06 October, 2008

153rd YEAR - THE AMERICAN NEWSPAPER WRITTEN IN THE GERMAN LANGUAGE

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Deutsche Reisegruppe ist begeistert von Nordamerika

Von Arnold Schmitt

In der Ausgabe vom 18. Juni 2005 berichteten wir von der geplanten Rundreise einer deutschen Reisegruppe, die auf den Spuren von Auswanderern das Gebiet der Großen Seen bereisen wollte. Sie folgte einer Einladung von Pfarrer Richard Simon von der St. Thomas of Canterbury Parish in Chicago. Als dieser im letzten Jahr anlässlich des 500. Jahrestages zur Kirchweih der Dreifaltigkeitskirche in Neustadt weilte, hatte er zu einem Gegenbesuch in die Vereinigten Staaten eingeladen. Im nachfolgenden möchten wir die Reiseeindrücke dieser Gruppe aufzeigen:

Der Einladung von Pfarrer Simon folgte eine Gruppe mit 15 Personen aus Neustadt und deren Nachbarort Stadtallendorf. Start 13. Juni um 14:30 Uhr in Frankfurt und nach neun Stunden Flugzeit angekommen um 16:20 Uhr Ortszeit auf dem Chicagoer Flughafen O'Hare. Wir bewältigten innerhalb eines Nachmittags eine Strecke von über 4300 Meilen und befanden uns auf einem anderen Kontinent!

Bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein hatten die Auswanderer für diese Etappe bis zu drei Monate benötigt.

Mit dem Pendelbus ging es zu einem der am Flughafen befindlichen Autovermieter, und wir fuhren sogleich zur Pfarrei von St. Thomas, im nördlichen Teil Chicagos.

Dort wurden wir freudig von unseren Gastgebern begrüßt und bei dem anschließenden leckeren Abendessen gab es Gelegenheit, sich schon einmal etwas näher kennenzulernen. Für die nächsten Tage in Chicago hatten sich Privatfamilien angeboten, uns bei sich aufzunehmen. Die Pfarrgemeinde setzt sich aus den verschiedensten ethnischen Gruppen zusammen: Farbige, Mittelamerikaner und Asiaten. Wir waren in Familien untergebracht, die polnischer Herkunft sind.

Für den ersten Tag hatten wir uns viel vorgenommen. Nach einer ,kurzen' Nacht und einem Frühstück machten wir als erstes einen Spaziergang am Strand des Michigan-Sees und trafen um 8:00 Uhr zum Morgengottesdienst zusammen. Außer uns waren an diesem Tag ausschließlich Frauen koreanischer Abstammung in der Kirche. Die Messe wurde daher in englischer, koreanischer und zum Teil deutscher Sprache gehalten.

Nach dem Gottesdienst fuhren wir nach Downtown Chicago zum Navy Pier. Auf dieser, ursprünglich als Hafenanlage in den See hineingebauten Landzunge, befinden sich heute Ausstellungshallen und Vergnügungsstätten. Von einem 45m hohen Riesenrad konnten wir erste Eindrücke von der Größe Chicagos sammeln und den Blick auf die Skyline genießen.

Weiter ging es in Richtung Innenstadt, dann nach Süden in den Grantpark. Im nördlichen Teil des Parks wurde ein neuer Park angelegt, der Milleniumpark. Vor der herrlichen Hochhaus-Kulisse, zu dem das schlanke Amoco Building maßgeblich beiträgt, befindet sich eine Orchester-Muschel, davor eine große Rasenfläche und alles über-spannt feinster Edelstahl. Es gibt Wasserläufe, gefasst in Stein und Messing, Kräuter- und Staudenbeete - ein gerade probendes Orchester ließ ahnen, wie herrlich hier Konzertabende zu genießen sind. Aus dem Park heraus hatte man eine sehr schöne Sicht auf die Hochhausreihe entlang der Michigan Avenue - wir waren begeistert. Hier konnte man die unterschiedlichen Bauformen in perfekter Harmonie sehen: Vorne die älteren, mehr verzierten Häuser mit den unterschiedlichsten Dachformen und dahinter die neuen, größeren Gebäude mit den klareren Konturen.

