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Von Arnold Schmitt
In der Ausgabe vom 18. Juni 2005
berichteten wir von der geplanten Rundreise einer deutschen Reisegruppe, die
auf den Spuren von Auswanderern das Gebiet der Großen Seen bereisen wollte.
Sie folgte einer Einladung von Pfarrer Richard Simon von der St. Thomas of
Canterbury Parish in Chicago. Als dieser im letzten Jahr anlässlich des 500.
Jahrestages zur Kirchweih der Dreifaltigkeitskirche in Neustadt weilte,
hatte er zu einem Gegenbesuch in die Vereinigten Staaten eingeladen. Im
nachfolgenden möchten wir die Reiseeindrücke dieser Gruppe aufzeigen:
Der Einladung von Pfarrer Simon folgte eine Gruppe mit 15 Personen aus
Neustadt und deren Nachbarort Stadtallendorf. Start 13. Juni um 14:30 Uhr in
Frankfurt und nach neun Stunden Flugzeit angekommen um 16:20 Uhr Ortszeit
auf dem Chicagoer Flughafen O'Hare. Wir bewältigten innerhalb eines
Nachmittags eine Strecke von über 4300 Meilen und befanden uns auf einem
anderen Kontinent!
Bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein hatten die
Auswanderer für diese Etappe bis zu drei Monate benötigt.
Mit dem Pendelbus ging es zu einem der am Flughafen befindlichen
Autovermieter, und wir fuhren sogleich zur Pfarrei von St. Thomas, im
nördlichen Teil Chicagos.
Dort wurden wir freudig von unseren Gastgebern begrüßt und bei dem
anschließenden leckeren Abendessen gab es Gelegenheit, sich schon einmal
etwas näher kennenzulernen. Für die nächsten Tage in Chicago hatten sich
Privatfamilien angeboten, uns bei sich aufzunehmen. Die Pfarrgemeinde setzt
sich aus den verschiedensten ethnischen Gruppen zusammen: Farbige,
Mittelamerikaner und Asiaten. Wir waren in Familien untergebracht, die
polnischer Herkunft sind.
Für den ersten Tag hatten wir uns viel vorgenommen. Nach einer ,kurzen'
Nacht und einem Frühstück machten wir als erstes einen Spaziergang am Strand
des Michigan-Sees und trafen um 8:00 Uhr zum Morgengottesdienst zusammen.
Außer uns waren an diesem Tag ausschließlich Frauen koreanischer Abstammung
in der Kirche. Die Messe wurde daher in englischer, koreanischer und zum
Teil deutscher Sprache gehalten.
Nach dem Gottesdienst fuhren wir nach Downtown Chicago zum Navy Pier. Auf
dieser, ursprünglich als Hafenanlage in den See hineingebauten Landzunge,
befinden sich heute Ausstellungshallen und Vergnügungsstätten. Von einem 45m
hohen Riesenrad konnten wir erste Eindrücke von der Größe Chicagos sammeln
und den Blick auf die Skyline genießen.
Weiter ging es in Richtung Innenstadt, dann nach Süden in den Grantpark. Im
nördlichen Teil des Parks wurde ein neuer Park angelegt, der Milleniumpark.
Vor der herrlichen Hochhaus-Kulisse, zu dem das schlanke Amoco Building
maßgeblich beiträgt, befindet sich eine Orchester-Muschel, davor eine große
Rasenfläche und alles über-spannt feinster Edelstahl. Es gibt Wasserläufe,
gefasst in Stein und Messing, Kräuter- und Staudenbeete - ein gerade
probendes Orchester ließ ahnen, wie herrlich hier Konzertabende zu genießen
sind. Aus dem Park heraus hatte man eine sehr schöne Sicht auf die
Hochhausreihe entlang der Michigan Avenue - wir waren begeistert. Hier
konnte man die unterschiedlichen Bauformen in perfekter Harmonie sehen:
Vorne die älteren, mehr verzierten Häuser mit den unterschiedlichsten
Dachformen und dahinter die neuen, größeren Gebäude mit den klareren
Konturen.
Anschließend ging es weiter bis zur Buckingham Fountain, einem der größten
Springbrunnen der Welt. Dessen Wasser sprühte so hoch, dass ein Wassernebel
bis weit in den Park hinein sprühte. Zum Mittagessen fuhren wir wieder
zurück zum Pfarrhaus. Dort hatten unsere Gastgeber im Innenhof bereits ein
umfangreiches Barbecue vorbereitet und außer uns noch einige
Gemeindemitglieder eingeladen. Der schöne Innenhof bildete ein schönes
Ambiente, wir hielten Small Talk und sangen gemeinsam Lieder.
