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Santiago
de Chile (dpa) - Es war einer dieser Augenblicke,
die Seefahrerherzen höher schlagen lässt. Um 17.28 Uhr tauchte die
Schiffsglocke des legendären deutschen Kreuzers Dresden" nach fast 91 Jahren
wieder aus den Fluten des Pazifik auf. An Bord des chilenischen
Marineschiffes Valdivia" stellten die Leiter der Expedition, Willi Kramer
vom Archäologischen Landesamt Schleswig- Holstein und der ehemalige Leiter
des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam, Jörg Duppler, am
Freitag erleichtert fest, in welch gutem Zustand die 200 Kilogramm schwere
Glocke ist.
Glocken sind wie
die Stimme eines Schiffes, die den Wechsel zwischen den Wachen an Bord
anzeigen. Am 14. März 1915 aber muss diese Glocke den mehr als 300
Besatzungsmitgliedern wie eine Totenglocke in den Ohren geklungen haben.
Nach monatelanger
Flucht vor überlegenen britischen Marineverbänden war das 1907 bei Blohm &
Voss in Hamburg gebaute Schiff der Kaiserlichen Kriegsmarine vor der
Robinson-Insel Juan Fernandez in chilenischen Hoheitsgewässern vor Anker
gegangen. Die Mannschaft war erschöpft, die Munition weitgehend verschossen,
die Dampfmaschinen von einer mörderischen Sturmfahrt aus den patagonischen
Kanälen bis zu dem 700 Kilometer vor dem chilenischen Festland gelegenen
Eiland ruiniert und der Kohlenvorrat auf nur noch 80 Tonnen geschrumpft.
Als der britische
Panzerkreuzer Kent" begann, die Dresden" mit 15-Zentimeter-Granaten zu
durchlöchern, befahl der Kommandant, Fregattenkapitän Fritz Lüdecke, die
Bodenventile zu öffnen und das Schiff zu sprengen. Die Besatzung war in die
Boote gegangen und wurde in Chile interniert. Der 118 Meter lange
Stahlkoloss mit drei Schornsteinen und einer Wasserverdrängung von 3650
Tonnen sank auf den hier 65 Meter tiefen Meeresboden.
Eine der längsten
Einsatzfahrten der deutschen Kriegsmarine war zu Ende und der Mythos der
Dresden" geboren. Das Wrack ist in Chile Nationaldenkmal und liegt nur 500
Meter von der Insel entfernt, auf der von 1704 bis 1709 der Matrose A.
Selkirk ausgesetzt war. Dessen Geschichte regte den englischen
Schriftsteller Daniel Defoe zu seinem weltberühmten Abenteuerroman Robinson
Crusoe" an.
Im letzten
Augenblick hatte noch ein Parlamentär der Dresden", der damalige
Oberleutnant zur See Wilhelm Canaris, vergeblich mit den Briten verhandelt.
Der spätere Admiral und deutsche Abwehrchef im Zweiten Weltkrieg konnte das
Schicksal jedoch nicht abwenden. Wir haben die Dresden" zu versenken, wo und
wie wir sie antreffen", wurde er vom britischen Kommandanten abgewiesen.
Canaris floh später aus der Internierungshaft und gelangte noch während des
Ersten Weltkrieges zurück nach Deutschland.
Die Dresden" war
kurz nach dem Beginn des Krieges zum ostasiatischen Kreuzergeschwader unter
Graf Maximilian von Spee gestoßen, das von den Briten bei den Falkland-Inseln
im Südatlantik fast vollständig zusammengeschossen wurde. Nur die Dresden"
entkam in eine Nebelbank und konnte mit Hilfe des deutsch-chilenischen
Lotsen Albert Pagels in den patagonischen Kanälen monatelang ihre Verfolger
narren.
Der Name Dresden"
ist seither in Chile sehr populär, und Gedenksteine erinnern im Süden, wo
viele Deutschstämmige und auch Nachfahren der Dresden"-Männer leben, an das
Schicksal des Kleinen Kreuzers. Der Leiter des staatlichen chilenischen
Denkmalamtes, Angel Cabezas, bezeichnete die Bergung der Glocke als Geste
der Freundschaft mit der Bevölkerung Deutschlands und Dresdens, die so sehr
gelitten hat, als die Stadt zerstört wurde". Eine Leihgabe der Glocke nach
Deutschland und dort an das Militärhistorische Museum in Dresden ist in der
Diskussion. |