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Manfred Heuser im
Gespräch mit Paula Balluff
M.H.: Frau Balluff,
liebe Paula! Ich darf mir diese vertrauliche Anrede wohl erlauben, denn wir
kennen uns nun schon seit 48 Jahren, sind gute Freunde. Dein lieber Mann,
Viktor, der leider viel zu früh verstorben ist, gehörte wie ich der
Schlaraffia an. (Schlaraffia ist eine Gemeinschaft von Männern, die Kunst,
Humor und Freundschaft pflegen.) Wir gratulieren Dir ganz herzlich zu Deinem
100. Geburtstage! Es widerfährt nicht jedem die Gnade, so alt zu werden.
Aber wir sehen Dich in aller Frische, von Alter keine Spur. Und wie Du immer
behauptest Du bist ja nicht alt, Du bist ja nur antik".
Du bist, und das
wird jeder der Dich kennt, gern bestätigen, Du bist eine liebe, fantastische,
einzigartige Frau! Du wurdest am 15. Mai 1908 in Ehingen an der Donau
geboren. Wie verlief Deine Jugendzeit?
Fr. B.: Wir
wohnten nahe am Fluss. Da waren 13 Kinder aus 3 Familien die immer
miteinander spielten.
M.H.: Hattest Du
oder hast Du Geschwister?
Fr. B.: Ja, ich
habe noch eine Schwester. Liesl lebt als Nonne in der Schweiz. Sie ist 96
Jahre alt.
M.H.: Standest Du
in einem Arbeitsverhältnis?
Fr. B.: Ja, ich
hatte Schaufensterdekorateurin gelernt.
M.H.: Was für
einen Beruf hatte Dein Vater?
Fr. B.: Er war
Postbeamter.
M.H.: Hast Du
immer in Ehingen gelebt, ehe Du nach Amerika kamst?
Fr. B.: Nein, ich
hatte 4 Jahre in Rottweil gelebt.
M.H.: Was hatte
Dich bewegt, nach Amerika zu kommen?
Fr. B.: Ich war
seit 1928 mit Viktor verlobt, musste aber 9 Monate warten bis ich hier
einwandern konnte.
M.H.: Du kamst
sicher mit dem Schiff. Damals gab es wohl kaum Flugverkehr. Wie war die
Überfahrt?
Fr. B.: Ja, ich
habe 1930 die Jungfernfahrt der Bremen mitgemacht. Fünf Tage hatten wir
schönes Wetter; am sechsten Tag hatten wir einen schrecklichen Sturm und
viel Regen.
M.H.: Seitdem
wohntest Du immer hier in der Detroiter Gegend?
Fr. B.: Ja, ich
wohnte eine Zeitlang in Flint, dann in Troy und nun hier in Farmington
Hills.
M.H.: Wann hast Du
Viktor kennengelernt und geheiratet?
Fr. B.:
Kennengelernt hatten wir uns 1928 in Rottweil; geheiratet haben wir 1931
hier in Amerika.
M.H.: Ich weiss,
Viktor war von Beruf Betriebsleiter, aber nebenbei nebenbei ist wohl nicht
das richtige Wort einen grossen Teil seiner Zeit widmete er dem Schwäbischen
Männerchor.
Fr. B.: Aus einer
kleinen Sängergruppe, die in Kellerräumen probte, hat er sie zu einem
ansehnlichen Chor aufgebaut, und 40 Jahre lang war er dessen Chorleiter.
Später hatte der SchwabenUnterstüt-zungsverein die Schirmherrschaft
übernommen.
M.H.: Du bist
jemand, der mir als Mensch sehr viel bedeutet. Niemals habe ich ein böses
Wort von Dir gehört, niemals hast Du Dich über etwas beklagt.
Fr. B.: Über was
soll man klagen? Es gibt so viel Schönes in der Welt.
M.H.: Du hast eine
Tochter, Dagmar, die hier in Troy wohnt und mit der Du ein sehr herzliches
Verhältnis hast. Hat Dagmar Kinder? Mit anderen Worten, hast Du Enkelkinder?
Fr. B.: Ja, das
stimmt, ich habe vier Enkelkinder und fünf Urenkel, die ich herzlich liebe.
M.H.: Was ist das
Geheimnis, so alt zu werden, und doch im Herzen noch so jung zu bleiben?
Fr. B.: Immer
aktiv bleiben. Ich mache immer noch den Haushalt, jeden Morgen mache ich
meine Freiübungen,
gehe schwimmen, und wir gehen ins Konzert und ins Theater und kommen oft mit
Freunden zusammen.
M.H.: Abgesehen
von Kriegen und allgemeinen Unruhen in der Welt, was war das schlimmste
Ereignis, das Du erlebt hast?
Fr. B.: Das war
als Viktor so früh starb.
M.H.: Und was war
das schönste Erlebnis?
Fr. B.: Das war
ohne Zweifel Dagmars Geburt. Und dann die schönen Europatouren, die ich mit
Dir und Deiner Tourgruppe gemacht habe.
M.H.: Du bist seit
vielen Jahren eifriger Leser der Nordameri-kanischen WochenPost. Welcher
Teil der Zeitung interessiert Dich am meisten: Romane, Rätsel, Berichte über
das Vereinsleben?
Fr. B.: Ich freue
mich immer auf die Rätselseite. Und jetzt lese ich auch die Romane.
M.H.: Was sagst Du
zu der heutigen politischen Lage in Deutschland und in Amerika?
Fr. B.: Da
versuche ich mich rauszuhalten. Es gibt nicht viele erfreuliche Ereignisse.
Ich kümmere mich lieber um meine Blumen und bin gerne von Verwandten und
Freunden umgeben.
M.H.: Wir
bewundern Dich, und hoffen, dass wir noch viele Feste mit Dir feiern können!
Ich persönlich danke Dir für Deine Freundschaft!
Fr. B.: Ja, ist es
nicht herrlich, dass wir so gute Freunde sind?!
M.H.: Was möchtest
Du unseren Lesern noch sagen; welchen Rat möchtest Du ihnen geben?
Fr. B.: Man soll
nichts übertreiben. Man muss aktiv bleiben, keine Kaffeetante werden!
M.H.: Nochmals
herzlichen Glückwunsch und alles Gute! Ich danke für dieses Gespräch! |