Nach dem Barbecue kehrten wir wieder in die Innenstadt zurück und setzen an
der Buckingham Fountain unsere Stadttour fort. Wir durchstreiften Loop - das
eigentliche Stadtzentrum. Hier konnte man einhundert Jahre
Hochhausarchitektur vom feinsten sehen. Hochhäuser in dieser Anzahl, mit
diesen Höhen! Es gab so gut wie kein Grün, aber die Häuser aus Glas, Granit
und Stahl vermittelten einen edlen Eindruck. Wir kamen zum Rockery Building,
einem Hochhaus aus den 1880er Jahren. Am Board of Trade, der Warenbörse, kam
der Höhepunkt des heutigen Tages: Der Sears Tower. Dieser Hochhauskomplex
mit über 440m Höhe war längere Zeit der höchste Wolkenkratzer der Welt. Von
dort oben gab es eine unbeschreibliche Aussicht auf die Stadt. Im Osten der
einem Meer gleichende Michigan-See, der Yachthafen, am Ufer die grünen
Parkanlagen und unter uns die ganze Innenstadt voller Hochhäuser. Von hier
oben konnte man erst sehen, um wieviel mehr
der Sears Tower die anderen überragt.
Spätnachmittags erreichten wir die Bootsanlegestelle am Chicago-River, um
eine Fluss- und Seefahrt zu unternehmen. Vom Boot aus war der Eindruck sehr
eindringlich: Dicht an dicht standen die Wolkenkratzer und sie waren bis
direkt an das Wasser gebaut. Wir waren überwältigt von dieser
architektonischen Leistung. Vom See aus hatte man eine sehr schöne Sicht auf
die Skyline Chicagos. Es herrschte hoher Wellengang und alle hatten Spaß mit
dem hereinspritzenden Wasser. Als das Boot die Anlegestelle erreichte, war
es bereits dunkel. Gegenüber wurde das Wrigley Building hell angestrahlt und
die Spitze mit wechselnden Farben erleuchtet. Dieses Hochhaus in den
zwanziger Jahren im Zuckerbäckerstil errichtet, ist ein Wahrzeichen der
Stadt. Nach einem Zwischenstopp bei einem Pizzabäcker fuhren wir geschafft,
aber voller neuer Eindrücke, zu unseren Gastgebern zurück.
An
den nächsten beiden Tagen unternahmen wir Ausflüge außerhalb Chicagos. Ziel
war Milwaukee und Umgebung. Wir besichtigten die Innenstadt, die Miller-Brauerei
und die Fabrik Harley Davidson. Das Museumsdorf Old Wisconsin bei Eagle,
nahe Milwaukee war auch ein Ziel. Dort sind sehr anschaulich und in
natürlicher Umgebung Siedlungshäuser aus dem 19. Jahrhundert aufgebaut und
mit Gärten und Äcker umgeben. Die Siedlungsplätze sind nach den
Herkunftsländern der Einwanderer zusammengestellt: Es gibt Bereiche von
Yankees, Polen, Finnen, Deutschen (auch aus Hessen) und so weiter.
Im
Gegensatz zur deutschen Landwirtschaft gibt es in den Staaten keine
Bauerndörfer, sondern alle Farmen stehen als Einzelgehöfte in Sichtweite zum
Nachbarhof in der jeweilig landwirtschaftlich genutzten Fläche. Es handelte
sich meist um nicht so große Wohnhäuser, dafür aber um so größere
landwirtschaftliche Gebäude.
Unseren vierten und letzten Tag wollten wir wieder in Chicago selbst
verbringen. Am frühen Morgen besuchten wir eine alte Synagoge. Sie war wohl
eine der größten und ältesten in der Stadt.
Anschließend ging es nach Chinatown, wir besuchten einen asiatischen
Einkaufsmarkt und kehrten in Al Capones Bar Green Mill ein. Das Klischee,
die Deutschen würden bei Chicago meist nur an Gangster, Al Capone und
Schlachthöfe denken, scheint leider wohl zu stimmen. Deshalb wohl bei uns
auch die Begeisterung über das tatsächlich gesehene.