Anschließend ging es weiter bis zur Buckingham Fountain, einem der größten Springbrunnen der Welt. Dessen Wasser sprühte so hoch, dass ein Wassernebel bis weit in den Park hinein sprühte. Zum Mittagessen fuhren wir wieder zurück zum Pfarrhaus. Dort hatten unsere Gastgeber im Innenhof bereits ein umfangreiches Barbecue vorbereitet und außer uns noch einige Gemeindemitglieder eingeladen. Der schöne Innenhof bildete ein schönes Ambiente, wir hielten Small Talk und sangen gemeinsam Lieder.

Nach dem Barbecue kehrten wir wieder in die Innenstadt zurück und setzen an der Buckingham Fountain unsere Stadttour fort. Wir durchstreiften Loop - das eigentliche Stadtzentrum. Hier konnte man einhundert Jahre Hochhausarchitektur vom feinsten sehen. Hochhäuser in dieser Anzahl, mit diesen Höhen! Es gab so gut wie kein Grün, aber die Häuser aus Glas, Granit und Stahl vermittelten einen edlen Eindruck. Wir kamen zum Rockery Building, einem Hochhaus aus den 1880er Jahren. Am Board of Trade, der Warenbörse, kam der Höhepunkt des heutigen Tages: Der Sears Tower. Dieser Hochhauskomplex mit über 440m Höhe war längere Zeit der höchste Wolkenkratzer der Welt. Von dort oben gab es eine unbeschreibliche Aussicht auf die Stadt. Im Osten der einem Meer gleichende Michigan-See, der Yachthafen, am Ufer die grünen Parkanlagen und unter uns die ganze Innenstadt voller Hochhäuser. Von hier oben konnte man erst sehen, um wieviel mehr

der Sears Tower die anderen überragt.

Spätnachmittags erreichten wir die Bootsanlegestelle am Chicago-River, um eine Fluss- und Seefahrt zu unternehmen. Vom Boot aus war der Eindruck sehr eindringlich: Dicht an dicht standen die Wolkenkratzer und sie waren bis direkt an das Wasser gebaut. Wir waren überwältigt von dieser architektonischen Leistung. Vom See aus hatte man eine sehr schöne Sicht auf die Skyline Chicagos. Es herrschte hoher Wellengang und alle hatten Spaß mit dem hereinspritzenden Wasser. Als das Boot die Anlegestelle erreichte, war es bereits dunkel. Gegenüber wurde das Wrigley Building hell angestrahlt und die Spitze mit wechselnden Farben erleuchtet. Dieses Hochhaus in den zwanziger Jahren im Zuckerbäckerstil errichtet, ist ein Wahrzeichen der Stadt. Nach einem Zwischenstopp bei einem Pizzabäcker fuhren wir geschafft, aber voller neuer Eindrücke, zu unseren Gastgebern zurück.

An den nächsten beiden Tagen unternahmen wir Ausflüge außerhalb Chicagos. Ziel war Milwaukee und Umgebung. Wir besichtigten die Innenstadt, die Miller-Brauerei und die Fabrik Harley Davidson. Das Museumsdorf Old Wisconsin bei Eagle, nahe Milwaukee war auch ein Ziel. Dort sind sehr anschaulich und in natürlicher Umgebung Siedlungshäuser aus dem 19. Jahrhundert aufgebaut und mit Gärten und Äcker umgeben. Die Siedlungsplätze sind nach den Herkunftsländern der Einwanderer zusammengestellt: Es gibt Bereiche von Yankees, Polen, Finnen, Deutschen (auch aus Hessen) und so weiter.

Im Gegensatz zur deutschen Landwirtschaft gibt es in den Staaten keine Bauerndörfer, sondern alle Farmen stehen als Einzelgehöfte in Sichtweite zum Nachbarhof in der jeweilig landwirtschaftlich genutzten Fläche. Es handelte sich meist um nicht so große Wohnhäuser, dafür aber um so größere landwirtschaftliche Gebäude.

Unseren vierten und letzten Tag wollten wir wieder in Chicago selbst verbringen. Am frühen Morgen besuchten wir eine alte Synagoge. Sie war wohl eine der größten und ältesten in der Stadt.

Anschließend ging es nach Chinatown, wir besuchten einen asiatischen Einkaufsmarkt und kehrten in Al Capones Bar Green Mill ein. Das Klischee, die Deutschen würden bei Chicago meist nur an Gangster, Al Capone und Schlachthöfe denken, scheint leider wohl zu stimmen. Deshalb wohl bei uns auch die Begeisterung über das tatsächlich gesehene.

