|
Von Dirk Averesch
Hamburg
- Aspasia steht vor der Davidswache. Es ist kalt an diesem Winterabend, doch
ihre Wangen leuchten rot. Ebenso die Haube mit weit abstehenden Flügeln, aus
der langes Haar auf einen gelben Umhang aus derbem Stoff quillt. Das Kleid
ist auf Brusthöhe wie ein Mieder geschnürt und Teil von Aspasias Hurentracht
aus dem 16. Jahrhundert. Sie wird von einem unrasierten Mann mit
Wildlederjacke und bayerischem Akzent angesprochen. Hallo, ist dies die
Tour?" Der Mann ist kein Freier, er hat die Historische Hurentour" gebucht -
eine Führung durch Vergangenheit und Gegenwart der Prostitution auf St.
Pauli in Hamburg.
Und in Aspasias
Tracht steckt auch keine Hure. Es ist die kostümierte Fremdenführerin
Christine Neumann, die nach und nach 20 Leute um sich schart. Die
Verkleidung schafft Distanz, für die Leute ist es leichter, einer Kunstfigur
Fragen zu stellen", sagt die 32- Jährige. Die Zwangstracht der Huren hat ein
befreundeter Travestiekünstler rekonstruiert. Wagten es Prostituierte damals,
sich anders zu kleiden, drohten ihnen Prügel und Pranger, erzählt Neumann.
Ein Leben lang hätten Frauen wie Aspasia keine andere Kleidung tragen dürfen
- noch nicht einmal nach der Heirat.
Begleitet wird
Aspasia von Gerritje Deterding. Die Frau mit kurzen hellblonden Haaren und
Brille hält die Gruppe auf dem lebhaften Kiez zusammen. Die Leute haben eine
falsche Vorstellung von der Reeperbahn", sagt sie entschieden. Die rote
Meile", Der König von St. Pauli" - alles Unsinn". Deshalb hat die 53-Jährige
im Sommer 2004 einen Rundgang durch das Viertel der Kneipen, Clubs und
Bordelle ersonnen, der die Prostitution und ihre Geschichte ins rechte Licht
rücken soll - für 25 Euro pro Person.
Niemand würde sich
trauen, eine Hure anzusprechen und zu fragen, was sie genau macht." Wenn
Deterding dann und wann selbst ins Kostüm schlüpft, nimmt sie kein Blatt vor
den Mund" und nennt sich Magdalena. Es erschüttert die Leute, wenn wir
erzählen, dass 80 Prozent der Huren hier freiwillig stehen." Wobei
freiwillig ein relativer Begriff ist: Natürlich ist auch der finanzielle
Zwang immer noch ein Zwang."
Mit Hans-Albers-Romantik
hat die Reeperbahn heutzutage herzlich wenig zu tun. Einsame Matrosen,
verlorene Herzen an leichte Mädchen oder Kaschemmen mit Musik aus der
Quetschkommode und dem Teergeruch von Schiffsplanken sucht man vergebens.
Doch in den Touristenbussen, die in zwei Minuten über die Reeperbahn
rauschen, wird das Klischee hochgehalten, beobachtet Deterding. Jeder
Hamburg-Besucher hetzt vom Hafen hoch nach St. Pauli, um am Stammtisch sagen
zu können: Ich war da."
Seit 33 Jahren
lebt die gebürtige Holländerin in Hamburg. Anfang der achtziger Jahre war
Deterding Geschäftsführerin der Interessengemeinschaft St. Pauli, in der
sich Gewerbe und Gastronomie auf dem Kiez organisieren. Damals gab es noch
Zuhälterkriege und Kneipen, die Bier für eine Mark anboten, aber für den
arglos mitbestellten Schnaps 95 Mark verlangten." Schillernd ist St.
Pauli noch immer,
mit der pulsierenden, ins Neonlicht getauchten Reeperbahn als Zentrum,
rundherum Straßen wie die berühme Große Freiheit, enge Gassen und Plätze mit
Clubs, Kneipen und Bordellen.