Wir unternahmen noch einmal einen Abstecher in die Innenstadt und wollten
uns unbedingt noch die Magnificent Mile anschauen. In dieser Prachtmeile
befinden sich viele Geschäfte und Boutiquen und so bummelten wir vom Chicago
River, vorbei am Water Tower bis hin zum Hancock Center. Dieser
Wolkenkratzer mit über 340m Höhe ist in der nördlichen Stadt der Gegenpol
zum Sears Tower.
Allerdings hatten wir auch die Schattenseiten Chicagos gesehen. Zweimal pro
Woche gibt es in der Pfarrgemeinde ein Armenessen, so auch am Nachmittag
unseres letzten Tages in Chicago. Im Pfarrsaal wurden die Tische gestellt
und für etwa 150 Personen Essen verteilt. Es kamen Helfer aus allen sozialen
Schichten, um diesen Armen zu helfen. Auch ein größerer Teil unserer Gruppe
fasste mit an und konnte sich beim Bedienen oder auch in der Küche nützlich
machen.
Dann hieß es Abschied nehmen. Bei allen unseren Unternehmungen begleiteten
uns immer Angehörige unserer Gastfamilien und es war schön, in diesen Tagen
so viele, gute Menschen kennengelernt zu haben. Es gab viel Freude, aber es
wurden auch ernstere Themen angesprochen. So konnten wir zum Beispiel
erfahren, dass es in den Staaten keine Schulpflicht gäbe. Hier sei es nicht
unüblich, dass Eltern ihre Kinder selbst unterrichten und das nicht nur in
der Grundschule, sondern bis hin zur High-School. Diese Eltern hielten die
Schulen für zu liberal, es gäbe Quotenregelungen, welche mittlerweile Weiße
benachteilige, die Disziplin würde vernachlässigt und es gäbe immer mehr
Schüler, die am Ende ihrer Schulzeit kaum lesen und schreiben könnten.
Am
nächsten Morgen verließen wir Chicago und fuhren über Milwaukee bis nach
Manitowoc in Wisconsin. Von dieser Hafenstadt gibt es eine Fährverbindung
nach Ludington in Michigan. Beim Besteigen der Fähre wurden Personen- und
Handgepäckkontrollen durchgeführt.
Bei der vierstündigen Überfahrt hatten wir wieder reichlich Gelegenheit zu
plaudern. Eine amerikanische Radler-Reisegruppe hatte sich neben uns gesetzt
und so konnten wir uns mit diesen wieder schön austauschen.
Ludington ist eine sehr schön gelegene kleine Hafenstadt. Vorbei am
Leuchtturm und der Hafenmole strahlte sie nördliches Flair aus. Die Stadt
schmiegt sich um den Pere Marquette Lake, und nach Norden befindet sich ein
kilometerlanger, breiter, feinsandiger Strand. Alle Straßen sind
senkrecht-waagrecht angeordnet. Nachdem wir unser Motel bezogen hatten,
unternahmen wir noch einen Ausflug zum wenige Kilometer nördlich der Stadt
gelegenen Ludington State Park. Dieser Park ist zumeist mit Laubbäumen
bewaldet, und es gibt viele hohe Sanddünen. Wir unternahmen einen
Spaziergang entlang des Sable Rivers, dachten unwillkürlich an Trapper,
Pelztierjäger und Kanus.
Am
nächsten Morgen konnten wir zum erstenmal ein gemeinsames Frühstück in einem
Selbstbedienungs-Restaurant mit großem Frühstücksbuffet einnehmen. An diesem
Sonntag wollten wir gerne wieder einen Gottesdienst besuchen. Die
katholische Kirche befand sich im Vorort, am Rande eines Gewerbegebietes.
Die Messe war sehr gut besucht, und es war ein andächtiger, fröhlicher
Gottesdienst. Hier fand man Ruhe und Freude.
Wir verließen Ludington und durchquerten Michigan nach Osten. Das ganze Land
war eben,
anfangs noch bewaldet und feucht, ging es aber immer mehr in
landwirtschaftliche Flächen über. Am späten Nachmittag erreichten wir
Frankenmuth. In diesem von Deutschen gegründeten und bewohnten Städtchen
schafft man mit dem deutschen und besonders bayerischen Flair einen
Touristen-Magneten. Wir hatten befürchtet der Kitsch würde hier überhand
nehmen, waren aber eigentlich positiv überrascht. Der Ort ist sehr schön
angelegt. Entgegen der amerikanischen Ortschaften mit den Rasenflächen, gibt
es hier entlang der Straßen Beete und Grünanlagen mit Sträuchern und Stauden.
