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Von Christoph Driessen
New York (dpa) - Früher machten die
Leute auf der Fifth Avenue einen weiten Bogen um Dale Keyser. Heute lächeln
sie ihn an, und viele Kinder laufen schon von weitem auf ihn zu. Denn jetzt
schlurft er nicht mehr betrunken und mit ein paar alten Plastiktüten in der
Hand über die Straße - jetzt steht er da im Weihnachtsmannkostüm, schwingt
eine goldene Glocke und ruft: Ho-ho-ho!" Der 63-Jährige ist einer der
ehemaligen Obdachlosen, die in der Weihnachtszeit in New York als Santa
Claus für die Hilfsorganisation Volunteers of America" arbeiten.
Es
ist jetzt schon das dritte Jahr, in dem er sein vernarbtes Gesicht unter
Perücke und Bart verschwinden lässt. Ich habe es vom ersten Tag an genossen",
sagt er. Je länger man hier steht, desto besser geht es einem. Wenn die
Leute mich sehen, verändern sie sich. Bestimmt 500 Mal am Tag werde ich
fotografiert. Und dann die Kinder. Die kommen zu mir und sagen: Santa, ich
mag dich so.""
Solchen Zuspruch hatte Dale vorher noch nie erfahren. Jahrelang lebte er auf
der Straße, nachdem er durch seine Trunksucht Frau, Arbeit und Wohnung
verloren hatte. Erst die Volunteers of America" boten ihm wieder eine
Perspektive: Erst verhalfen sie ihm zu einer Entziehungskur, dann zu einem
Platz im Wohnheim und schließlich zu einem Teilzeitjob. Ein kleines Wunder"
nennt er das selbst.
Schon seit 1902 stehen die Santas der Volunteers of America" auf New Yorks
Straßen und sammeln für die Bedürftigen. Das sind heute nicht nur die 39 000
Obdachlosen in der Stadt, sondern auch Aids-Kranke, Kinder aus armen
Familien, allein erziehende Mütter oder Rentner, die im New Yorker Winter
mit Temperaturen von minus 20 Grad so viel fürs Heizen ausgeben müssen, dass
ihnen fürs Essen nichts mehr übrig bleibt.
Unter den mehr als hundert Santas sind auch in diesem Jahr wieder viele
Männer und Frauen, denen die Volunteers in einer Lebenskrise geholfen haben.
Nun wollen sie etwas zurückgeben - als Santa. Manche sind zum ersten Mal
dabei und haben noch nicht so viel Übung: Der weiße Lockenbart hängt ihnen
über der Nase, ohne dass sie es merken, und die Hose rutscht, weil sie
vergessen haben, sie mit einer großen Sicherheitsnadel festzumachen.
Andrew Martin, der Sprecher der Volunteers, gibt ihnen am Morgen ihres
ersten Tages noch wichtige Hinweise: Nie vorher Knoblauch oder rohe Zwiebeln
essen! Das mag zwar Krankheitskeime vertreiben, aber auch das Publikum! Und
aufpassen, dass ihr euch den Bart nicht mit Kakao vollschmiert oder mit
Chips vollkrümelt!" Auch dürfen die Santas den Kindern keine bestimmten
Weihnachtsgeschenke versprechen: Was würden sie sagen, wenn dann etwas
anderes unter dem Baum liegt?
Bis zum 24. Dezember wollen die Santas zusammen 100 000 Dollar sammeln. Ich
schaffe am Tag 800", behauptet Dale, fügt aber nach einer kurzen Pause hinzu:
Naja, das ist eine Schätzung..." Noch nie in seinem Leben habe ihm die
Arbeit so viel Spaß gemacht, sagt er: Die Zeit vergeht wie im Flug." Ab und
zu kommt zwar mal ein frecher Junge und reißt ihm den Bart ab: Dann heißt es
immer: Du bist ja gar nicht der echte Santa." Aber ich sage auch nicht, dass
ich der echte bin. Ich sage immer: Ich bin Santas Helfer.""
Vierjährige sind seine dankbarsten Gesprächspartner, weil die noch an Santa
glauben, und mir ganz viel erzählen". Er selbst berichtet stolz von seinen
eigenen Enkelkindern. Lange hatte er keinen Kontakt zu ihnen - die Familie
wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Dieses Jahr aber wird er sie zum
Fest besuchen. Gestern noch habe ich mit ihnen telefoniert und gesagt:
Schaltet morgen mal die Fernsehnachrichten ein! Da seht ihr mich bestimmt -
als Santa auf der Fifth Avenue. |