Wir unternahmen noch einmal einen Abstecher in die Innenstadt und wollten uns unbedingt noch die Magnificent Mile anschauen. In dieser Prachtmeile befinden sich viele Geschäfte und Boutiquen und so bummelten wir vom Chicago River, vorbei am Water Tower bis hin zum Hancock Center. Dieser Wolkenkratzer mit über 340m Höhe ist in der nördlichen Stadt der Gegenpol zum Sears Tower.

Allerdings hatten wir auch die Schattenseiten Chicagos gesehen. Zweimal pro Woche gibt es in der Pfarrgemeinde ein Armenessen, so auch am Nachmittag unseres letzten Tages in Chicago. Im Pfarrsaal wurden die Tische gestellt und für etwa 150 Personen Essen verteilt. Es kamen Helfer aus allen sozialen Schichten, um diesen Armen zu helfen. Auch ein größerer Teil unserer Gruppe fasste mit an und konnte sich beim Bedienen oder auch in der Küche nützlich machen.

Dann hieß es Abschied nehmen. Bei allen unseren Unternehmungen begleiteten uns immer Angehörige unserer Gastfamilien und es war schön, in diesen Tagen so viele, gute Menschen kennengelernt zu haben. Es gab viel Freude, aber es wurden auch ernstere Themen angesprochen. So konnten wir zum Beispiel erfahren, dass es in den Staaten keine Schulpflicht gäbe. Hier sei es nicht unüblich, dass Eltern ihre Kinder selbst unterrichten und das nicht nur in der Grundschule, sondern bis hin zur High-School. Diese Eltern hielten die Schulen für zu liberal, es gäbe Quotenregelungen, welche mittlerweile Weiße benachteilige, die Disziplin würde vernachlässigt und es gäbe immer mehr Schüler, die am Ende ihrer Schulzeit kaum lesen und schreiben könnten.

Am nächsten Morgen verließen wir Chicago und fuhren über Milwaukee bis nach Manitowoc in Wisconsin. Von dieser Hafenstadt gibt es eine Fährverbindung nach Ludington in Michigan. Beim Besteigen der Fähre wurden Personen- und Handgepäckkontrollen durchgeführt.

Bei der vierstündigen Überfahrt hatten wir wieder reichlich Gelegenheit zu plaudern. Eine amerikanische Radler-Reisegruppe hatte sich neben uns gesetzt und so konnten wir uns mit diesen wieder schön austauschen.

Ludington ist eine sehr schön gelegene kleine Hafenstadt. Vorbei am Leuchtturm und der Hafenmole strahlte sie nördliches Flair aus. Die Stadt schmiegt sich um den Pere Marquette Lake, und nach Norden befindet sich ein kilometerlanger, breiter, feinsandiger Strand. Alle Straßen sind senkrecht-waagrecht angeordnet. Nachdem wir unser Motel bezogen hatten, unternahmen wir noch einen Ausflug zum wenige Kilometer nördlich der Stadt gelegenen Ludington State Park. Dieser Park ist zumeist mit Laubbäumen bewaldet, und es gibt viele hohe Sanddünen. Wir unternahmen einen Spaziergang entlang des Sable Rivers, dachten unwillkürlich an Trapper, Pelztierjäger und Kanus.

Am nächsten Morgen konnten wir zum erstenmal ein gemeinsames Frühstück in einem Selbstbedienungs-Restaurant mit großem Frühstücksbuffet einnehmen. An diesem Sonntag wollten wir gerne wieder einen Gottesdienst besuchen. Die katholische Kirche befand sich im Vorort, am Rande eines Gewerbegebietes. Die Messe war sehr gut besucht, und es war ein andächtiger, fröhlicher Gottesdienst. Hier fand man Ruhe und Freude.

