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Magdeburg (dpa) – Wenn Städte
Jubiläum feiern, entlockt das dem auswärtigen Publikum oft nur ein Gähnen.
Doch
wenn Magdeburg in diesem Jahr seine 1200-Jahr-Feier begeht, wächst diesem
Ereignis auch symbolische Bedeutung zu. Magdeburgs Schicksal reicht für
mehrere Städte. Es war Kaiserresidenz, Hansestadt, preußische Festung und
immer wieder Trümmerlandschaft. Die deutsche Geschichte samt ihrer Irrungen
und Wirrungen hat sich ins Stadtbild eingebrannt.
Stolz
und feierlich thront der Dom mit seinen schlanken, aber auch ein wenig
düsteren Türmen über dem westlichen Elbufer. Er kann es an ziselierter
Pracht nicht mit den gotischen Kathedralen von Freiburg oder Köln aufnehmen,
aber er war auch das erste Gotteshaus dieses Baustils auf deutschem Boden.
Im Chor liegt der erste Kaiser der Deutschen begraben - oder vielmehr seine
Gebeine. Das Herz von Otto I. (912 bis 973) wurde am Sterbeort, der Pfalz
Memleben, bestattet.
Diese
alte germanische Sitte lief in diesem Fall der inneren Wahrheit zuwider:
Magdeburg war für Otto Herzensangelegenheit. Als er im Jahr 930 die
englische Prinzessin Editha heiratete, schenkte er ihr die Stadt als
Morgengabe. Sie hatte sich in den Ort verliebt, der sie an ihre Heimat an
der Themse erinnerte. Nach dem Sieg über die Ungarn ließ Otto den ersten,
noch romanischen Dom errichten. Vom Erzbistum Magdeburg ging die
Christianisierung ganz Osteuropas aus.
Die
große Politik hat Magdeburg erhöht und immer wieder zu Boden geworfen. Nur
der Dom und das benachbarte Liebfrauenkloster blieben von der Feuersbrunst
verschont, die kaiserliche Truppen während des 30-jährigen Krieges in der
nun protestantischen Stadt entfachten. Die Katastrophe wiederholte sich am
16. Januar 1945, als bei einem Luftangriff 90 Prozent des Zentrums in Schutt
und Asche fielen. Kaum eine deutsche Stadt entging diesem Schicksal im
Zweiten Weltkrieg, doch Magdeburg traf es mit am härtesten. Auf der
abgeräumten Brache verwirklichte das neue Regime seine Vorstellungen vom
Wiederaufbau, einschließlich des Abrisses vier erhalten gebliebener Kirchen.
Bis
heute wurden keine großen Anstrengungen unternommen, die Brüche der
Geschichte architektonisch zu kitten. Würdige Zeugen der Gründerzeit wie die
Hauptpost starren mit Unverständnis auf bescheidene Wohnhäuser der ersten
Nachkriegsbebauung. Blocks im Zuckerbäckerstil der Stalinzeit versuchen der
Karl-Marx-Allee in Berlin Konkurrenz zu machen und künden von der kurzen Ära,
als der Wiederaufbau Magdeburgs einem ästhetischen Programm folgte.
Dazwischen liegen immer wieder Traditionsinseln und zeitgenössische
Einkaufspassagen, deren Leuchtreklame gegen die fast 20-prozentige
Arbeitslosigkeit anstrahlt. Einen vergleichsweise geschlossenen Eindruck
vermittelt der Domplatz mit seiner barocken Randbebauung und dem romanischen
Liebfrauenkloster im Hintergrund. Doch auch er ist von Brüchen nicht ganz
frei. An die Stelle von zwei Plattenbauriegeln trat vor kurzem eine bläulich
schimmernde Landesbank mit kantiger, postmoderner Dachlandschaft - ein
Tausch, den manche Magdeburger nur als gelinden Fortschritt empfinden.
Umstritten ist auch ein weiteres Neubauprojekt in nächster Nachbarschaft,
das die stilistische Vielfalt des Stadtbilds überhöhen will, indem es sie
auf die Spitze treibt. Die Rede ist von der Grünen Zitadelle, besser bekannt
als „Hundertwasserhaus“. Noch bis kurz vor seinem Tod im Februar 2000
arbeitete der österreichische Künstler an den Plänen für das fantastische
Mehrzweck-Gebäude, das auf fast 5000 Quadratmetern neben Geschäften,
Wohnungen und Restaurants auch ein Hotel mit 41 Zimmern sowie eine
Kindertagesstätte beherbergen soll.
Bereits
im Baustadium hat sich die Grüne Zitadelle zu einer Touristenattraktion
entwickelt. Jeden Samstag um 15.00 Uhr und jeden Sonntag um 11.00 Uhr
starten im gegenüberliegenden Info-Büro Führungen zur Baustelle. Die
Eröffnung am 3. Oktober 2005 soll zu einem Höhepunkt der Jubiläumsfeiern
werden.
Bunt
wie das „Hundertwasserhaus“ präsentiert sich das übrige Festprogramm: Am
Abend des 7. Mai wird der Domplatz zum Schauplatz einer
Licht-Klang-Inszenierung des Künstlers Gert Hof, der schon die
EU-Erweiterungsfeier auf Malta illuminierte. Am 1. Juni tritt an gleicher
Stelle die amerikanischen Rockband R.E.M. auf. Der Stadtgeschichte widmet
sich eine Ausstellung im Kulturhistorischen Museum vom 8. Mai bis 4.
September. Zu „lebenden Bildern“ aus den 1200 Jahren wollen sich 1200
Magdeburger auf dem Sachsen-Anhalt-Tag vereinigen, der vom 1. bis 3. Juli
erstmals in der Landeshauptstadt stattfindet. Ein Internationales
Figurentheater-Festival im Juni trägt Magdeburgs Rang als Puppenspielerstadt
Rechnung.
Das
Stadtjubiläum fällt in eine Zeit, in der immer mehr Touristen Interesse für
Magdeburg und sein bewegtes Schicksal entwickeln. Die Zahl der
Übernachtungen stieg nach Angaben des örtlichen Tourismusamtes in den ersten
acht Monaten des Jahres 2004 um 13 Prozent, die Nachfrage nach
Stadtführungen sogar um 33 Prozent.
Diese
Zuwächse sind nicht zuletzt dem Wasserstraßenkreuz Magdeburg gutzuschreiben,
das - bereits vor dem Krieg begonnen - im Oktober 2003 endlich fertig
gestellt wurde. Dank der mit 918 Metern längsten Kanalbrücke Europas können
Binnenschiffe nun die Wasserstraßen vom Rhein bis Berlin befahren, ohne die
Pegelschwankungen der Elbe berücksichtigen zu müssen. Für Passagiere
örtlicher Ausflugsdampfer ist es ein besonderes Erlebnis, die Elbe wie auf
einer Autobahnbrücke zu überqueren und dabei die anderen Schiffe unter sich
zu sehen.
Das
Wasserstraßenkreuz erinnert an eine Zeit, als alle Wege des Landes in
Magdeburg zusammenliefen. Mehr als 1000 Jahre ist das inzwischen her. Doch
auf glanzvolle Zeiten bildet man sich in Magdeburg nichts ein. Das hat die
Stadt die Geschichte gelehrt.
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