15 July, 2008

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Mit Aspasia auf Hurentour

Anna (l-r), Claudia, Nicole und Bianca stehen vor der 1900 errichteten Herbertstrasse, einer ,geschlossenen Wohnanlage' für Prostituierte auf der Hamburger Reeperbahn, Strassenhure Magdalena' steht in der Tracht von Prostituierten des 16. Jahrhunderts vor der Davidwache in Hamburg.

Von Dirk Averesch

Hamburg - Aspasia steht vor der Davidswache. Es ist kalt an diesem Winterabend, doch ihre Wangen leuchten rot. Ebenso die Haube mit weit abstehenden Flügeln, aus der langes Haar auf einen gelben Umhang aus derbem Stoff quillt. Das Kleid ist auf Brusthöhe wie ein Mieder geschnürt und Teil von Aspasias Hurentracht aus dem 16. Jahrhundert. Sie wird von einem unrasierten Mann mit Wildlederjacke und bayerischem Akzent angesprochen. Hallo, ist dies die Tour?" Der Mann ist kein Freier, er hat die Historische Hurentour" gebucht - eine Führung durch Vergangenheit und Gegenwart der Prostitution auf St. Pauli in Hamburg.

Und in Aspasias Tracht steckt auch keine Hure. Es ist die kostümierte Fremdenführerin Christine Neumann, die nach und nach 20 Leute um sich schart. Die Verkleidung schafft Distanz, für die Leute ist es leichter, einer Kunstfigur Fragen zu stellen", sagt die 32- Jährige. Die Zwangstracht der Huren hat ein befreundeter Travestiekünstler rekonstruiert. Wagten es Prostituierte damals, sich anders zu kleiden, drohten ihnen Prügel und Pranger, erzählt Neumann. Ein Leben lang hätten Frauen wie Aspasia keine andere Kleidung tragen dürfen - noch nicht einmal nach der Heirat.

Begleitet wird Aspasia von Gerritje Deterding. Die Frau mit kurzen hellblonden Haaren und Brille hält die Gruppe auf dem lebhaften Kiez zusammen. Die Leute haben eine falsche Vorstellung von der Reeperbahn", sagt sie entschieden. Die rote Meile", Der König von St. Pauli" - alles Unsinn". Deshalb hat die 53-Jährige im Sommer 2004 einen Rundgang durch das Viertel der Kneipen, Clubs und Bordelle ersonnen, der die Prostitution und ihre Geschichte ins rechte Licht rücken soll - für 25 Euro pro Person.

Niemand würde sich trauen, eine Hure anzusprechen und zu fragen, was sie genau macht." Wenn Deterding dann und wann selbst ins Kostüm schlüpft, nimmt sie kein Blatt vor den Mund" und nennt sich Magdalena. Es erschüttert die Leute, wenn wir erzählen, dass 80 Prozent der Huren hier freiwillig stehen." Wobei freiwillig ein relativer Begriff ist: Natürlich ist auch der finanzielle Zwang immer noch ein Zwang."

Mit Hans-Albers-Romantik hat die Reeperbahn heutzutage herzlich wenig zu tun. Einsame Matrosen, verlorene Herzen an leichte Mädchen oder Kaschemmen mit Musik aus der Quetschkommode und dem Teergeruch von Schiffsplanken sucht man vergebens. Doch in den Touristenbussen, die in zwei Minuten über die Reeperbahn rauschen, wird das Klischee hochgehalten, beobachtet Deterding. Jeder Hamburg-Besucher hetzt vom Hafen hoch nach St. Pauli, um am Stammtisch sagen zu können: Ich war da."

Seit 33 Jahren lebt die gebürtige Holländerin in Hamburg. Anfang der achtziger Jahre war Deterding Geschäftsführerin der Interessengemeinschaft St. Pauli, in der sich Gewerbe und Gastronomie auf dem Kiez organisieren. Damals gab es noch Zuhälterkriege und Kneipen, die Bier für eine Mark anboten, aber für den arglos mitbestellten Schnaps 95 Mark verlangten." Schillernd ist St.

Pauli noch immer, mit der pulsierenden, ins Neonlicht getauchten Reeperbahn als Zentrum, rundherum Straßen wie die berühme Große Freiheit, enge Gassen und Plätze mit Clubs, Kneipen und Bordellen.