Wir verließen Ludington und durchquerten Michigan nach Osten. Das ganze Land war eben,

anfangs noch bewaldet und feucht, ging es aber immer mehr in landwirtschaftliche Flächen über. Am späten Nachmittag erreichten wir Frankenmuth. In diesem von Deutschen gegründeten und bewohnten Städtchen schafft man mit dem deutschen und besonders bayerischen Flair einen Touristen-Magneten. Wir hatten befürchtet der Kitsch würde hier überhand nehmen, waren aber eigentlich positiv überrascht. Der Ort ist sehr schön angelegt. Entgegen der amerikanischen Ortschaften mit den Rasenflächen, gibt es hier entlang der Straßen Beete und Grünanlagen mit Sträuchern und Stauden. Ein neues Zentrum, einer mittelalterlichen Kleinstadt nachempfunden, mit dem üblichen Touristenshops - aber alles nicht aufdringlich oder kitschig. Am Bavarian Inn spielten Musiker in Lederhosen, und am Abend waren wir hier wohl die einzigen Preussen und das bei stolzen Preisen.

Das erste Ziel war Caro, eine Ortschaft nordöstlich von Frankenmuth. Dort lebt auf einer Farm der Sohn des Neustädter Auswanderers Schultheis. Nach längerem Suchen konnten wir endlich die Farm und auch Mr. Schultheis finden. Sein Vater war erst in den 1920er Jahren ausgewandert, hatte sich hier eine Farm aufgebaut und war vor ein paar Jahren verstorben. Mr. Schultheis hatte mittlerweile die Landwirtschaft aufgegeben, betreibt eine Landmaschinen-Werkstatt, und seine Frau betreut pflegebedürftige Senioren. Nach einer kurzen Erfrischung in seinem Haus fuhren wir weiter nach Port Huron.

An dieser am Lake Huron gelegenen Hafenstadt befindet sich der Grenzübergang nach Kanada. Wir überquerten die Bluewater-Brücke und erreichten so Ontario in Kanada. Wir empfanden die Geschwindigkeitsbeschränkung von 100 km/h als wohltuend. Der Verkehr floss ruhig, es wurde nicht so gerast wie in Europa. Vorbei an der Großstadt London führte die Straße meist durch landwirtschaftlich genutztes Land. Überall konnte man die rotgestrichenen Farmen wie in den USA sehen.

Am späten Nachmittag erreichten wir Niagara Falls, die 80.000 Einwohner-Stadt auf der kanadischen Seite der Fälle. Als wir nach dem Abendessen Richtung Wasserfälle gingen, konnten wir es kaum glauben: Überall Spielhöllen, Frankenstein auf dem Burger King, daneben die Geisterbahn mit Dracula, bunte Lichter, Restaurants und Hotels. Die Straßen, die Häuser, man dachte an Las Vegas. Wir erreichten die Wasserfälle. Auch diese wurden farbig angestrahlt.

Am nächsten Morgen stand schon das Besucherboot Maid of the Mist" bereit, und mit diesem ging es vorbei an dem 60m hohen amerikanischen Wasserfall bis zum hufeisenförmigen kanadischen. Inmitten des Getöses blieb das Boot eine ganze Weile stehen. Die Wellen schlugen hoch, von oben regnete es so heftig, dass das Wasser wie aus Eimern geschüttet die Treppen herunterfloss - die Fahrgäste hatten bei diesem Nervenkitzel viel Spaß. Anschließend verließen wir Niagara Falls, fuhren nach Westen durch Ontario und kamen am späten Nachmittag in Windsor an. Dort konnte man am Ufer des Detroit Rivers die schöne Sicht auf die Skyline Detroits genießen.

Da lag sie, die Stadt, die ab den 1830er Jahren für viele Neustädter und Stadtallendorfer der erste Anlaufpunkt im Mittleren Westen war. Hier endete damals eine bis zu drei Monate dauernde, beschwerliche Reise.

Heute wird das Stadtbild von dem Renaissance Center beherrscht, einem Wolkenkratzer mit fünf um diesen herum gruppierten kleineren Hochhaus-Türmen. In dieser Anlage befindet sich heute neben Hotels, Geschäften und Lokalen der Sitz von General Motors. Wir fuhren über die Ambassador Bridge und kamen am Grenzübergang zu den US-amerikanischen Kontrollen. Wie bei den vorherigen Kontrollen, machte auch hier das Personal durch den barschen Befehlston einen sehr strengen Eindruck.

Weiter ging es in den Vorort Taylor. Dort wohnen Nachkommen von Auswanderern der Familie Reeber aus Neustadt, und seit Jahren haben die Familien wieder Kontakt miteinander. Ein Teil der Gruppe wohnte in den nächsten Tagen bei der Familie und die anderen in einem Motel in der Nähe. Gleich am ersten Abend war unsere Gruppe bei einem rustikalen Abendessen zu Gast bei der Familie Reeber.

