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Hamburg (dpa) - 2,5 Millionen Kinder wurden in Deutschland im Krieg
1939-1945 zu Halbwaisen, 100000 zu Vollwaisen. Mehr als ein Drittel aller
Kinder war während des Krieges oder danach auf der Flucht. Neun von zehn
Kindern erlebten Bombardierungen oder Kämpfe. Jedes vierte Kind verlor auf
Dauer seinen Vater oder wegen einer Kriegsgefangenschaft zumindest für
einige Jahre, viele auch die Mutter.
Die Langzeitfolgen der damit verbundenen Leiden werden erst neuerdings
untersucht. Bei vielen alten Deutschen konnten körperliche oder psychische
Beschwerden und Störungen dabei eindeutig mit Erlebnissen vor sechzig Jahren
erklärt werden. Ursachen sind neben dem Verlust des Vaters oder der Eltern
insbesondere auch die Erfahrungen von Bombardierungen und bei Mädchen die
einer Vergewaltigung. Die Zeitschrift Psychologie heute" (Weinheim) gibt in
ihrer Mai-Ausgabe einen Überblick über die einschlägigen Befunde.
Einen besonders eindrucksvollen Befund zeigte eine Erhebung der Hamburger
Psychologinnen Frauke Teegen und Verena Meister, an der sich 269 Menschen
(76 Prozent Frauen) beteiligten, die als Kind fliehen mussten. Sie ergab,
dass knapp zwei Drittel der Befragten unter Intrusionen litten - das Erleben
kehrt in Form von Bildern oder Geräuschen quälend zurück. Hinzu kommen
depressiven Stimmungen und körperlich spürbare Angstsymptome. Am meisten auf
der Seele lagen diesen Menschen schreckliche einzelne Erfahrungen wie eigene
Vergewaltigung, der Tod von Familienangehörigen oder die Konfrontation mit
misshandelten Toten. Die Befragten wurden ausgewählt unter zur Auskunft
bereiten Zeitzeugen. Psychische Vorerkrankungen wurden nicht erfragt.
Am
Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit stellten Forscher bei
einer Untersuchung verschiedener Altersgruppen beim Jahrgang 1935 fest, dass
Menschen 60 Jahre später häufiger an seelischen und psychosomatischen
Beschwerden litten, wenn in der Kindheit der Kontakt zum Vater fehlte. Zu
ähnlichen Ergebnissen kam Elmar Brähler von der Universität Leipzig in einer
repräsentativen Erhebung. Bei Frauen, denen als Kinder die Väter fehlten,
fand Brähler vermehrt depressive Zustände, soziale Ängste und vegetative
Störungen. Die bei vaterlos aufgewachsenen Kriegskindern allgemein
festgestellte physische und geistige Erschöpfung hänge auch damit zusammen,
dass sie nach dem Krieg Erwachsenenfunktionen übernehmen mussten. Sie trugen
zum Lebensunterhalt bei, führten den Haushalt, versorgten jüngere
Geschwister.
Der Psychoanalytiker Hartmut Radebold (Kassel) berichtete im Deutschen
Ärzteblatt" unlängst ebenfalls über Auswirkungen einer langfristigen
Abwesenheit oder den Tod des Vaters. So führte offenbar eine durch enges
Zusammenleben geprägte Mutter-Kind-Beziehung bei einer fehlenden Vaterfigur
besonders bei den Söhnen zu eingeschränkter bis verunsicherter
psychosozialer und psychosexueller Identität sowie auch zu Beziehungs- und
Bindungsstörungen. Ein von Radebold mitherausgegebenes Buch enthält Berichte
von einstigen Kriegskindern. Da wird deutlich, dass auch Söhne, deren Väter
spät aus dem Krieg nach Hause kamen, große Probleme mit der eigenen
Identität haben. Die Väter waren zudem oftmals krank, verwundet oder in
ihrer Seele geschädigt und ihren Söhnen kein Vorbild.
Radebold möchte die Erfahrungen des Krieges jedoch nicht mit
Traumatisierungen gleichgesetzt wissen: Auch damals standen schützende
Einflüsse zur Verfügung, wie etwa eine stabile Mutter- Kind-Beziehung, eine
Großfamilien-Situation oder andere Männer wie ältere Brüder oder Großväter.
Die aus zwei Vertriebenenfamilien stammende Diplom-Pädagogin Astrid von
Friesen (Freiberg/Sachsen) schließt aus vielen Gesprächen mit Kindern von
Flüchtlingen, dass viele spätere Erkrankungen oder Verhaltensauffälligkeiten
auch darauf zurückgehen, dass ihnen nach dem Krieg die Rolle zuwuchs, die
Ehe ihrer traumatisierten Eltern zu stabilisieren. Wie die Verfasserin des
Buchs Der lange Abschied" (Psychosozial-Verlag, Gießen, 2000) der dpa sagte,
hatten andere Kinder von der Mutter den unausgesprochenen oder
ausgesprochenen Auftrag, den toten Vater zu ersetzen.
Wie besonders stark die Nachwirkung einer sechzig Jahre zurückliegenden
Vergewaltigung sein kann, ist bei den wenigen Frauen deutlich geworden, die
sich im Alter dazu im Fernsehen geäußert haben. Der Historiker Hans-Ulrich
Wehler (Bielefeld) glaubt, dass die Massenvergewaltigungen zwischen 1945 und
1949 durch Soldaten der Roten Armee in Zukunft stärker thematisiert werden.
Wie er der dpa sagte, widmen sich neuerdings besonders amerikanische
Historikerinnen deutsch-jüdischer Abstammung dem damaligen Geschehen unter
dem Leitmotiv Gewalt gegen Frauen". Wehler zufolge wird die Zahl der
Vergewaltigungen durch die Soldaten der Roten Armee auf mehrere Millionen
geschätzt, darunter selbst Mädchen bis hinab zum Alter von sechs Jahren.
Allein in Berlin seien es im Frühjahr und Sommer 1945 nach Schätzungen
300000 bis 400000 Vergewaltigungen gewesen.
Rudolf Grimm |