Solange Sie zwischen mir und Frau Deterding bleiben, sind Sie unantastbar, und Ihre Frauen können Sie auch wieder mit nach Hause nehmen", sagt Aspasia an die Männer in der Gruppe gewandt. Die graue Hama-Fototasche hat ein gebräunter Senior umsonst zum Kiez geschleppt. Gegen Bilder wehren sich die Prostituierten mit Händen und Füßen. Manche sagen ihrem Mann, sie arbeiten im Fitnessstudio", flüstert Deterding. Für viele ist der Job fast so normal wie das Kassieren im Supermarkt. Vom Aufhören träumen trotzdem alle.

Alles begann vor 5000 Jahren bei den Babyloniern, als jede Frau sich mindestens einmal im Leben im Tempelviertel für die Göttin Melitta prostituieren musste", erzählt Aspasia alias Christine Neumann. Die Frauen hatten jede von den Pilgern angebotene Summe zu akzeptieren." Ein bärtiger Mann und seine blonde Frau ziehen die Stirn kraus. Verstohlen und Kaugummi kauend blicken ihre knapp volljährigen Söhne auf die andere Seite der Davidstraße. Dort haben die Huren Stellung bezogen. Punkt 20.00 Uhr vor dem Burger King. Doch die meisten Männer gehen vormittags oder nachmittags in den Puff, erklärt die Führerin. Das stimmt", pflichtet ihr eine ältere Frau in kariertem Blazer und schwarzer Steppjacke aufgeregt bei. Da fällt es am wenigsten auf."

Von der Davidstraße biegt die Gruppe in die enge Friedrichstraße ein. Die Huren sind zum Greifen nah. Viele blond, mit Pferdeschwanz und in knallengen Jeans. Aus der Lustgrotte" tönt seichter Reggae. Den Eingang zum Kellerlokal schmücken Lichterketten und Bambusmatten. Gegenüber drängen sich alle um Aspasia in den Eingang des geschlossenen Buddy's". Durch die verdunkelten Scheiben dringt kein Blick. Ein schwarze Limousine schiebt sich langsam durch die Straße. In den Gesichtern steht eine Frage geschrieben, die viele Gäste bereits vor der Tour stellen: Ist ein Spaziergang über St. Pauli nicht gefährlich? Höchstens Betrunkene machen hier Ärger", sagt Deterding.

Kommen Sie doch einmal auf die Verdienstmöglichkeiten", fordert eine Frau mittleren Alters barsch. Aspasia rechnet vor: 75 Euro für 20 Minuten Französisch" - gemeint ist Oralverkehr. Das Gros des Geldes kassieren Zimmerbesitzer, Zuhälter und Wirtschafter. Dem Mädchen bleiben 25 Euro oder weniger.

Heute ist auf der Friedrichstraße tote Hose, sagt Gerritje Deterding. Ihr habt ja mehr Männer, als wir die ganze Nacht", hat sich eine Prosti" gerade bei ihr beschwert. So nennen sich die Mädchen auf St. Pauli selbst." Rund 400 schaffen in Hamburg an, in ganz Deutschland sind es Schätzungen zufolge 400.000.

Mit Einbruch der Dunkelheit zieht der Treck in die Gerhardstraße. Unter den amüsierten Blicken der Huren lassen Aspasias Schützlinge die roten Holzwände, den Eingang zur berühmten Bordellzeile Herbertstraße, links liegen. Blaues Licht fällt aus dem Käpt'n Brass" auf das Kopfsteinpflaster. Es riecht nach Bierschwemme und kaltem Rauch. Aspasia macht in einer Tiefgarageneinfahrt Halt. Jetzt geht's ans Eingemachte: Sexpraktiken. Wer kennt Italienisch"?" Langes Schweigen. Die sind sehr lieb und voller Gefühl", mutmaßt die Dame in der Steppjacke. Die richtige Antwort lautet aber: Stimulation des Penis unter der Achsel".

