05 August, 2008

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Vom Obdachlosen zum Weihnachtsmann:  Ein kleines Wunder in New York

Dale Keyser sammelt als Santa Claus in New York Spenden für die Hilfsorganisation Volunteers of America". Foto: Christoph Driessen dpa

Von Christoph Driessen

New York (dpa) - Früher machten die Leute auf der Fifth Avenue einen weiten Bogen um Dale Keyser. Heute lächeln sie ihn an, und viele Kinder laufen schon von weitem auf ihn zu. Denn jetzt schlurft er nicht mehr betrunken und mit ein paar alten Plastiktüten in der Hand über die Straße - jetzt steht er da im Weihnachtsmannkostüm, schwingt eine goldene Glocke und ruft: Ho-ho-ho!" Der 63-Jährige ist einer der ehemaligen Obdachlosen, die in der Weihnachtszeit in New York als Santa Claus für die Hilfsorganisation Volunteers of America" arbeiten.

Es ist jetzt schon das dritte Jahr, in dem er sein vernarbtes Gesicht unter Perücke und Bart verschwinden lässt. Ich habe es vom ersten Tag an genossen", sagt er. Je länger man hier steht, desto besser geht es einem. Wenn die Leute mich sehen, verändern sie sich. Bestimmt 500 Mal am Tag werde ich fotografiert. Und dann die Kinder. Die kommen zu mir und sagen: Santa, ich mag dich so.""

Solchen Zuspruch hatte Dale vorher noch nie erfahren. Jahrelang lebte er auf der Straße, nachdem er durch seine Trunksucht Frau, Arbeit und Wohnung verloren hatte. Erst die Volunteers of America" boten ihm wieder eine Perspektive: Erst verhalfen sie ihm zu einer Entziehungskur, dann zu einem Platz im Wohnheim und schließlich zu einem Teilzeitjob. Ein kleines Wunder" nennt er das selbst.

Schon seit 1902 stehen die Santas der Volunteers of America" auf New Yorks Straßen und sammeln für die Bedürftigen. Das sind heute nicht nur die 39 000 Obdachlosen in der Stadt, sondern auch Aids-Kranke, Kinder aus armen Familien, allein erziehende Mütter oder Rentner, die im New Yorker Winter mit Temperaturen von minus 20 Grad so viel fürs Heizen ausgeben müssen, dass ihnen fürs Essen nichts mehr übrig bleibt.

Unter den mehr als hundert Santas sind auch in diesem Jahr wieder viele Männer und Frauen, denen die Volunteers in einer Lebenskrise geholfen haben. Nun wollen sie etwas zurückgeben - als Santa. Manche sind zum ersten Mal dabei und haben noch nicht so viel Übung: Der weiße Lockenbart hängt ihnen über der Nase, ohne dass sie es merken, und die Hose rutscht, weil sie vergessen haben, sie mit einer großen Sicherheitsnadel festzumachen.

Andrew Martin, der Sprecher der Volunteers, gibt ihnen am Morgen ihres ersten Tages noch wichtige Hinweise: Nie vorher Knoblauch oder rohe Zwiebeln essen! Das mag zwar Krankheitskeime vertreiben, aber auch das Publikum! Und aufpassen, dass ihr euch den Bart nicht mit Kakao vollschmiert oder mit Chips vollkrümelt!" Auch dürfen die Santas den Kindern keine bestimmten Weihnachtsgeschenke versprechen: Was würden sie sagen, wenn dann etwas anderes unter dem Baum liegt?

Bis zum 24. Dezember wollen die Santas zusammen 100 000 Dollar sammeln. Ich schaffe am Tag 800", behauptet Dale, fügt aber nach einer kurzen Pause hinzu: Naja, das ist eine Schätzung..." Noch nie in seinem Leben habe ihm die Arbeit so viel Spaß gemacht, sagt er: Die Zeit vergeht wie im Flug." Ab und zu kommt zwar mal ein frecher Junge und reißt ihm den Bart ab: Dann heißt es immer: Du bist ja gar nicht der echte Santa." Aber ich sage auch nicht, dass ich der echte bin. Ich sage immer: Ich bin Santas Helfer.""

Vierjährige sind seine dankbarsten Gesprächspartner, weil die noch an Santa glauben, und mir ganz viel erzählen". Er selbst berichtet stolz von seinen eigenen Enkelkindern. Lange hatte er keinen Kontakt zu ihnen - die Familie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Dieses Jahr aber wird er sie zum Fest besuchen. Gestern noch habe ich mit ihnen telefoniert und gesagt: Schaltet morgen mal die Fernsehnachrichten ein! Da seht ihr mich bestimmt - als Santa auf der Fifth Avenue.

 

 

Last modified on:12/12/2005

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