Solange Sie
zwischen mir und Frau Deterding bleiben, sind Sie unantastbar, und Ihre
Frauen können Sie auch wieder mit nach Hause nehmen", sagt Aspasia an die
Männer in der Gruppe gewandt. Die graue Hama-Fototasche hat ein gebräunter
Senior umsonst zum Kiez geschleppt. Gegen Bilder wehren sich die
Prostituierten mit Händen und Füßen. Manche sagen ihrem Mann, sie arbeiten
im Fitnessstudio", flüstert Deterding. Für viele ist der Job fast so normal
wie das Kassieren im Supermarkt. Vom Aufhören träumen trotzdem alle.
Alles begann vor
5000 Jahren bei den Babyloniern, als jede Frau sich mindestens einmal im
Leben im Tempelviertel für die Göttin Melitta prostituieren musste", erzählt
Aspasia alias Christine Neumann. Die Frauen hatten jede von den Pilgern
angebotene Summe zu akzeptieren." Ein bärtiger Mann und seine blonde Frau
ziehen die Stirn kraus. Verstohlen und Kaugummi kauend blicken ihre knapp
volljährigen Söhne auf die andere Seite der Davidstraße. Dort haben die
Huren Stellung bezogen. Punkt 20.00 Uhr vor dem Burger King. Doch die
meisten Männer gehen vormittags oder nachmittags in den Puff, erklärt die
Führerin. Das stimmt", pflichtet ihr eine ältere Frau in kariertem Blazer
und schwarzer Steppjacke aufgeregt bei. Da fällt es am wenigsten auf."
Von der
Davidstraße biegt die Gruppe in die enge Friedrichstraße ein. Die Huren sind
zum Greifen nah. Viele blond, mit Pferdeschwanz und in knallengen Jeans. Aus
der Lustgrotte" tönt seichter Reggae. Den Eingang zum Kellerlokal schmücken
Lichterketten und Bambusmatten. Gegenüber drängen sich alle um Aspasia in
den Eingang des geschlossenen Buddy's". Durch die verdunkelten Scheiben
dringt kein Blick. Ein schwarze Limousine schiebt sich langsam durch die
Straße. In den Gesichtern steht eine Frage geschrieben, die viele Gäste
bereits vor der Tour stellen: Ist ein Spaziergang über St. Pauli nicht
gefährlich? Höchstens Betrunkene machen hier Ärger", sagt Deterding.
Kommen Sie doch
einmal auf die Verdienstmöglichkeiten", fordert eine Frau mittleren Alters
barsch. Aspasia rechnet vor: 75 Euro für 20 Minuten Französisch" - gemeint
ist Oralverkehr. Das Gros des Geldes kassieren Zimmerbesitzer, Zuhälter und
Wirtschafter. Dem Mädchen bleiben 25 Euro oder weniger.
Heute ist auf der
Friedrichstraße tote Hose, sagt Gerritje Deterding. Ihr habt ja mehr Männer,
als wir die ganze Nacht", hat sich eine Prosti" gerade bei ihr beschwert. So
nennen sich die Mädchen auf St. Pauli selbst." Rund 400 schaffen in Hamburg
an, in ganz Deutschland sind es Schätzungen zufolge 400.000.
Mit Einbruch der
Dunkelheit zieht der Treck in die Gerhardstraße. Unter den amüsierten
Blicken der Huren lassen Aspasias Schützlinge die roten Holzwände, den
Eingang zur berühmten Bordellzeile Herbertstraße, links liegen. Blaues Licht
fällt aus dem Käpt'n Brass" auf das Kopfsteinpflaster. Es riecht nach
Bierschwemme und kaltem Rauch. Aspasia macht in einer Tiefgarageneinfahrt
Halt. Jetzt geht's ans Eingemachte: Sexpraktiken. Wer kennt Italienisch"?"
Langes Schweigen. Die sind sehr lieb und voller Gefühl", mutmaßt die Dame in
der Steppjacke. Die richtige Antwort lautet aber: Stimulation des Penis
unter der Achsel".
Nicht mehr als die
Missionarsstellung durften sich Seemänner im 19. Jahrhundert für ihre Heuer
kaufen, berichtet Aspasia auf dem Hans-Albers-Platz. Denn die Kirche
diktierte, was beim Sex erlaubt war und was nicht. Beim Anbahnen half den
Huren ihre Tracht, die sie kürzer trugen als ehrbare" Frauen. Fußknöchel
galten damals als hocherotisch. In Polkawirtschaften" tanzten die Mädchen
die Matrosen bereits am späten Nachmittag in Stimmung, dann ging es hoch in
die Steige". Spätestens um Mitternacht mussten die Wirtschaften schließen.