Nicht mehr als die Missionarsstellung durften sich Seemänner im 19. Jahrhundert für ihre Heuer kaufen, berichtet Aspasia auf dem Hans-Albers-Platz. Denn die Kirche diktierte, was beim Sex erlaubt war und was nicht. Beim Anbahnen half den Huren ihre Tracht, die sie kürzer trugen als ehrbare" Frauen. Fußknöchel galten damals als hocherotisch. In Polkawirtschaften" tanzten die Mädchen die Matrosen bereits am späten Nachmittag in Stimmung, dann ging es hoch in die Steige". Spätestens um Mitternacht mussten die Wirtschaften schließen. Heute stehen sich die

Mädchen bis 6.00 Uhr die Füße platt. Denn richtig lebhaft wird es auf dem Kiez erst nach Mitternacht.

Die Gruppe betritt nach kurzem Gang auf der Reeperbahn den Sex- Shop Hustler". Im Keller gibt es allerlei Folterwerkzeuge und Kino- Kabinen mit Sado-Maso-Filmen. Manchmal steigen Paare aus den Kellern in das Ladengeschäft empor. Erst jüngst schickte ein Herr seine Sklavin zwei Runden nackt durchs Geschäft - vor den Augen einer ihrer Gruppen, erzählt Gerritje Deterding. Der Frau waren die Hände gebunden, sie trug nur halterlose Strümpfe und Striemen auf dem Rücken. Die hatten schon drei Rohrstöcke durch."

Auf der Tour sind die Frauen immer sehr neugierig, sagt Deterding. Die Männer halten sich im Hintergrund und geben nachher zu, eigentlich gar nichts gewusst zu haben, einige haben auch eine falsche Vorstellung von der Tour und rechnen mit einer Kaufberatung"."

Im ersten Stock des Hustler" erwartet die Gäste der Dark-Store" - die Abteilung für Lust am Schmerz: Das SM-Handbuch, Armfesseln, Latex-"Dienstkleidung" für Krankenschwestern, eine Maske mit langer schraubenförmiger Nase - alles da. Der Bayer mit der Wildlederjacke beäugt nietenbesetzte Strings und Schlagbretter. Der Vater kratzt sich den Bart vor einer Corsage brustfrei" aus schwarzem Leder zu 159,90 Euro. Seine Frau ist mit den Gedanken noch auf der Straße: Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt. Die Mädchen sehen ja aus wie bei uns. So jung und hübsch. Wenn eine meine Tochter wäre - schrecklich."

Gerritje Deterding ist nach draußen vor die Tür getreten, raucht auf dem fleckigen Bürgersteig nachdenklich eine Zigarette. Viele haben den kuriosen Gedanken, dass Prostitution etwas ganz Schlimmes ist, dabei ist es heute ein freier Beruf." Seit dem neuen Prostitutionsgesetz von 2002 ist er nicht mehr sittenwidrig. Die abgefüllten jungen Mädchen, die auf der Reeperbahn unterwegs sind, sind oft aufgebrezelter als die Huren und enthemmt von diesen furchtbaren Alcopops."

Freier Beruf hin oder her: In Hamburg sind rund 20 Prozent aller Huren Zwangsprostituierte, erklärt Aspasia, als die Gruppe den Sexshop wieder verlassen hat. Oft locken Menschenhändler Frauen aus dem Ausland mit falschen Versprechungen nach Deutschland und zwingen sie zum Anschaffen. Die Pässe halten sie unter Verschluss. Drohungen gegen Angehörige im Heimatland sind nur ein Mittel von vielen, um den Widerstand der Opfer zu brechen. Laut Interpol erwirtschaftet eine Prostituierte im Jahr durchschnittlich 110.000 Euro. Schon allein deshalb arbeiten die wenigsten Huren ohne Zuhälter. Sie büßen ihre Freiheit meist ein, wenn sich herumspricht, dass sie gut verdienen. Mit Prügel überzeugt" sie dann ein Zuhälter zur Zusammenarbeit".

Nachdenklich kehrt die Gruppe in das Strandgut" an der Hein- Hoyer-Straße ein. Schnäpse werden bestellt an der Bar im Souterrain, und Aspasia verwandelt sich nach zwei Stunden Hurentour wieder in Christine Neumann. Sie und Gerittje Deterding haben noch viele Fragen zu beantworten. Denn ihre Gäste beginnen langsam zu verstehen, dass auch im Hamburger Rotlichtviertel ganz normale Menschen leben und arbeiten.

 

 

Last modified on:01/14/2008

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