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Stuttgart/Hannover - Die
unstrittigen Teile der Rechtschreibreform werden von 14 der 16 Bundesländer
wie geplant am 1. August in Schulen und Behörden verbindlich eingeführt.
Die neuen Rechtschreibregeln stehen heute in Niedersachsen auf dem Prüfstand.
Baden-Württemberg und Niedersachsen gaben am Dienstag endgültig grünes Licht,
alte Schreibweisen in den Schulen künftig als Fehler zu werten.
Damit sind Bayern und Nordrhein- Westfalen die einzigen Bundesländer, die
die Verbindlichkeit der 1998 eingeführten Reform verschieben und an der
bisherigen Übergangsregelung festhalten.
Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) forderte CDU-Chefin Angela
Merkel (CDU) auf, ein Machtwort zu sprechen und die Unionsländer auf Linie
zu bringen. Das Verhalten der Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) und
Jürgen Rüttgers (CDU) sei unerträglich, sagte die Ministerin in der Berliner
Zeitung" (Mittwoch). Die CSU- und CDU-Ministerpräsidenten begehen Wortbruch
und desavouieren ihre Kultusminister." Das Gerangel um die Reform sei ein
Stück aus dem Tollhaus".
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und die
Vize-GEW-Vorsitzende Marianne Demmer forderten die beiden Länder auf, im
Interesse der Schüler bei der Umsetzung der Rechtschreibreform einzulenken.
Nordrhein-Westfalens Schulministerin Barbara Sommer (CDU) verteidigte
dagegen die Entscheidung. Es sei besser, die Empfehlungen des
Rechtschreibrates abzuwarten, als sich jetzt den anderen Bundesländern
anzuschließen, sagte sie im ZDF-"Mittagsmagazin".
Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) erklärte in
Stuttgart, die Landesregierung sehe keinen Grund, von der Vereinbarung der
großen Mehrheit der Bundesländer abzuweichen. Es gebe außerdem entsprechende
Beschlüsse der Kultusminister- und der Ministerpräsidentenkonferenz.
Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) forderte nach der
Entscheidung des CDU/FDP-Koalition, künftig müsse der Rat für deutsche
Rechtschreibung über alle fachlichen Fragen der Weiterentwicklung der
deutschen Rechtschreibung" entscheiden.
Der Ratsvorsitzende Hans Zehetmair unterstützt dagegen den Vorstoß von
Bayern und Nordrhein-Westfalen. Er könne gut nachvollziehen, dass man nicht
Teilbereiche in Kraft setzen wolle, sagte der ehemalige bayerische
Wissenschaftsminister (CSU) in der Süddeutschen Zeitung". Eine Rückkehr in
die Kleinstaaterei durch unterschiedliche Termine, zu denen die Reform an
den Schulen und Behörden verbindlich werde, befürchte er aber nicht.
Was die Schule betrifft, so geht es darum, dass ab dem 1. August bestimmte
Dinge nun als Fehler angerechnet werden sollen, die bisher nur korrigiert
wurden", sagte Zehetmair. In einer so labilen Situation, wie wir sie haben,
halte ich dies nicht für sinnvoll", begründete der Ratsvorsitzende seine
Haltung. Im Interesse der Schüler sollten die Lehrer eine Übergangszeit
pädagogisch nutzen und den Sinn der Rechtschreibung lehren.
Dem Rechtschreibrat sei es unmöglich , bis zum Schuljahresbeginn in diesem
Sommer die nötigen Korrekturen zu erarbeiten, betonte der CSU-Politiker. Je
nach Bundesland bleibe nur etwa ein Monat Zeit. Er zeigte sich aber
optimistisch, dass der Rat die Korrekturen bis Jahresende erarbeitet haben
werde. Diese sollen dann voraussichtlich bis zum Schuljahr 2006/2007
eingeführt werden.
Die Vize-FDP-Chefin Cornelia Pieper forderte, die Rechtschreibreform dürfe
nicht von Land zu Land scheibchenweise und zu unterschiedlichen Zeitpunkten
in Kraft treten. Nachdem mehrere Bundesländer die Rechtschreibreform
aufgeschoben haben, ist ein bundesweites Moratorium unumgänglich", sagte
Pieper, die als Vorsitzende den Bundestagsausschuss für Bildung und
Forschung leitet. Die-Grünen-Fraktionsvorsitzende Krista Sager warf Stoiber
und Jürgen Rüttgers persönliche Profilierung auf Kosten der Schüler vor.
Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat derweil auf seiner Homepage das
Regelwerk aufgeführt, das vom 1. August an verbindlich umgesetzt werden soll.
Das Regelwerk hat den Titel Deutsche Rechtschreibung. Regeln und
Wörterverzeichnis. Überarbeitete Fassung 2004". Nicht verbindlich werden zum
1. August nach Angaben von Geschäftsführerin Kerstin Güthert die Bereiche
Getrennt- und Zusammenschreibung, Zeichensetzung und Worttrennung am
Zeilenende (Silbentrennung), die als strittig gelten.
Die einzelnen Landesministerien hätten dazu entsprechende
Verwaltungsvorschriften an die Schulen verschickt, sagte Güthert. Diese
seien individuell gestaltet, aber vorab abgestimmt worden. Die Vorschläge
des Rechtschreibrates zu den strittigen Bereichen seien noch nicht in dem
Regelwerk enthalten, da die Kultusministerkonferenz diese erst mit
Österreich und der Schweiz abstimmen müsse. |