Heute stehen sich die
Mädchen bis 6.00
Uhr die Füße platt. Denn richtig lebhaft wird es auf dem Kiez erst nach
Mitternacht.
Die Gruppe betritt
nach kurzem Gang auf der Reeperbahn den Sex- Shop Hustler". Im Keller gibt
es allerlei Folterwerkzeuge und Kino- Kabinen mit Sado-Maso-Filmen. Manchmal
steigen Paare aus den Kellern in das Ladengeschäft empor. Erst jüngst
schickte ein Herr seine Sklavin zwei Runden nackt durchs Geschäft - vor den
Augen einer ihrer Gruppen, erzählt Gerritje Deterding. Der Frau waren die
Hände gebunden, sie trug nur halterlose Strümpfe und Striemen auf dem Rücken.
Die hatten schon drei Rohrstöcke durch."
Auf der Tour sind
die Frauen immer sehr neugierig, sagt Deterding. Die Männer halten sich im
Hintergrund und geben nachher zu, eigentlich gar nichts gewusst zu haben,
einige haben auch eine falsche Vorstellung von der Tour und rechnen mit
einer Kaufberatung"."
Im ersten Stock
des Hustler" erwartet die Gäste der Dark-Store" - die Abteilung für Lust am
Schmerz: Das SM-Handbuch, Armfesseln, Latex-"Dienstkleidung" für
Krankenschwestern, eine Maske mit langer schraubenförmiger Nase - alles da.
Der Bayer mit der Wildlederjacke beäugt nietenbesetzte Strings und
Schlagbretter. Der Vater kratzt sich den Bart vor einer Corsage brustfrei"
aus schwarzem Leder zu 159,90 Euro. Seine Frau ist mit den Gedanken noch auf
der Straße: Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt. Die Mädchen sehen ja
aus wie bei uns. So jung und hübsch. Wenn eine meine Tochter wäre -
schrecklich."
Gerritje Deterding
ist nach draußen vor die Tür getreten, raucht auf dem fleckigen Bürgersteig
nachdenklich eine Zigarette. Viele haben den kuriosen Gedanken, dass
Prostitution etwas ganz Schlimmes ist, dabei ist es heute ein freier Beruf."
Seit dem neuen Prostitutionsgesetz von 2002 ist er nicht mehr sittenwidrig.
Die abgefüllten jungen Mädchen, die auf der Reeperbahn unterwegs sind, sind
oft aufgebrezelter als die Huren und enthemmt von diesen furchtbaren
Alcopops."
Freier Beruf hin
oder her: In Hamburg sind rund 20 Prozent aller Huren Zwangsprostituierte,
erklärt Aspasia, als die Gruppe den Sexshop wieder verlassen hat. Oft locken
Menschenhändler Frauen aus dem Ausland mit falschen Versprechungen nach
Deutschland und zwingen sie zum Anschaffen. Die Pässe halten sie unter
Verschluss. Drohungen gegen Angehörige im Heimatland sind nur ein Mittel von
vielen, um den Widerstand der Opfer zu brechen. Laut Interpol erwirtschaftet
eine Prostituierte im Jahr durchschnittlich 110.000 Euro. Schon allein
deshalb arbeiten die wenigsten Huren ohne Zuhälter. Sie büßen ihre Freiheit
meist ein, wenn sich herumspricht, dass sie gut verdienen. Mit Prügel
überzeugt" sie dann ein Zuhälter zur Zusammenarbeit".
Nachdenklich kehrt
die Gruppe in das Strandgut" an der Hein- Hoyer-Straße ein. Schnäpse werden
bestellt an der Bar im Souterrain, und Aspasia verwandelt sich nach zwei
Stunden Hurentour wieder in Christine Neumann. Sie und Gerittje Deterding
haben noch viele Fragen zu beantworten. Denn ihre Gäste beginnen langsam zu
verstehen, dass auch im Hamburger Rotlichtviertel ganz normale Menschen
leben und arbeiten. |