03 December, 2008

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Schlank, dünn, dürr ­ tot?

Gekochte Kartoffeln verschwinden vom Teller in die Hosentasche, die Butter vom Brot landet abgekratzt unter dem Stuhlsitz. So kommt man auf 37 Kilogramm bei 1,70 Meter Körpergröße

Claudia kennt alle diese Tricks ­ und noch einige mehr, selbst Käsescheiben steckt sie blitzschnell weg. Die junge Frau ist magersüchtig. Sie ist 1,70 Meter groß. In ihren schlimmsten Zeiten hat sie 37 Kilogramm gewogen und war dem Tod näher als dem Leben. 20 Jahre ist sie alt und hat gerade Abitur gemacht. Sie ist frisch verliebt und denkt ans Studium: Tourismus vielleicht. Doch sie weiß, wie schnell ihre Träume platzen können. Da ist die Sehnsucht, wieder so dünn zu sein. Wenn ich einmal anfange abzunehmen, dann werde ich nicht mehr aufhören", sagt Claudia ­ selbst, wenn es sie ihr Leben kostet.

Fast alle Mädchen machen mal eine Diät. Aber ein Prozent der 14- bis 19-Jährigen wird magersüchtig», sagt die Aachener Kinder- und Ju-gendpsychologin Professor Beate Herpertz-Dahlmann. In der Regel sind Mädchen betroffen. Die Wissenschaft nimmt auch genetische Ursachen für Magersucht an. Was das Gen letztlich wirksam werden lässt, ist nicht abschließend geklärt. Auffallend sind aber Parallelen bei vielen Patientinnen: Sie haben ein vermindertes Selbstwertgefühl, sind ängstlich, konfliktscheu, angepasst und haben seelische Probleme. Seelische Probleme haben viele Jugendliche, aber nicht alle werden magersüchtig", unterstreicht Herpertz-Dahlmann, dass dies allein nicht ausschlaggebend sein kann. Experten gehen vom Zusammenwirken mehrerer Faktoren aus. Als Claudia krank wurde, hatte sie massive Probleme. Die damals 15-Jährige war Leistungssportlerin. Nach einem Streit mit dem Trainer warf sie die Brocken hin. Mein Vater sprach deshalb ein halbes Jahr nicht mehr mit mir", sagt sie. Weil sie keinen Sport mehr trieb, nahm Claudia zu. Sie begann mit einer Diät. Und schließlich wollte sie nicht mehr essen. Alle sagten, Du bist krank. Ich hab gedacht, das ist quatsch." Sie fand sich einfach nur zu dick, selbst in Kleidergröße 32. Als sie nur noch Haut und Knochen war, kam sie ins Krankenhaus. Dann in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Da will sie nie mehr hin. Heute lebt sie in einer Aachener Wohngruppe für magersüchtige Mädchen. Sechs Mahlzeiten gibt es am Tag. In der ersten Zeit musste sie jedes Mal von der Schule nach Hause kommen und unter Aufsicht essen. Im vergangenen Jahr hat Claudia 25 Kilogramm zugenommen. Für alles, was ich esse, hasse ich mich", sagt Claudia. Mit Sehnsucht betrachtet sie ein Foto, auf dem sie abgemagert aus dunklen Augenhöhlen in die Kamera blickt. Ich finde mich schön so", sagt sie. Rund 70 Prozent der magersüchtigen Mädchen werden laut Herpertz-Dahlmann geheilt. Bewährt habe sich eine Verhaltenstherapie, die auf Gewichtszunahme abzielt, eine Psychotherapie mit Einbindung der Familie.

Unter den Experten gilt die Faustregel: Je länger die Erkrankung, desto länger die Therapie. Rückschläge kann es aber noch Jahre später geben. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, gesund zu werden", sagt Claudia. Die Sehnsucht und die Versuchung abzunehmen, sind zu groß. Aber sie weiß, wenn sie einmal mit der Diät beginnt, gibt es kein Halten mehr. Sie hat Angst davor, die Wohngruppe verlassen zu müssen, weil sie die Altersgrenze schon überschritten hat. Sie leidet unter Depressionen und Selbstmordgedanken. Aber sie will leben, ich möchte mit dieser Krankheit gut leben."

Zum Hintergrund: Menschen mit schweren Essstörungen wie Magersucht oder Ess-Brech-Sucht zeigen unterschiedliche Krankheitsbilder. Sie verbindet jedoch, dass das lebensnotwendige Essen zum großen Problem, oft mit körperlichen, seelischen und sozialen Konsequenzen wird. Als prominente Opfer machten Schwimmerin Franziska van Almsick und Prinzessin Diana Schlagzeilen.

Auslöser von Magersucht (Anorexie; Anorexia nervosa) oder Ess-Brech-Sucht (Bulimie) können unter anderem Leistungsdruck, Fremdbestimmung sowie Familien- und Beziehungsprobleme sein. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wurden Essstörungen früher als
typisch weibliche" Erkrankung gesehen. Heute erkranken auch immer mehr Jungen und Männer. Zahlen sind meist Schätzungen, Experten sprechen von Hunderttausenden. So schätzte der Bundesfachverband für Essstörungen, dass 5 Prozent der Frauen zwischen 14 und 35 Jahren in Deutschland von dieser Problematik betroffen sind. Allein an Magersucht sollen rund 100000 Menschen bis 35 Jahre leiden. 10 bis 15 Prozent aller Magersüchtigen sterben an ihrem Leiden.

Experten haben eine Reihe von Merkmalen ihrer Krankheit aufgelistet wie ständiges Wiegen und sich zu dick fühlen, extrem langsames Essen, Bevorzugung von kalorienarmer Nahrung, meist sehr einseitige Nahrungsauswahl und exzessives Sporttreiben. Außerdem weigern sich die Betroffenen lange, ihre Krankheit zuzugeben. Magersucht tritt vor allem im Alter zwischen 14 und 18 Jahren auf. Von Bulimie sollen etwa 600000 Mädchen und Frauen in Deutschland betroffen sein. In der Regel haben sie mindestens zwei Mal pro Woche, oft aber täglich eine Heißhungerattacke. Die Attacken dauern zwischen 15 Minuten und 4 Stunden. Durch ein anschließendes Erbrechen glauben sie, die angestrebte Idealfigur halten zu können.

Magersüchtige können im Verlauf ihrer Essstörung bulimisch werden. Außerdem gibt es die Störung des Binge Eating" ­ Binge" bedeutet schlingen". Der Unterschied zur Ess-Brech-Sucht liegt im Wesentlichen darin, dass nach dem Essanfall kein gewichtsreduzierendes Verhalten wie Sport, Hungern, Erbrechen oder Abführmittelmissbrauch folgt. Die Störung ist meist mit Übergewicht verbunden.

Informationen im Internet: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zu Essstörungen: www.bzga-essstoerungen.de

GesundheitPro.de/dpa

Magersucht: Meist sind Mädchen betroffen

 

 

Last modified on:07/19/2005

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