Am nächsten Tag wollten wir nach Downtown Detroit. Aus Berichten anderer und aus Reiseführern hatten wir erfahren, dass Detroit schon immer einem großen Wandel ausgesetzt war. Mit der Besiedelung des Mittleren Westens kam ein rasanter Aufstieg, der sich mit der Entwicklung zur Autometropole noch weit mehr beschleunigte. Bereits um die Jahrhundertwende setzte aber schon die Stadtflucht ein. Nach den Jahren des Aufbruchs brach in den 70er und 80er Jahren die Wirtschaft ein und es herrschte Massenarbeitslosigkeit. Auch Streiks, Demonstrationen und Rassenunruhen seien verantwortlich dafür, dass immer mehr Weiße, die Stadt verließen. Die Bevölkerung sank im Stadtbereich von 1,3 Millionen auf unter 1 Millionen Einwohner.

Wir wollten dennoch versuchen, Spuren unserer Auswanderer zu finden. Die ersten Auswanderer siedelten zum Einen etwa 7 Meilen nordöstlich der Stadt als Farmer und die anderen im östlichen Gebiet von Downtown, meist als Geschäftsleute. So fuhren wir zuerst zum Mt. Elliott Friedhof. Dieser Friedhof besteht seit 1841 und da in den USA keine Gräber aufgegeben werden, fanden wir sehr schnell auch Gräber von Auswanderern, zum Beispiel aus Neustadt, Niederklein und Schröck. Viele der Grabsteine sind noch sehr gut erhalten, nur wenn weichere Steine verwendet wurden,

verwittern sie und werden unleserlich. Gleich am Eingang gab es bei der Friedhofsverwaltung Gelegenheit, selbst nach Gräbern zu recherchieren.

Anschließend ging es weiter zur St. Mary Kirche in die Innenstadt. Hier wurde 1843 die erste Kirche Deutscher Katholiken in Detroit erbaut und im Jahre 1885 durch das jetzige Gebäude aus Elementen der Romanik und Renaissance ersetzt. Bei der damaligen Grundsteinlegung war eine Marburger Militärkappelle eingeladen, welche sich auf USA-Tournee befand.

Die Kirche ist sehr schön und reich ausgestattet und starke, rote Granitsäulen tragen das Innenschiff. Nach einem Gottesdienst sangen wir ein Großer Gott wir loben dich" und manch einer von uns sah hier in Gedanken die Fest-Gemeinde von 1902, als in der Kirche die 400. Neustädter Kirchweih mit Festgottesdienst und Geistlichem Konzert begangen wurde.

Gegenüber der Kirche steht noch das große, vierstöckige Schulgebäude von 1868 in äußerlich sehr gutem Zustand. In der Umgebung der St. Marys Kirche wohnten einst viele Deutschstämmige und so auch die Neustädter und Stadtallendorfer. Wie oben erwähnt, hatten wir bisher immer gehört, dass außer der Kirche kaum noch Bausubstanz aus dem 19. Jahrhundert vorzufinden sei. Als damals die Deutschen die Innenstadt verließen, kamen immer mehr Griechen in dieses Viertel.

Bei den Reisevorbereitungen fiel auf, dass sich die Kirche St. Mary und auch Greektown an der Monroe Street befinden. Das besondere an Greektown ist aber, dass es hier noch zusammenhängend Gebäude aus dem 19. Jahrhundert gibt. Jetzt wusste ich, wir würden eine Straße und Häuser aus der Zeit finden, in der mein Urgroßvater in dieser Straße war und er diese Häuser gesehen hat.

In unserem Familienbesitz befindet sich ein Foto, das um 1880 in 53 Monroe (damals Avenue) entstand. Es zeigt meinen Urgroßvater Josef Berg, seinen Bruder und einen weiteren Musiker mit einem Auswandererehepaar. Die drei Musikanten waren in den 1870er und 80er Jahren mehrmals mit der etwa 20-köpfigen Kapelle Marburger Jäger" in den USA auf Tournee und so auch in Detroit.