Ein neues Zentrum, einer mittelalterlichen Kleinstadt nachempfunden, mit dem
üblichen Touristenshops - aber alles nicht aufdringlich oder kitschig. Am
Bavarian Inn spielten Musiker in Lederhosen, und am Abend waren wir hier
wohl die einzigen Preussen und das bei stolzen Preisen.
Das erste Ziel war Caro, eine Ortschaft nordöstlich von Frankenmuth. Dort
lebt auf einer Farm der Sohn des Neustädter Auswanderers Schultheis. Nach
längerem Suchen konnten wir endlich die Farm und auch Mr. Schultheis finden.
Sein Vater war erst in den 1920er Jahren ausgewandert, hatte sich hier eine
Farm aufgebaut und war vor ein paar Jahren verstorben. Mr. Schultheis hatte
mittlerweile die Landwirtschaft aufgegeben, betreibt eine
Landmaschinen-Werkstatt, und seine Frau betreut pflegebedürftige Senioren.
Nach einer kurzen Erfrischung in seinem Haus fuhren wir weiter nach Port
Huron.
An
dieser am Lake Huron gelegenen Hafenstadt befindet sich der Grenzübergang
nach Kanada. Wir überquerten die Bluewater-Brücke und erreichten so Ontario
in Kanada. Wir empfanden die Geschwindigkeitsbeschränkung von 100 km/h als
wohltuend. Der Verkehr floss ruhig, es wurde nicht so gerast wie in Europa.
Vorbei an der Großstadt London führte die Straße meist durch
landwirtschaftlich genutztes Land. Überall konnte man die rotgestrichenen
Farmen wie in den USA sehen.
Am
späten Nachmittag erreichten wir Niagara Falls, die 80.000 Einwohner-Stadt
auf der kanadischen Seite der Fälle. Als wir nach dem Abendessen Richtung
Wasserfälle gingen, konnten wir es kaum glauben: Überall Spielhöllen,
Frankenstein auf dem Burger King, daneben die Geisterbahn mit Dracula, bunte
Lichter, Restaurants und Hotels. Die Straßen, die Häuser, man dachte an Las
Vegas. Wir erreichten die Wasserfälle. Auch diese wurden farbig angestrahlt.
Am
nächsten Morgen stand schon das Besucherboot Maid of the Mist" bereit, und
mit diesem ging es vorbei an dem 60m hohen amerikanischen Wasserfall bis zum
hufeisenförmigen kanadischen. Inmitten des Getöses blieb das Boot eine ganze
Weile stehen. Die Wellen schlugen hoch, von oben regnete es so heftig, dass
das Wasser wie aus Eimern geschüttet die Treppen herunterfloss - die
Fahrgäste hatten bei diesem Nervenkitzel viel Spaß. Anschließend verließen
wir Niagara Falls, fuhren nach Westen durch Ontario und kamen am späten
Nachmittag in Windsor an. Dort konnte man am Ufer des Detroit Rivers die
schöne Sicht auf die Skyline Detroits genießen.
Da
lag sie, die Stadt, die ab den 1830er Jahren für viele Neustädter und
Stadtallendorfer der erste Anlaufpunkt im Mittleren Westen war. Hier endete
damals eine bis zu drei Monate dauernde, beschwerliche Reise.
Heute wird das Stadtbild von dem Renaissance Center beherrscht, einem
Wolkenkratzer mit fünf um diesen herum gruppierten kleineren Hochhaus-Türmen.
In dieser Anlage befindet sich heute neben Hotels, Geschäften und Lokalen
der Sitz von General Motors. Wir fuhren über die Ambassador Bridge und kamen
am Grenzübergang zu den US-amerikanischen Kontrollen. Wie bei den vorherigen
Kontrollen, machte auch hier das Personal durch den barschen Befehlston
einen sehr strengen Eindruck.
Weiter ging es in den Vorort Taylor. Dort wohnen Nachkommen von Auswanderern
der Familie Reeber aus Neustadt, und seit Jahren haben die Familien wieder
Kontakt miteinander. Ein Teil der Gruppe wohnte in den nächsten Tagen bei
der Familie und die anderen in einem Motel in der Nähe. Gleich am ersten
Abend war unsere Gruppe bei einem rustikalen Abendessen zu Gast bei der
Familie Reeber.
