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Marbach - Mit ein wenig Phantasie kann man ihn sich vorstellen, den
kleinen Fritz, wie er im Hof des Cottaschen Hauses seinen Freunden Rollen
zuteilt und vor leeren Stühlen Theater spielt. Damals war der heimelige
Geburtsort Marbach am Neckar wohl ebenso vergessen wie das ländliche Lorch,
in dem Familie Schiller von 1764 bis 1766 lebte. Der Umzug ins umtriebige
Ludwigsburg mochte dem Knaben zunächst wie eine Vertreibung aus dem Paradies
vorgekommen sein, doch das änderte sich.
Denn zu jener Zeit unter Herzog Carl Eugen war Ludwigsburg der Gipfel der
Eleganz. Die Residenzstadt hatte den Ruf, die beste französische Komödie
außerhalb von Paris zu besitzen sowie die beste italienische Oper nördlich
der Alpen. Und zum Glück des kleinen Friedrich Schiller standen sowohl das
Schloß-Theater als auch die großartige Bibliothek des Herzogs den
Offiziersfamilien offen. Der Glanz des Hofes, die Pracht der Parks und
Alleen, die Theateratmosphäre, die den vom Vater zum Priesterberuf
bestimmten Knaben damals beglückte und vielleicht in ihm die Liebe zur
Literatur weckte, ist noch heute erlebbar mit dem aufwendig restaurierten
Appartement des Carl Eugen, dem Residenzschloß mit seinen reichen Sammlungen
und dem original erhaltenen Hoftheater.
Trotz außerordentlichen Lerneifers war der Lateinschüler Fritz kein
Tugendknabe. In der heutigen Stuttgarter Straße 26, wo die Familie des
Hauptmanns Schiller in das Haus des Hof- und Kanzleibuchdruckers Friedrich
Cotta, ein Onkel der berühmten Verlegers, eingezogen war, pflegten er und
sein Schulfreund Friedrich Wilhelm von Hoven die Lettern in den Setzkästen
durcheinander zu bringen. Ganz in der Nähe, Stuttgarter Straße 56, befand
sich übrigens die Werkstatt des Glockengießers Ludwig Neubert, wo Fritz oft
beim Glockenguß zugesehen haben soll. Bleibende Eindrücke, die später in
seinem berühmten Gedicht von der Glocke Niederschlag fanden.
Was
wäre wohl gewesen, wenn die Schillers in Marbach geblieben wären? Wenn der
Vater als niedergelassener Chirurg dort ein Auskommen gefunden hätte, die
Eltern seiner Frau ihren Gasthof Goldener Löwe" (heute ein behagliches und
empfehlenswertes Restaurant) nicht verloren hätten? Wäre Friedrich Schiller
ohne das Erlebnis Ludwigsburg Pfarrer geworden - und die Welt um einen
klassischen Dichter ärmer? Das schlichte Haus in der Niklastorstraße 31, in
dem er am 10. November 1759 das Licht der Welt erblickte, ist unter den
literarischen Museen Deutschlands eine der herausragenden Adressen. Eine
Schiller-Büste des Bildhauers Dannecker ist einziger Schmuck des kargen
Geburtszimmers. Im Obergeschoß geben Vitrinen mit Erinnerungsstücken wie
Taufhäubchen, Schachfiguren, Tabakdose oder ein handgeschriebenes Rezept der
Mutter für Quittengebäck einen Eindruck vom Leben der Schillers. Noch
bedeutsamer für Literatouristen ist das Schiller-Nationalmuseum auf der Höhe,
wo im Jubiläumsjahr, 200 Jahre nach Schillers Tod im Sommer 1805 in Weimar,
die Ausstellung Götterpläne & Mäusegeschäfte" (noch bis zum 9. Oktober 2005)
den großen Sohn Marbachs würdigen.
Im
auf einer Anhöhe bei Gerlingen gelegenen Schloß Solitude hatte Herzog Carl
Eugen eine militärische Pflanzschule für Soldatenwaisen eingerichtet. Daraus
wurde eine Militärakademie, die 1781 als Hohe Carlsschule den Rang einer
Universität erhielt. Der despotische Landesherr wollte Nachwuchs für seine
Dienste im Heer und am Hof züchten - Pfarrer waren im Ausbildungsplan nicht
vorgesehen. Carl Eugen zwang Hauptmann Schiller, den begabten Sohn in seine
Dienste zu geben, und am 16. Januar 1773 lieferte der Vater mit zerrissenem
Gemüte" befehlsgemäß den 14jährigen auf Solitude ab. Für den lebhaften
Knaben war die mit militärischem Drill betriebene Anstalt noch schlimmer als
erwartet. Doch sein Widerstand wurde geweckt, ein Dichterleben als einzig
freie, vollkommene Existenz ersehnt.
1775 wurde die Hohe Carlsschule in ein Kasernengelände beim Stuttgarter
Schloß verlegt. Schiller wechselte nach einem lustlos betriebenen
Jurastudium zur Medizin, wurde 1780 schlecht bezahlter Regiments-medicus in
herzoglichen Diensten. Bald schrieb er an seinen Freund Elwert: Meine
Knochen haben mir im Vertrauen gesagt, daß sie nicht in Schwaben verfaulen
wollen."
Für
sein auf der Solitude begonnenes Werk Die Räuber" fand Schiller keinen
Verleger. Um es anonym im Eigenverlag herausgeben zu können, mußte er sich
verschulden. Ohne Erlaubnis reiste er ins kurpfälzische Mannheim, um der
Uraufführung am Nationaltheater beizuwohnen. |