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Magdeburg feiert
in diesem Jahr sein 1200. Jubiläum. Doch neue Grabungen lassen vermuten, daß
die Stadt fast 300 Jahre älter ist
Von Dankwart Guratzsch
Magdeburg (dpa) - Dieser Stadtname
wurde einst mit Mädchenburg" übersetzt. Heute weiß man: Hier stand eine der
Wiegen der deutschen Geschichte. Hier wurde, an der damaligen Ostgrenze des
Reiches, vor tausend Jahren Weltgeschichte geschrieben. Hier begründet sich,
was in vierzig Jahren deutscher Teilung fast vergessen worden ist: die
Christianisierung Osteuropas und damit letztlich der Begriff Abendland.
Daß diese zweimal in der Geschichte praktisch ausradierte Stadt - nämlich
zuerst im Dreißigjährigen Krieg und dann im Zweiten Weltkrieg - überhaupt
noch Spuren dieser glanzvollen Vergangenheit birgt, grenzt an ein Wunder.
Aber Millimeter für Millimeter werden sie unter dem Domplatz und in den
Bereichen rund um den Dom zutage gefördert. Die jüngste Grabungskampagne der
Archäologen begann 2002. In erstaunlich kurzer Zeit legen sie schon jetzt
ihre Ergebnisse vor. Und es tauchen aus dem Nebel der ältesten Geschichte
die vagen Umrisse großer Ereignisse auf. Bis zurück in die
Völkerwanderungszeit, bis in die Zeiten des sagenumwobenen Reiches der
Thüringer, das so früh und unerklärlich untergegangen ist, reichen die
Spuren. Sie scheinen uns, neue Räume der Geschichte aufzustoßen.
In
diesem Jahr feiert die Hauptstadt Sachsen-Anhalts ihr 1200jähriges Bestehen.
2006 wird sie die Reichsausstellung ausrichten. 2009 begeht sie das
800jährige Jubiläum ihres stolzen, weit über die Lande grüßenden gotischen
Doms. Und nun wissen wir: Diese mächtige, so hohe, so schlanke Kirche war
nicht der erste deutsche Bau auf dem Domfelsen hoch über der Elbe. Hier
ragte vor tausend Jahren eine einzigartige kirchliche Anlage empor. Sie
wurde nicht von einer Domkirche bekrönt, sondern von zwei für damalige
Verhältnisse riesigen, dicht nebeneinander stehenden, parallel auf den Strom
und nach Osten ausgerichteten Kirchen. Hatten sie Türme? Womöglich vier? Auf
die Menschen in der Weite der Magdeburger Börde müßten sie in einer Zeit, in
der man in Holzhäusern wohnte, wie ein Weltwunder, wie Hochhäuser und
Eiffeltürme gewirkt haben. Bis tief in die Lande der Slawen hinein kündeten
sie vom neuen Glauben.
Die letzte Gewißheit haben die Grabungen des Magdeburger Archäologen Rainer
Kuhn gebracht, der davon im Sonderband 3 der Archäologie in Sachsen-Anhalt"
berichtet. Aufgedeckt. Ein neuer ottonischer Kirchenbau am Magdeburger
Domplatz" ist das Heft betitelt, und der Leser kommt von Seite zu Seite
nicht aus dem Staunen heraus. Denn was man bisher für Legende gehalten hatte,
das wird nun plötzlich greifbar. Auch jene wie ein Märchen anmutende
Schilderung, die der Bischof Thietmar von Merseburg vor fast genau tausend
Jahren von der Entstehung jener Kirchenanlage gab. Und da wir ihm das erst
jetzt glauben können, wird auch der große Otto, der König, Kaiser und
Kirchengründer, zu einem Menschen aus Fleisch und Blut.
Am
folgenden Tage," so heißt es da, demütigte sich der König vor Gott, bekannte
sich allein unter allen als schuldig und tat unter Tränen ein Gelübde: Wenn
Christus ihm an diesem Tage in Gnaden Sieg und Leben gebe, wolle er (...)
ihm seine große, jüngst begonnene Pfalz zur Kirche ausbauen lassen." Weiter
unten erfahren wir, daß sich der Herrscher nach seinem Sieg auf dem Lechfeld
an dieses Gelübde gebunden fühlte: Alle Großen zogen ihm entgegen und
empfingen ihn in höchster Begeisterung. Seine ehrwürdige Mutter umarmte den
Langersehnten unter Freudentränen. Da sie seinen Entschluß lobten,
errichtete der König in der Stadt Magdeburg eine Abtei und ließ an der
Grabstätte der frommen Edith, neben der erselbst nach seinem Tode zu ruhen
wünschte, einen prächtigen Kirchenbau beginnen."
Dieser Bau, so ist sich Kuhn nun sicher, stand neben dem heutigen Dom - und
er gehörte mit 41 Meter Breite zu den größten Kirchen nördlich der Alpen.
König Otto selbst ließ ihn auf das prachtvollste ausstatten. Mosaike,
Marmorfragmente und Spuren von Antiken wurden gefunden. Aber er stand nicht
allein. Gleichzeitig muß sich an jener Stelle, an der später der heutige Dom
errichtet worden ist, eine zweite Kirche befunden haben, von der man bereits
einige Mauern und Reste der Krypta kennt. Das Verblüffende daran: Auch sie
scheint in gleicher Weise ausgestattet gewesen zu sein. Beide Kirchen
zusammen bildeten ein einzigartiges Ensemble. Am ehesten erinnert
möglicherweise der Dom von Trier mit seiner gewaltigen Steinfront an die
Bautengruppe. Ihre Ausstattung, vermuten die Forscher, mag jener der
großartigen Kirche San Lorenzo fuori le mura in Rom nahegekommen sein.
Und doch ist das Schicksal dieser imposanten Anlage noch in tiefes Dunkel
gehüllt. Warum wurde sie zweihundert Jahre später wieder aufgegeben? Warum
wurde jeder Mauerrest, jeder Stein aus der Erde herausgeklaubt und
andernorts verwendet? Warum wanderten ihre herrlichen Ausstattungsstücke
alsbald wie Treibgut durch Sachsen?
Das zweite Rätsel ist nicht weniger aufregend: Außer auf die Kirche, sind
die Archäologen auch auf unerklärliche Befestigungsgräben gestoßen. Sie
reichen noch viel tiefer in die Geschichte, bis ins Jahr 530 zurück und
haben den heutigen Domplatz landseitig in weitem Bogen umfaßt. Wie Ausgräber
Kuhn vermutet, schützten sie einen zentralen Ort mit Siedlung".
War es schon Magadoburg", die Große Burg", wie der Namensforscher Jürgen
Udolph seit 1999 den Ortsnamen übersetzt? Dann könnte das ehrwürdige
Magdeburg 25Jahre nach der 1200-Jahrfeier den 1500. Geburtstag feiern. |