05 August, 2008

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Sturm und Drang zwischen Marbach und Mannheim

- Auf den Spuren des jungen Genies im Schillerjahr 2005 durch Baden-Württemberg

Marbach - Mit ein wenig Phantasie kann man ihn sich vorstellen, den kleinen Fritz, wie er im Hof des Cottaschen Hauses seinen Freunden Rollen zuteilt und vor leeren Stühlen Theater spielt. Damals war der heimelige Geburtsort Marbach am Neckar wohl ebenso vergessen wie das ländliche Lorch, in dem Familie Schiller von 1764 bis 1766 lebte. Der Umzug ins umtriebige Ludwigsburg mochte dem Knaben zunächst wie eine Vertreibung aus dem Paradies vorgekommen sein, doch das änderte sich.

Denn zu jener Zeit unter Herzog Carl Eugen war Ludwigsburg der Gipfel der Eleganz. Die Residenzstadt hatte den Ruf, die beste französische Komödie außerhalb von Paris zu besitzen sowie die beste italienische Oper nördlich der Alpen. Und zum Glück des kleinen Friedrich Schiller standen sowohl das Schloß-Theater als auch die großartige Bibliothek des Herzogs den Offiziersfamilien offen. Der Glanz des Hofes, die Pracht der Parks und Alleen, die Theateratmosphäre, die den vom Vater zum Priesterberuf bestimmten Knaben damals beglückte und vielleicht in ihm die Liebe zur Literatur weckte, ist noch heute erlebbar mit dem aufwendig restaurierten Appartement des Carl Eugen, dem Residenzschloß mit seinen reichen Sammlungen und dem original erhaltenen Hoftheater.

Trotz außerordentlichen Lerneifers war der Lateinschüler Fritz kein Tugendknabe. In der heutigen Stuttgarter Straße 26, wo die Familie des Hauptmanns Schiller in das Haus des Hof- und Kanzleibuchdruckers Friedrich Cotta, ein Onkel der berühmten Verlegers, eingezogen war, pflegten er und sein Schulfreund Friedrich Wilhelm von Hoven die Lettern in den Setzkästen durcheinander zu bringen. Ganz in der Nähe, Stuttgarter Straße 56, befand sich übrigens die Werkstatt des Glockengießers Ludwig Neubert, wo Fritz oft beim Glockenguß zugesehen haben soll. Bleibende Eindrücke, die später in seinem berühmten Gedicht von der Glocke Niederschlag fanden.

Was wäre wohl gewesen, wenn die Schillers in Marbach geblieben wären? Wenn der Vater als niedergelassener Chirurg dort ein Auskommen gefunden hätte, die Eltern seiner Frau ihren Gasthof Goldener Löwe" (heute ein behagliches und empfehlenswertes Restaurant) nicht verloren hätten? Wäre Friedrich Schiller ohne das Erlebnis Ludwigsburg Pfarrer geworden - und die Welt um einen klassischen Dichter ärmer? Das schlichte Haus in der Niklastorstraße 31, in dem er am 10. November 1759 das Licht der Welt erblickte, ist unter den literarischen Museen Deutschlands eine der herausragenden Adressen. Eine Schiller-Büste des Bildhauers Dannecker ist einziger Schmuck des kargen Geburtszimmers. Im Obergeschoß geben Vitrinen mit Erinnerungsstücken wie Taufhäubchen, Schachfiguren, Tabakdose oder ein handgeschriebenes Rezept der Mutter für Quittengebäck einen Eindruck vom Leben der Schillers. Noch bedeutsamer für Literatouristen ist das Schiller-Nationalmuseum auf der Höhe, wo im Jubiläumsjahr, 200 Jahre nach Schillers Tod im Sommer 1805 in Weimar, die Ausstellung Götterpläne & Mäusegeschäfte" (noch bis zum 9. Oktober 2005) den großen Sohn Marbachs würdigen.

Im auf einer Anhöhe bei Gerlingen gelegenen Schloß Solitude hatte Herzog Carl Eugen eine militärische Pflanzschule für Soldatenwaisen eingerichtet. Daraus wurde eine Militärakademie, die 1781 als Hohe Carlsschule den Rang einer Universität erhielt. Der despotische Landesherr wollte Nachwuchs für seine Dienste im Heer und am Hof züchten - Pfarrer waren im Ausbildungsplan nicht vorgesehen. Carl Eugen zwang Hauptmann Schiller, den begabten Sohn in seine Dienste zu geben, und am 16. Januar 1773 lieferte der Vater mit zerrissenem Gemüte" befehlsgemäß den 14jährigen auf Solitude ab. Für den lebhaften Knaben war die mit militärischem Drill betriebene Anstalt noch schlimmer als erwartet. Doch sein Widerstand wurde geweckt, ein Dichterleben als einzig freie, vollkommene Existenz ersehnt.

1775 wurde die Hohe Carlsschule in ein Kasernengelände beim Stuttgarter Schloß verlegt. Schiller wechselte nach einem lustlos betriebenen Jurastudium zur Medizin, wurde 1780 schlecht bezahlter Regiments-medicus in herzoglichen Diensten. Bald schrieb er an seinen Freund Elwert: Meine Knochen haben mir im Vertrauen gesagt, daß sie nicht in Schwaben verfaulen wollen."

Für sein auf der Solitude begonnenes Werk Die Räuber" fand Schiller keinen Verleger. Um es anonym im Eigenverlag herausgeben zu können, mußte er sich verschulden. Ohne Erlaubnis reiste er ins kurpfälzische Mannheim, um der Uraufführung am Nationaltheater beizuwohnen.

Schillers Geburtshaus (mitte) in Marbach

Schiller Denkmal in Marbach

 

 

Last modified on:05/24/2005

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