Am
nächsten Tag wollten wir nach Downtown Detroit. Aus Berichten anderer und
aus Reiseführern hatten wir erfahren, dass Detroit schon immer einem großen
Wandel ausgesetzt war. Mit der Besiedelung des Mittleren Westens kam ein
rasanter Aufstieg, der sich mit der Entwicklung zur Autometropole noch weit
mehr beschleunigte. Bereits um die Jahrhundertwende setzte aber schon die
Stadtflucht ein. Nach den Jahren des Aufbruchs brach in den 70er und 80er
Jahren die Wirtschaft ein und es herrschte Massenarbeitslosigkeit. Auch
Streiks, Demonstrationen und Rassenunruhen seien verantwortlich dafür, dass
immer mehr Weiße, die Stadt verließen. Die Bevölkerung sank im Stadtbereich
von 1,3 Millionen auf unter 1 Millionen Einwohner.
Wir wollten dennoch versuchen, Spuren unserer Auswanderer zu finden. Die
ersten Auswanderer siedelten zum Einen etwa 7 Meilen nordöstlich der Stadt
als Farmer und die anderen im östlichen Gebiet von Downtown, meist als
Geschäftsleute. So fuhren wir zuerst zum Mt. Elliott Friedhof. Dieser
Friedhof besteht seit 1841 und da in den USA keine Gräber aufgegeben werden,
fanden wir sehr schnell auch Gräber von Auswanderern, zum Beispiel aus
Neustadt, Niederklein und Schröck. Viele der Grabsteine sind noch sehr gut
erhalten, nur wenn weichere Steine verwendet wurden,
verwittern sie und werden unleserlich. Gleich am Eingang gab es bei der
Friedhofsverwaltung Gelegenheit, selbst nach Gräbern zu recherchieren.
Anschließend ging es weiter zur St. Mary Kirche in die Innenstadt. Hier
wurde 1843 die erste Kirche Deutscher Katholiken in Detroit erbaut und im
Jahre 1885 durch das jetzige Gebäude aus Elementen der Romanik und
Renaissance ersetzt. Bei der damaligen Grundsteinlegung war eine Marburger
Militärkappelle eingeladen, welche sich auf USA-Tournee befand.
Die Kirche ist sehr schön und reich ausgestattet und starke, rote
Granitsäulen tragen das Innenschiff. Nach einem Gottesdienst sangen wir ein
Großer Gott wir loben dich" und manch einer von uns sah hier in Gedanken die
Fest-Gemeinde von 1902, als in der Kirche die 400. Neustädter Kirchweih mit
Festgottesdienst und Geistlichem Konzert begangen wurde.
Gegenüber der Kirche steht noch das große, vierstöckige Schulgebäude von
1868 in äußerlich sehr gutem Zustand. In der Umgebung der St. Marys Kirche
wohnten einst viele Deutschstämmige und so auch die Neustädter und
Stadtallendorfer. Wie oben erwähnt, hatten wir bisher immer gehört, dass
außer der Kirche kaum noch Bausubstanz aus dem 19. Jahrhundert vorzufinden
sei. Als damals die Deutschen die Innenstadt verließen, kamen immer mehr
Griechen in dieses Viertel.
Bei den Reisevorbereitungen fiel auf, dass sich die Kirche St. Mary und auch
Greektown an der Monroe Street befinden. Das besondere an Greektown ist aber,
dass es hier noch zusammenhängend Gebäude aus dem 19. Jahrhundert gibt.
Jetzt wusste ich, wir würden eine Straße und Häuser aus der Zeit finden, in
der mein Urgroßvater in dieser Straße war und er diese Häuser gesehen hat.
In
unserem Familienbesitz befindet sich ein Foto, das um 1880 in 53 Monroe (damals
Avenue) entstand. Es zeigt meinen Urgroßvater Josef Berg, seinen Bruder und
einen weiteren Musiker mit einem Auswandererehepaar. Die drei Musikanten
waren in den 1870er und 80er Jahren mehrmals mit der etwa 20-köpfigen
Kapelle Marburger Jäger" in den USA auf Tournee und so auch in Detroit.