Ich hätte mir nie träumen lassen, jemals durch die Straße gehen zu können, durch welche auch mein Urgroßvater einst ging. Ich vermute, dass dieser Teil der Monroe Street mit der einzige, so gut erhaltene alte Straßenzug aus dem 19. Jahrhundert in Detroit ist. Es handelt sich dabei um zwei- und dreistöckige Häuserreihen aus rotem Backstein. Im Erdgeschoss befinden sich durchweg Geschäfte und Restaurants. Anschließend unternahm ein Teil unserer Gruppe einen Spaziergang durch Downtown Detroit. Wir sahen immer wieder große Baulücken, unbebaute Ab-rissflächen, leerstehende und ein-

fallende Hochhäuser und obwohl auch wieder neue entstehen und alte saniert werden. Konnte man hier die alte Substanz nicht stehen lassen, bis eine neue Verwendung in Aussicht stand? Die Stadt ähnelte einer durch Bomben zerstörten deutschen Stadt, welche man nach und nach wieder aufbauen wollte - nur hier waren keine Bomben gefallen.

Ab dem Campus Martius, einem neugestalteten Platz, herrschte besondere Bautätigkeit. Dort standen neue Hochhäuser und man war dabei, die Straßen aufzubessern. Als wir allerdings jemanden nach Kaufhäusern in der Innenstadt fragten, schaute dieser uns verwundert an und sagte, Einkaufsmöglichkeiten dieser Art gebe es doch in den Vororten der Stadt, hier sei das Bankenviertel.

Währenddessen hatte sich die zweite Gruppe zu dem anfangs erwähnten zweiten Siedlungsplatz der Neustädter aufgemacht. Ab Anfang der 1830er Jahre siedelten etwa sieben Meilen außerhalb der Stadt Neustädter Farmer in den dortigen Wäldern. Es gab einen Friedhof an der Grotte und eine Kapelle die Kirche im Walde". Die sogenannte Hessische Straße heißt heutzutage Houston Whittier Straße und diese befindet sich inmitten der Stadt, noch vor der 8-Mile-Road. Damals benötigte man vom Zentrum bis dort hin über zwei Stunden. Die einstige Kapelle ist durch die Assumption Grotto Church" (Mariä Himmelfahrts Grotte) ersetzt worden, aber die Grotte und der Friedhof sind noch erhalten. In diesem Teil der Stadt wohnen fast ausnahmslos Farbige. Nach einem gemeinsamen Abendessen mit unseren Gastgebern in Greektown kehrten wir nach Taylor zurück.

Für den nächsten Tag hatten wir uns die Besichtigung der Ford-Werke vorgenommen. Im Vorort Dearborn befinden sich neben den Fabrikanlagen unter anderem auch die Hauptverwaltung, Forschungsstätten und Prüfstrecken des Autoherstellers. Außerdem hat Henry Ford hier ein Museum und das Museumsdorf Greenfield Village" errichten lassen. Hier sind über 100 historische Gebäude aus allen Teilen der USA aufgebaut. Viele haben einen Bezug zu Henry Ford und so sahen wir sein erstes Automobil. Oldtimerfahrzeuge fuhren auf den Straßen, und es flanierten Leute in historischen Kleidern. Dieses Dorf sollte man unbedingt gesehen haben.

Wie in Chicago so hatten wir auch in Detroit wieder Kontakte mit Einheimischen, die uns auch immer wieder bei unseren Touren begleiteten. An unserem letzten Tag in Detroit bildeten sich drei Gruppen: Ein Teil unternahm einen Einkaufsbummel in Wyandotte, einem Vorort Detroits. Die zweite Gruppe fuhr nach Dayton zum Luftfahrtmuseum und die dritte Gruppe machte sich auf in Richtung Mittel-Michigan, zu einem weiteren, frühen Siedlungspunkt Deutscher in Michigan.

Etwa 120 Meilen nordwestlich von Detroit befinden sich in Clinton County die Siedlungen Westphalia, Fowler und Pedawo. Dort siedelten besonders viele Stadtallendorfer. In der Festschrift von 1986 zum 150. Jahrestag der Gründung Westpha-lias wurde sehr detailiert der Weg beschrieben, den die ersten Siedler gegangen waren. Und genau diesen Weg, den Dexter Trail, wollten wir nach

Chicago: Milleniumpark mit Amoco Building

Ein Teil der Gruppe mit Pfarrer Simon vor St. Thomas, Chicago

 

 

Last modified on:08/10/2005

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