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Von Christian
Fürst
Wien
(dpa) - Das Inzest-Drama von Amstetten hat Österreich über Nacht in den
Brennpunkt des internationalen Medieninteresses gerückt. Mehrere hundert
Journalisten aus aller Welt rückten am Montag in die kleine
Bezirkshauptstadt ein, nachdem der Schock über die Verbrechen des
73-jährigen Josef Fritzl auch die entferntesten Winkel auf dem Globus
erreicht hatte. Doch die volle Aufmerksamkeit der Weltpresse, die einige der
Verantwortlichen zunächst mit unverhohlenem Stolz registrierten, zeigt nun
ihre Schattenseiten.
Denn in den
zahllosen Kommentaren und Analysen über die Untaten des Josef Fritzl kommt
die Alpenrepublik plötzlich schlecht weg. Gerät der Ruf Österreichs als das
Land der Berge und Seen in Gefahr?, fragen nicht nur Tourismusmanager. Eine
Horror-Vision für die Branche, wenn aus dem Land Mozarts, Haydns und der
Habsburg-Monarchie auf einmal Österreich, das Land der Verliese" würde, wie
ausländische Zeitungen schrieben.
Glaubt man den
Kommentatoren mancher ausländischer Blätter, so verkommt Österreich -
ähnlich wie vor Jahren Belgien - zunehmend zu einem Land der Kinderschänder
und Kriminellen. Wie schon nach dem Fall Natascha Kampusch", den die Welt
mit ungläubigem Staunen" und nicht selten bösen Kommentaren verfolgte, heißt
es nun mehr denn je typisch österreichisch". Die meisten internationalen
Medien kritisierten in den vergangenen Tagen Hand in Hand mit ihren
österreichischen Kollegen vor allem die Schlamperei", die angebliche
Gleichgültigkeit von Behörden und Nachbarn im Umgang mit dem Inzest- Fall.
Doch zunehmend widmen sich die Kommentatoren nun auch einer Gesellschaft,
die nach ihrer Ansicht den Nährboden" für diese fürchterlichen Verbrechen
bilde.
So meinte die
italienische La Stampa": Serienmörder und Perversionen sind natürlich keine
österreichische Exklusive. Doch nur dort verbinden sie sich mit Walzer,
Jodler und Kuckucksuhren. (...) In diesem Josef F., der sieben Kinder mit
der Tochter gezeugt hat, die er vergewaltigte, steckt etwas (...)
ungeheuerlich und einzigartig Österreichisches." Die polnische Zeitung
Dziennik" fragt: Warum werden in Österreich solche Bestien geboren?" Selbst
der Zürcher Tagesanzeiger" verallgemeinerte auf der Suche nach der Ursache
des Verbrechens und fand die Antwort in gesellschaftlichen Verhältnissen des
erzkonservativen und erzkatholischen" Agrarlandes Niederösterreich. Dort
seien Worte wie Zivilgesellschaft und Eigenverantwortung noch immer fremd".
Autorität werde in Niederösterreich noch großgeschrieben, Hinterfragen klein".
Das offizielle
Österreich wurde ob solcher Bemerkungen so beunruhigt, dass selbst
Bundespräsident Heinz Fischer es sich am Mittwoch nicht nehmen ließ, den
Inzest-Fall zu kommentieren. Es ist sicher nichts abgründig Österreichisches
an diesem Fall", sagte er zur Beruhigung seiner Landsleute in einem
Interview: Das Monströse, zu dem der Mensch fähig ist, offenbart sich
überall." Es genüge ein Blick auf die weltweiten Horror-Schlagzeilen der
vergangenen Jahre". Und Kanzler Alfred Gusenbauer bekräftigte auf einer
Maiveranstaltung vor dem Wiener Rathaus am Donnerstag, man werde nicht
zulassen, dass ganz Österreich, dass unsere gesamte Bevölkerung von einem
kriminellen, grausamen Einzeltäter in Geiselhaft genommen wird". Kämpferisch
fügte er hinzu: Wir werden das Ansehen unseres Landes verteidigen, liebe
Freunde."
Für die
Marktforscherin Karin Cwritila dürfte das Imageproblem Österreichs
allerdings nicht von Dauer sein. Letztlich sei es auch ein Problem der
geringen Größe des Landes: Von Amerika ist man (diese Gewalt) ja schon
irgendwie gewöhnt", sagte sie der Nachrichtenagentur APA unter Hinweis auf
große Kriminalfälle. Österreich gelte dagegen als eher kleines Bergland und
Insel der Seligen mit einem Happy-Peppi-Image". Natürlich tue das dem Image
des Landes nicht gut, räumte sie ein. Doch am Ende werde sich das klassische
Image Österreichs wiederherstellen. Auch der Marktforscher Wolfgang
Bachmayer ist davon überzeugt: Tradition und Gemütlichkeit - diese
Vorstellungen über die Alpenrepublik seien sehr gut gefestigt.
Anders sieht es
dagegen die konservative Zeitung Die Presse". Sie warnte am Mittwoch: Es
kann nur eine Frage der Zeit sein, bis die Brücke zum Fall Waldheim und der
österreichischen Opferrolle in der NS-Zeit (Wir haben nichts gewusst!)
geschlagen wird. Ein paar Zitate von Thomas Bernhard und fertig ist das neo-österreichische
Klischee." Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger mahnte, dass
es in seinem Land die fatale Tradition" gebe, Dinge unter den Teppich zu
kehren". Angesichts des Inzest-Dramas von Amstetten dürfe man nicht so tun,
als hätte es auch gar nichts mit Österreich zu tun, als hätte es überall
sonst passieren können", sagte Haslinger im Deutschlandradio. |