Ich hätte mir nie träumen lassen, jemals durch die Straße gehen zu können,
durch welche auch mein Urgroßvater einst ging. Ich vermute, dass dieser Teil
der Monroe Street mit der einzige, so gut erhaltene alte Straßenzug aus dem
19. Jahrhundert in Detroit ist. Es handelt sich dabei um zwei- und
dreistöckige Häuserreihen aus rotem Backstein. Im Erdgeschoss befinden sich
durchweg Geschäfte und Restaurants. Anschließend unternahm ein Teil unserer
Gruppe einen Spaziergang durch Downtown Detroit. Wir sahen immer wieder
große Baulücken, unbebaute Ab-rissflächen, leerstehende und ein-
fallende Hochhäuser und obwohl auch wieder neue entstehen und alte saniert
werden. Konnte man hier die alte Substanz nicht stehen lassen, bis eine neue
Verwendung in Aussicht stand? Die Stadt ähnelte einer durch Bomben
zerstörten deutschen Stadt, welche man nach und nach wieder aufbauen wollte
- nur hier waren keine Bomben gefallen.
Ab
dem Campus Martius, einem neugestalteten Platz, herrschte besondere
Bautätigkeit. Dort standen neue Hochhäuser und man war dabei, die Straßen
aufzubessern. Als wir allerdings jemanden nach Kaufhäusern in der Innenstadt
fragten, schaute dieser uns verwundert an und sagte, Einkaufsmöglichkeiten
dieser Art gebe es doch in den Vororten der Stadt, hier sei das
Bankenviertel.
Währenddessen hatte sich die zweite Gruppe zu dem anfangs erwähnten zweiten
Siedlungsplatz der Neustädter aufgemacht. Ab Anfang der 1830er Jahre
siedelten etwa sieben Meilen außerhalb der Stadt Neustädter Farmer in den
dortigen Wäldern. Es gab einen Friedhof an der Grotte und eine Kapelle die
Kirche im Walde". Die sogenannte Hessische Straße heißt heutzutage Houston
Whittier Straße und diese befindet sich inmitten der Stadt, noch vor der
8-Mile-Road. Damals benötigte man vom Zentrum bis dort hin über zwei Stunden.
Die einstige Kapelle ist durch die Assumption Grotto Church" (Mariä
Himmelfahrts Grotte) ersetzt worden, aber die Grotte und der Friedhof sind
noch erhalten. In diesem Teil der Stadt wohnen fast ausnahmslos Farbige.
Nach einem gemeinsamen Abendessen mit unseren Gastgebern in Greektown
kehrten wir nach Taylor zurück.
Für den nächsten Tag hatten wir uns die Besichtigung der Ford-Werke
vorgenommen. Im Vorort Dearborn befinden sich neben den Fabrikanlagen unter
anderem auch die Hauptverwaltung, Forschungsstätten und Prüfstrecken des
Autoherstellers. Außerdem hat Henry Ford hier ein Museum und das Museumsdorf
Greenfield Village" errichten lassen. Hier sind über 100 historische Gebäude
aus allen Teilen der USA aufgebaut. Viele haben einen Bezug zu Henry Ford
und so sahen wir sein erstes Automobil. Oldtimerfahrzeuge fuhren auf den
Straßen, und es flanierten Leute in historischen Kleidern. Dieses Dorf
sollte man unbedingt gesehen haben.
Wie in Chicago so hatten wir auch in Detroit wieder Kontakte mit
Einheimischen, die uns auch immer wieder bei unseren Touren begleiteten. An
unserem letzten Tag in Detroit bildeten sich drei Gruppen: Ein Teil
unternahm einen Einkaufsbummel in Wyandotte, einem Vorort Detroits. Die
zweite Gruppe fuhr nach Dayton zum Luftfahrtmuseum und die dritte Gruppe
machte sich auf in Richtung Mittel-Michigan, zu einem weiteren, frühen
Siedlungspunkt Deutscher in Michigan.
Etwa 120 Meilen nordwestlich von Detroit befinden sich in Clinton County die
Siedlungen Westphalia, Fowler und Pedawo. Dort siedelten besonders viele
Stadtallendorfer. In der Festschrift von 1986 zum 150. Jahrestag der
Gründung Westpha-lias wurde sehr detailiert der Weg beschrieben, den die
ersten Siedler gegangen waren. Und genau diesen Weg, den Dexter Trail,
wollten wir nach |