|
Berlin (dpa) - 60 Jahre nach dem
Ende der Nazi-Diktatur stellt sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) dem
finstersten Kapitel seiner 105-jährigen Geschichte. Am Dienstag wurden in
Berlin die Ergebnisse einer Studie zur Verbandshistorie zwischen 1933 und
1945 vorgestellt. Das 473 Seiten umfassende Werk der Historiker Nils
Havemann und Klaus Hildebrand trägt den Titel Fußball unterm Hakenkreuz -
Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz". Beim 100-jährigen
Verbandsjubiläum im Jahr 2000 hatte es Kritik gegeben, dass der DFB die
dunklen Jahre des Dritten Reiches ausgespart hatte. 2001 war dann die Studie
vom DFB in Auftrag gegeben worden.
Autor Havemann zeichnete in seinem Werk, das als Buch vertrieben wird, ein
vielschichtiges Bild" von der Rolle des DFB in der Zeit des
Nationalsozialismus. Vor allem in den ersten Jahren der Diktatur habe der
Verband eng mit den Nazis kooperiert, später habe die Begeisterung des DFB
an dem System aber abgenommen. Jüdische Mitglieder wurden ausgeschlossen,
später ermordet. Es gebe in der deutschen Geschichte keinen schmählicheren
Verstoß" gegen alle Regeln des Sports und der Menschlichkeit, sagte
Bundesinnenminister Otto Schily.
Ich bin froh, dass nun eine unabhängige Studie zur Vergangenheit unseres
Verbandes vorliegt, die weder schönt noch in Bausch und Bogen verdammt",
sagte der Geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger und sprach von
einer Pflicht des Verbandes. Die heutige Veröffentlichung soll kein
Schlussstrich ziehen, sondern ein Anfang sein", betonte Zwanziger, der
einräumte: Es wäre möglicherweise besser gewesen, sich bereits im Buch zum
100-jährigen DFB-Jubiläum im Jahr 2000 intensiver darum zu kümmern." Der
Verband aber wollte gerade vor der WM im eigenen Land den Fehler nicht ein
zweites Mal machen. Auch Schily begrüßte die Aufarbeitung, auch wenn die
fast zu spät komme: Aber ist es ein Grund, es nicht zu tun, weil es die
Vorgänger versäumt haben?"
Die Studie zeigt laut Hildebrand, dass der DFB - wie andere Organisationen
auch - im Ansehnlichen wie im Unansehnlichen, im Guten wie im Bösen
untrennbar in die nationalsozialistische Diktatur verwoben war". Das sei
eine traurige Tatsache, der man sich aber stellen müsse, erklärte Schily.
Vor allem auch in der Jugend- und Vereinsarbeit will der DFB die Studie
nutzen, um seiner gesellschaftlichen Funktion nachzukommen. Wir wollen nicht
nur Fußball spielen", unterstrich Zwanziger mit Hinweis auf sechs Millionen
Verbandsmitglieder und 40 Millionen Fans.
Zwanziger kündigte weitere Maßnahmen an. Im Mittelpunkt steht die Stiftung
des Julius-Hirsch-Preises für Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit sowie
gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und Diskriminierung. Der
mit 20000 Euro dotierte neue Preis erinnert an den siebenmaligen jüdischen
Nationalspieler Julius Hirsch, den die Nationalsozialisten im
Konzentrationslager Auschwitz ermordet hatten. Eine Jury, in der Schily
mitarbeiten will, soll jährlich über den Preisempfänger entscheiden.
Erster Preisträger ist nach einem Beschluss des DFB-Präsidiums der FC Bayern
München, der die Auszeichnung am 9. Dezember auf einem außerordentlichen DFB-Bundestag
in Leipzig erhalten soll. Die Fußballer dieses Clubs hätten sich im Dritten
Reich" wie kaum andere Sportler so lange den Vereinnahmungsversuchen der
NSDAP-Mitglieder widersetzt, sagte Zwanziger. Und auch in der Gegenwart
setzen die Bayern klare Zeichen gegen Fremdenfeinlichkeit und Antisemitismus.
So hatte der deutsche Rekordmeister am 25. Juli ein so genanntes
Friedensspiel zwischen seiner U 17-Mannschaft und einer israelisch-
palästinensischen Jugendauswahl ausgetragen. |