|
Von Peter Mayer
Rom (dpa) - Einst schlugen sich im Kolosseum die Gladiatoren die
Köpfe ein, nun wird um die dringend notwendige Restaurierung des fast 2000
Jahre alten Amphitheaters gekämpft. Dabei schien schon alles geregelt: Vor
knapp einem Jahr hatte der italienische Schuh-Unternehmer Diego Della Valle
vertraglich zugesagt, 25 Millionen Euro in die Instandsetzung zu investieren
- und sich damit das Exklusivrecht gesichert, 15 Jahre lang mit dem
Kolosseum für seinen Luxusgüterkonzern Tod’s zu werben. Doch nun droht der «Schuh-König»,
aus dem Projekt auszusteigen.
Der Grund ist, dass eine Gewerkschaft und Verbraucherschützer den
Sponsorenvertrag beanstandet haben. Die Vergabe sei nicht transparent
gewesen, lautet der Vorwurf. Das rief die Staatsanwaltschaft und Italiens
höchstes Verwaltungsgericht auf den Plan. Bislang haben die Ermittlungen
Medienberichten zufolge keine Unregelmäßigkeiten ans Licht gebracht. Doch
solange die Untersuchung läuft, kann nicht mit den Arbeiten begonnen werden
- sie hätten eigentlich schon Ende 2011 starten sollen. Erst Ende Januar
wird eine erste Stellungnahme des Gerichts erwartet.
«Ich bin bereit, zu warten. Aber nicht zu lange», hat Della Valle Italiens
Kulturminister Lorenzo Ornaghi gewarnt. Dieser bat den Unternehmer, nichts
zu überstürzen. Unheil droht aber noch von anderer Seite: Ein
Restauratoren-Verband hat dazu aufgerufen, das Projekt zu stoppen, weil
Subunternehmer anstatt qualifizierter Spezialhandwerker gewöhnliche Maurer
einsetzen wollten.
Roms Bürgermeister Gianni Alemanno wird derweil immer unruhiger. «Ich zögere
nicht, diese Aktionen als kriminell zu bezeichnen», empörte er sich mit
Blick auf die Verzögerungen. «Erlauben Sie uns doch, das Kolosseum zu
restaurieren. Oder wollen Sie, dass es in Stücke zerfällt?», flehte Alemanno.
Dass die hoch verschuldete Ewige Stadt selbst nicht die Mittel dazu hat, gab
er unumwunden zu.
Obwohl einige Experten sagen, es bestehe für das Kolosseum keine
unmittelbare Gefahr, ist der Verfall für viele andere klar ersichtlich -
auch für die mehr als fünf Millionen Besucher, die das Monument jährlich
besichtigen. Der Smog hat die Mauern großflächig verschmutzt, im Oktober
2011 setzten heftige Regenfälle die unterirdischen Kerker unter Wasser. Dort
wurden einst auch die wilden Tiere gehalten, die bei Gladiatorenkämpfen zum
Einsatz kamen.
Andere Anzeichen des Verschleißes sind von offizieller Seite
heruntergespielt worden - etwa zu Weihnachten, als ein Teil eines
Mauerbogens herausbrach. Damals erklärte die oberste Beauftragte für das
Kolosseum, eine Taube sei dafür verantwortlich gewesen. Am selben Tag hatte
ein Geländer nachgegeben, nachdem sich anscheinend ein Tourist daran gelehnt
hatte.
Italiens Archäologen-Verband betont, die Restaurierung sei notwendig. Er
stellte aber auch klar, dass die mehr als 3000 Risse, die bislang
festgestellt worden sind, mit Spezialkameras rund um die Uhr beobachtet
würden. «Diese schon fast krankhafte Aufmerksamkeit für jeden
Kubikzentimeter des Kolosseums ist erstaunlich», sagte Verbandspräsident
Tsao Cevoli.
Er und andere Experten sind der Meinung, dass Roms antikes Wahrzeichen -
ebenso wie andere archäologischen Schätze wie etwa die Ruinen von Pompeji
oder die Villa Adriana bei Tivoli - vernachlässigt worden ist, weil der hoch
verschuldete Staat keine Mittel zur Instandhaltung hat. Gerade deshalb warnt
Roms Bürgermeister Alemanno: «Wir dürfen die einzige Möglichkeit, das
Kolosseum mit privatem Geld zu restaurieren, nicht verspielen.» |