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Von Gabriele
Chwallek
Washington (dpa) - Bei der Ankunft auf dem
Internationalen Flughafen von Miami wird Touristen in diesen Tagen ein
Flugblatt mit Benimmregeln in die Hand gedrückt. Vermeiden Sie Streit. Seien
Sie besonders vorsichtig, wenn Sie sich auf Floridas Straßen mit anderen
Autofahrern auseinander setzen", heißt es in dicken Lettern unter der
Überschrift Eine wichtige Mitteilung für Florida-Besucher".
Das Papier stammt von einer Organisation, die seit langem für eine
Beschränkung der Waffengesetze in den USA kämpft und sich nun sorgt, dass im
US-Sonnenscheinstaat künftig der Finger besonders locker am Abzug sitzt,
beispielsweise in Streit- und Stresssituationen, dann, wenn die Nerven
bloßliegen. Grund für die Befürchtungen ist ein Anfang Oktober in Kraft
getretenes Gesetz, bisher einmalig in den USA. Es erlaubt Bürgern
ausdrücklich, sich mit Gewalt, einschließlich Waffengewalt, zu verteidigen,
wenn sie Leib und Leben bedroht sehen - vorausgesetzt, ihr Aufenthalt an dem
betreffenden Ort ist legal. Das Gesetz gewährt zugleich Schutz vor
Strafverfolgung falls der angebliche Angreifer verletzt oder getötet wird,
es sei denn, der Getötete ist ein Polizeibeamter.
Bisher hatte das ausdrückliche Recht zur aktiven gewaltsamen
Selbstverteidigung für eine Bedrohung auf eigenem Grund und Boden, also
daheim, gegolten. Für eine Bedrohungssituation außerhalb der eigenen vier
Wände oder des Gartenzauns lautete die Maßgabe: Gewalt vermeiden, den
Rückzug suchen, so weit, wie es nur geht. Behaupte- dich-Gesetz" wird die
neue Regelung von Befürwortern genannt, Kritiker haben eine andere
Bezeichnung: Schieße zuerst, frage später."
Die Neuregelung passierte Floridas Kongress mit fliegenden Fahnen. Nur 20
Gegenstimmen gab es im Abgeordnetenhaus und Einstimmigkeit im Senat, und der
republikanische Gouverneur und Präsidentenbruder Jeb Bush setzte seine
Unterschrift mit Freuden unter das insbesondere von der mächtigen US-Organisation
der Waffenbesitzer (NRA) unterstützte Gesetz. Das Hauptargument der
Befürworter: Das Gesetz schütze unschuldige Opfer und werde sich
abschreckend auf potenzielle Gewalttäter auswirken.
Im
Fall einer Bedrohung wegzurennen, komme geradezu einer Einladung nach, sich
in den Rücken schießen zu lassen oder vergewaltigt zu werden, zitiert die
Los Angeles Times" beispielsweise den republikanischen Abgeordneten Dennis
Baxley, der zu den Initiatoren der neuen Bestimmung zählt. Das neue Gesetz
sende ein klares Signal aus, dass es in Florida ein Recht ist, sich selbst
zu schützen".
Die Brady-Kampagne zur Verhinderung von Waffengewalt", die nach dem bei
einem Anschlag verletzten früheren Präsidentensprecher James Brady benannt
und für die Flugblätteraktion verantwortlich ist, widerspricht entschieden.
Es gebe kein anderes zivilisiertes Land auf der Welt, dass ein derartiges
Gesetz habe, sagt Sprecher Peter Hamm. Es ermutigt zur Gewalt neigende
Menschen in Reizsituationen, eine Bedrohungssituation zu sehen, die gar
nicht existiert." Die Abgeordnete Eleanor Sobel, die gegen das Gesetz
stimmte, befürchtet ebenfalls, das Florida zum Wilden Westen werden könnte.
Das neue Gesetz gibt Menschen eine Entschuldigung, Waffen zu benutzen", so
die Demokratin.
Gute Menschen täten so etwas nicht, zitiert die Los Angeles Times" wiederum
den Vizechef der NRA, Wayne LaPiere. Sie sind vernünftig." Darauf will sich
die Brady-Organisation lieber nicht verlassen, zumal nicht in einem Staat,
in dem immerhin rund 350000 Bürger die Erlaubnis haben, Waffen verdeckt bei
sich zu tragen. So warnt die Gruppe denn Florida-Reisende, in jedem Fall
Drohgebärden zu vermeiden - denn das könne tödlich sein. |