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Von Georg Ismar
Hamburg
(dpa) - Während oben auf Gleis 14 der Intercity 929 nach Köln abfährt und
Reisende über Bahnsteige hasten, herrscht unten Stille. Die Schritte hallen.
Es ist kühl und riecht modrig. Finger Weg. Quetschgefahr."
Diese Warnung steht auf einem Schild, das an der gelb-schwarz gestreiften,
massiven Eisentür hängt. Legt der Bunkerwart den Schalter um, gibt es ein
lautes Zischen und die hydraulische Tür fällt krachend zu. Bis zu 2702
Menschen finden hier Platz. Die dreistöckige Anlage unter dem Hamburger
Hauptbahnhof wurde von 1941 bis 1944 gebaut und ist einer der größten
erhaltenen Tiefbunker unter einem Bahnhof in Deutschland. Ein Verein
arbeitet derzeit die Geschichte des Bunkers auf - und hat ein Problem: Man
findet keine Zeitzeugen.
Wir suchen Menschen, die hier während der Bombenangriffe Schutz fanden",
sagt Michael Grube, Vorstandsmitglied des Verein Hamburger Unterwelten". Da
es überwiegend Reisende waren, ist es sehr schwer, Zeitzeugen zu finden."
Auch Fotos fehlen. Während Hamburg im Juli 1943 durch die britische
Operation Gomorrha von zahllosen Brandbomben getroffen wurde und lichterloh
brannte, quetschten sich hier in den Südteil 3500 Menschen. Der noch im Bau
befindliche Nordteil wurde ebenfalls von Bomben getroffen, die Verschalung
ging in Flammen auf.
Seit kurzem kann der Schutzraum Steintorwall" besichtigt werden. Sollte neue
Gefahr drohen, könnte der reale Betrieb schnell wieder aufgenommen werden,
fast alles ist noch intakt. Hier braucht man keine Gebrauchsanweisung, was
man über den Bunkerbetrieb wissen muss, steht an den Wänden", sagt Grube.
Der Eingang an der Westseite des Hauptbahnhofs ist unscheinbar. Die bis zu
3,75 dicken Mauern im Innern schweigen, aber hier hat sich eine wechselvolle
Geschichte abgespielt. Nach dem Krieg richtete die Bahn in dem Bunker ein
Hotel und Restaurant (Grube: Das ist kein Witz") ein - rund um den Bahnhof
gab es nach den alliierten Angriffen keine Hotels mehr.
Bis 1949 betrieb die Schlafwagengesellschaft Mitropa die Anlage, dann diente
der Bunker der Bahn als Lager. Nach der Kuba-Krise 1962 und einem drohenden
Atomkrieg wurde die 14 Meter tiefe und 140 Meter lange Anlage von 1964 bis
1969 wieder instand gesetzt.
Das ist ein Mahnmal gegen den Krieg", sagt Grube, während er durch die Räume
führt. Hier wird der Kalte Krieg lebendig", ergänzt Grubes Frau Christel.
Zivilschutz ist ein Teil der Geschichte, der kaum noch in den
Geschichtsbüchern präsent ist." Beide betonen, dass alles im Originalzustand
ist. Wir wollen kein Disneyland." In einem Schutzraum liegt noch die Ration
für jeden Gast". 400 Blatt Klopapier, Seife, Handtuch, Decke, Becher,
Schüssel und ein Löffel.
Eine Zählmatte sollte sicherstellen, dass exakt 2702 Menschen hier reinkamen.
Wer zu spät kam, fand keinen Schutz mehr. Das hätte auch der Bürgermeister
sein können, das war egal, hier gab es keine Privilegien", sagt Grube. Wenn
Hamburg von einer Atombombe getroffen worden wäre, konnte man sich hier 14
Tage vor Verstrahlung schützen. Die von oben gesaugte Luft könnte durch
große Sandfilteranlagen gefiltert werden. So werden Rußpartikel
herausgetrennt, wenn Hamburg oberirdisch brennt. Und wenn die Luft oben bis
zu 1000 Grad haben sollte, wird sie durch den Sand heruntergekühlt. Im
Inneren gibt es auch einen riesigen Dieselmotor, bis vor kurzem lagerten
hier 62 000 Liter Diesel, um bei Stromausfall die Energieversorgung zu
sichern.
In
einem Raum befinden sich Dutzende Stuhlreihen, die an silbernen
Metallgestellen befestigt sind. Das ganze ähnelt einem Zugabteil. Der Kopf
wird wie in einem Karussell in Schaumstoff-Stützen gepresst und der Körper
mit einem Anschnallgurt gesichert. Gegen Erschütterungen draußen", sagt
Grube. Schließlich hat auch der Bahnhof im Zweiten Weltkrieg ganz schön was
auf den Kopp gekriegt." Er zeigt ein Bild, über den Bahnhof waren 1943 große
Matten verlegt worden. Das sollte eine Straße suggerieren, um die Bomber zu
täuschen. Auch die Alster war mit Schilfmatten und Holz bedeckt, damit das
Zentrum nicht so leicht zu finden war. Hat alles nichts genützt", sagt Grube. |