13 May, 2008

143rd YEAR - THE AMERICAN NEWSPAPER WRITTEN IN THE GERMAN LANGUAGE

Stand vom Montag

1 US $ = 0,6460  Euro

1 Euro = 1,5479 US $

Contact Us

Home/Start

Store

Newsstands

 

Sections

Ads/Anzeigen

Archives/Archiv

National Ad Rates

 

Deutsche

Churches/Kirchen

Clubs/Vereine

Radiostationen

 

Fußball

WM 2006

Links

 

Services

Internship/Praktikum

Subscribe

Purchase 150th Anniversary Issue

Address Change

 

 

Inzest-Fall typisch österreichisch"? - Alpenrepublik fürchtet um Ruf

Solidarität mit den Opfern: Mehr als 200 Personen kamen am 30. April zum Amstettener Hauptplatz und zündeten Kerzen für die Opfer der Familientragödie an.

Von Christian Fürst

Wien (dpa) - Das Inzest-Drama von Amstetten hat Österreich über Nacht in den Brennpunkt des internationalen Medieninteresses gerückt. Mehrere hundert Journalisten aus aller Welt rückten am Montag in die kleine Bezirkshauptstadt ein, nachdem der Schock über die Verbrechen des 73-jährigen Josef Fritzl auch die entferntesten Winkel auf dem Globus erreicht hatte. Doch die volle Aufmerksamkeit der Weltpresse, die einige der Verantwortlichen zunächst mit unverhohlenem Stolz registrierten, zeigt nun ihre Schattenseiten.

Denn in den zahllosen Kommentaren und Analysen über die Untaten des Josef Fritzl kommt die Alpenrepublik plötzlich schlecht weg. Gerät der Ruf Österreichs als das Land der Berge und Seen in Gefahr?, fragen nicht nur Tourismusmanager. Eine Horror-Vision für die Branche, wenn aus dem Land Mozarts, Haydns und der Habsburg-Monarchie auf einmal Österreich, das Land der Verliese" würde, wie ausländische Zeitungen schrieben.

Glaubt man den Kommentatoren mancher ausländischer Blätter, so verkommt Österreich - ähnlich wie vor Jahren Belgien - zunehmend zu einem Land der Kinderschänder und Kriminellen. Wie schon nach dem Fall Natascha Kampusch", den die Welt mit ungläubigem Staunen" und nicht selten bösen Kommentaren verfolgte, heißt es nun mehr denn je typisch österreichisch". Die meisten internationalen Medien kritisierten in den vergangenen Tagen Hand in Hand mit ihren österreichischen Kollegen vor allem die Schlamperei", die angebliche Gleichgültigkeit von Behörden und Nachbarn im Umgang mit dem Inzest- Fall. Doch zunehmend widmen sich die Kommentatoren nun auch einer Gesellschaft, die nach ihrer Ansicht den Nährboden" für diese fürchterlichen Verbrechen bilde.

So meinte die italienische La Stampa": Serienmörder und Perversionen sind natürlich keine österreichische Exklusive. Doch nur dort verbinden sie sich mit Walzer, Jodler und Kuckucksuhren. (...) In diesem Josef F., der sieben Kinder mit der Tochter gezeugt hat, die er vergewaltigte, steckt etwas (...) ungeheuerlich und einzigartig Österreichisches." Die polnische Zeitung Dziennik" fragt: Warum werden in Österreich solche Bestien geboren?" Selbst der Zürcher Tagesanzeiger" verallgemeinerte auf der Suche nach der Ursache des Verbrechens und fand die Antwort in gesellschaftlichen Verhältnissen des erzkonservativen und erzkatholischen" Agrarlandes Niederösterreich. Dort seien Worte wie Zivilgesellschaft und Eigenverantwortung noch immer fremd". Autorität werde in Niederösterreich noch großgeschrieben, Hinterfragen klein".

Das offizielle Österreich wurde ob solcher Bemerkungen so beunruhigt, dass selbst Bundespräsident Heinz Fischer es sich am Mittwoch nicht nehmen ließ, den Inzest-Fall zu kommentieren. Es ist sicher nichts abgründig Österreichisches an diesem Fall", sagte er zur Beruhigung seiner Landsleute in einem Interview: Das Monströse, zu dem der Mensch fähig ist, offenbart sich überall." Es genüge ein Blick auf die weltweiten Horror-Schlagzeilen der vergangenen Jahre". Und Kanzler Alfred Gusenbauer bekräftigte auf einer Maiveranstaltung vor dem Wiener Rathaus am Donnerstag, man werde nicht zulassen, dass ganz Österreich, dass unsere gesamte Bevölkerung von einem kriminellen, grausamen Einzeltäter in Geiselhaft genommen wird". Kämpferisch fügte er hinzu: Wir werden das Ansehen unseres Landes verteidigen, liebe Freunde."

Für die Marktforscherin Karin Cwritila dürfte das Imageproblem Österreichs allerdings nicht von Dauer sein. Letztlich sei es auch ein Problem der geringen Größe des Landes: Von Amerika ist man (diese Gewalt) ja schon irgendwie gewöhnt", sagte sie der Nachrichtenagentur APA unter Hinweis auf große Kriminalfälle. Österreich gelte dagegen als eher kleines Bergland und Insel der Seligen mit einem Happy-Peppi-Image". Natürlich tue das dem Image des Landes nicht gut, räumte sie ein. Doch am Ende werde sich das klassische Image Österreichs wiederherstellen. Auch der Marktforscher Wolfgang Bachmayer ist davon überzeugt: Tradition und Gemütlichkeit - diese Vorstellungen über die Alpenrepublik seien sehr gut gefestigt.

Anders sieht es dagegen die konservative Zeitung Die Presse". Sie warnte am Mittwoch: Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis die Brücke zum Fall Waldheim und der österreichischen Opferrolle in der NS-Zeit (Wir haben nichts gewusst!) geschlagen wird. Ein paar Zitate von Thomas Bernhard und fertig ist das neo-österreichische Klischee." Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger mahnte, dass es in seinem Land die fatale Tradition" gebe, Dinge unter den Teppich zu kehren". Angesichts des Inzest-Dramas von Amstetten dürfe man nicht so tun, als hätte es auch gar nichts mit Österreich zu tun, als hätte es überall sonst passieren können", sagte Haslinger im Deutschlandradio.

Glasbilder an einem Fernster des Wohnhauses der Familie Fritzl

 

 

Last modified on:05/08/2008

GACCMI

           
About us Affiliations   Webmaster  

`

© 1996-2008 Nordamerikanische Wochen-Post. All rights reserved.