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Genf
(dpa) - Die Schweiz hat das dichteste Bahnnetz in Europa. Und nur die
Japaner fahren mehr Eisenbahn als die Eidgenossen. Das Kürzel SBBder
Schweizerischen Bundesbahnen steht für Pünktlichkeit und Effizienz. Doch
seit Mittwochabend ist die heile Welt der bahngläubigen" Schweizer aus den
Fugen. Ein Kurzschluss führte rund 200000 Menschen vor Augen, dass nach der
zusammengebrochenen Fluglinie Swissair nun auch auf die SBB kein Verlass
mehr ist. Rund drei Stunden ging nichts mehr im Schweizer Bahnnetz mit 3000
Kilometern Länge.
Es erwischt immer
die Richtigen, sagt der Volksmund. Benedikt Weibel sass im
Hochgeschwindigkeitszug TGV von Paris nach Bern, als der Zug auf freier
Strecke stoppte. Bei brütender Hitze fiel die Klimaanlage aus, die Reisenden
waren rat- und mutlos. Weibel ist kein geringerer als der SBB-Konzernchef.
Es ist mir unendlich peinlich", sagte er am Donnerstag, als die Züge schon
wieder planmäßig rollten, nachdem fast alle SBB-Mitarbeiter eine
Nachtschicht für die Ehre eingelegt hatten.
Weibel lobt, wie
sie mit der Krise umgegangen sind. Auf den Bahnhöfen wurde zum Teil gesungen
und getanzt. Es kam zur Kommunikation zwischen wildfremden Menschen, was in
diesem Land nicht so üblich ist", stellte der Bahnchef fest. Eine
Engländerin verwies im Fernsehen darauf, dass das Bahnsystem in ihrem Land
marode ist. Aber so etwas wie jetzt in der Schweiz gab es dort noch nie."
Ein Deutscher, mit deutlichem Akzent aus den neuen Bundesländern, jammert:
Wir sind ja in Deutschland Kummer gewohnt. Aber so etwas in der Schweiz...."
Gelassenheit gab
es vielleicht auf den Bahnöfen, wo mit Getränkegutscheinen das Warten zu
ertragen war. Doch diejenigen, die etwa in den zahllosen Schweizer Tunnels
festsaßen, waren alles andere als gelassen. Viele stiegen aus den Zügen und
versuchten, zu Fußüber die Gleise ins Freie zu gelangen. Das war zum Teil
lebensgefährlich, denn die SBB hatte als erstes Dieselloks in die Tunnel
geschickt, um diese Züge abzuschleppen. Bei Stromausfall funktionieren noch
ein Notlicht und die Türen lassen sich öffnen. Die Klimaanlagen jedoch
fallen alle aus - bei über 30 Grad kein Vergnügen.
Wenn in Nepal der
Strom ausfalle, riefen die Leute sich auf der Straße bisuli zaina" (kein
Strom) zu, schrieb der Tages-Anzeiger" aus Zürich am Donnerstag bitter. Wir
sind eben nicht in Nepal, sondern in einem Land, wo sich hunderttausende
Pendler Tag für Tag auf den Schienenverkehr verlassen." Nun sei man im
größten Stau der Schweizer Verkehrsgeschichte stecken geblieben".
Die Schweizer
haben beim Blackout am Mittwochabend die Gewissheit erhalten, dass in ihrem
Musterland endgültig das Besondere verschwunden ist. Die Folgen? Die
Regierung will nun den SBB- Verantwortlichen an den Kragen und kündigte
harsche Untersuchungen an. Diese wiederum denken über einen Freie-Fahrt-Tag
für alle nach. Der Crash war ein nationales Ereignis", sagte der Leiter der
SBB- Infrastruktur, Hansjörg Hess, der Zeitung Blick". Das ein simpler
Kurzschluss das ganze Land in die Hilflosigkeit schicken kann, bleibt für
die Schweizer auch am Tag danach völlig unbegreiflich. Länder wie Nepal
kennen sich damit aus. |