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Von Christoph
Trost
Berlin (dpa) - Frühstücksverleumder",
Rotzjunge", Lümmel", Brüllaffe" - die Liste der parlamentarischen Pöbeleien
in der über fünfzigjährigen Geschichte des Bundestags ist lang. Geistiges
Eintopfgericht", warf der legendäre SPD-Fraktionschef Herbert Wehner 1956
einem CDU-Abgeordneten an den Kopf. Zu einem KPD-Politiker sagte er Schnauze,
Iwan!", und den CDU-Parlamentarier Jürgen Wohlrabe nannte er schlicht
Übelkrähe". Damals ging's wesentlich heftiger zu als heute", sagt der
SPD-Politiker Jörg Tauss, der inzwischen auf gewisse Weise in Wehners
Fußstapfen tritt: Tauss wurde am Donnerstag von einer Satire-Zeitung zum
Rekord-Zwischenrufer der laufenden Bundestags-Legislaturperiode gekürt.
Ich sage Ihnen das gleich deutlich: Ich bin die Nummer eins", sagt Tauss. Er
ist durchaus stolz auf die Zahl von insgesamt 2736 Zwischenrufen in 185
Bundestagssitzungen - auch wenn seine Mutter ihn immer ermahnt habe, sich
Wehner nicht zum Vorbild zu nehmen, erzählt er. Ich bin der Auffassung, dass
man unsere Parlamentsdebatten etwas beleben kann. Bei uns ist's manchmal
etwas steif."
Tauss' Neigung zu Zwischenrufen ist im Parlament längst bekannt. Der Kollege
Tauss regelt sein Klärungsbedürfnis regelmäßig durch gezielte Zwischenrufe",
stellte etwa Bundestagsvizepräsident Norbert Lammert in einer Debatte im
Dezember 2003 fest. So war es auch Tauss, der Unions-Kanzler-kandidatin
Angela Merkel Üben!" zurief, als die sich in der Debatte über die
Vertrauensfrage von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) am 1. Juli
wiederholt versprochen hatte.
Doch auch andere Parlamentarier fielen seit 2002 mit Zwischenrufen auf.
Arroganter Junge" und Windbeutel" schleuderte SPD-Chef Franz Müntefering dem
FDP-Kollegen Guido Westerwelle entgegen, Holzkopf" nannte die
SPD-Abgeordnete Gabriele Hiller-Ohm den CDU-Mann Georg Schirmbeck.
Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) musste sich von Hans Michelbach (CSU)
als Schwachmatiker" titulieren lassen. Peter Dreßen (SPD) bezeichnete die
FDP als Wurmfortsatz der CDU", Peter Ramsauer (CSU) die
Koalitions-Abgeordneten als Proleten".
Bis April gab es in dieser Legislaturperiode insgesamt neun Ordnungsrufe.
Einen davon handelte sich CSU-Landesgruppenchef Michael Glos ein, als er
Außenminister Joschka Fischer im November 2004 Zuhälter" nannte - Fischer
selbst hatte 1984 zum damaligen Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen (CSU)
gesagt: Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch."
Insgesamt zählte der im Ruhrgebiet erscheinende Helgoländer Vorbote" in
dieser Legislaturperiode knapp 58000 Zwischenrufe, davon rund 23500 von
Unions-Abgeordneten, 18000 aus den Reihen der SPD, knapp 10000 von Grünen-
und 6000 von FDP-Parlamentariern. Tauss führt die Liste klar vor
SPD-Fraktionsgeschäftsführer Wilhelm Schmidt (1734 Zwischenrufe) und dem
CDU-Politiker Steffen Kampeter (1709) an. Fünf von sechs Zwischenrufen kamen
von Männern. Die erste Frau auf der Liste ist Ute Kumpf (SPD) - sie kommt
mit 421 Einträgen auf Rang 28. Männer hätten eben die lauteren Stimmen,
meint Tauss. Er biete deshalb Kolleginnen an, notfalls für Zwischenrufe
einzuspringen. Ein Service für die weiblich Seite des Hauses", sagt er. |