30 June, 2008

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Wunder Geburt:  Besuch in einer Hebammenschule

Hebamme: Ein absolut faszinierender Beruf und jeden Tag aufs Neue spannend Foto: dpa

Von Jenny Tobien, dpa

Mainz (dpa) - Vor dem Kreißsaal herrscht Hektik. Eine junge, braunhaarige Frau läuft über den Flur. Sie hält ein Päckchen in der Hand. Wir hatten gerade eine Geburt", erklärt sie mit erhitztem Gesicht. Die Frau hat viel Blut verloren, und ich muss schnell die Blutkonserven in den Kühlschrank bringen, damit die Kühlkette nicht unterbrochen wird." Und schon ist sie verschwunden.

Später taucht Jessica wieder auf. Die Hebammenschülerin hat Spätschicht auf der Entbindungsstation der Mainzer Uniklinik. Es ist alles gut gegangen, Mutter und Tochter sind wohlauf", sagt sie - sichtlich erschöpft. Jetzt macht sich auch ihr Trierscher Akzent bemerkbar. Für die Ausbildung ist die 23-Jährige extra aus der ältesten Stadt Deutschlands nach Mainz gezogen. Bereut hat sie es nicht. Ich teile mit den Frauen so viele glückliche und einzigartige Momente."

Auf der benachbarten Neugeborenenstation steht Klassenkameradin Katharina an einem Wickeltisch. Vor ihr liegt ein weinendes Baby. Marko heißt der kleine Schreihals. Liebevoll beruhigt die junge Frau den zwei Tage alten Jungen. Dann untersucht sie seinen Nabel und legt ihm eine frische Windel an. Katharina und Jessica sind im Oberkurs der Hebammenschule in Mainz, eine von 58 Ausbildungsstätten in Deutschland. Im September wollen sie ihr Examen machen.

Unser Beruf ist absolut faszinierend und jeden Tag aufs Neue spannend", sagt Katharina. Bei manchen Entbindungen habe ich immer noch Tränen in den Augen." Dennoch hätten viele Menschen eine zu romantische und saubere" Vorstellung von ihrer Arbeit, sagt die 22-Jährige. Eine Geburt ist ein enormer Kraftakt, bei dem man richtig zupacken muss." Wer Angst vor Intimität habe oder sich vor Blut und anderen Körperflüssigkeiten ekle, sei völlig fehl am Platz.

Neben der eigentlichen Hilfe bei der Geburt unterstützen und begleiten Hebammen die Frauen und deren Familien schon lange vor der Entbindung. Wir gehören zu den engsten Vertrauten der Schwangeren, und das in vielen Lebensfragen", erklärt Katharina. Auch nach dem Klinikaufenthalt besuchen die Hebammen auf Wunsch Mütter zu Hause und stehen ihnen mit medizinischem Rat oder praktischen Tipps zur Babypflege zur Seite.

Das alles lernen Katharina, Jessica und die anderen angehenden Geburtshelferinnen in der Hebammenschule. Das Gebäude mit dem lilafarbenen Anstrich ist nur wenige Gehminuten von der Frauenklinik entfernt. Seit 16 Jahren leitet Monika Wolf die Einrichtung. In ihrem Büro stapeln sich Wäschekörbe und Pappkartons: Mehr als 1200 Bewerbungen sind für die 15 Plätze im kommenden Ausbildungsjahr eingegangen. Wir hatten auch einen männlichen Bewerber dabei", sagt die Ausbilderin. Allerdings habe sich dieser nicht für das Vorstellungsgespräch qualifiziert.

Generell ist die Anzahl der Männer in diesem Berufsfeld verschwindend gering. Gerade mal zwei Entbindungspfleger - so die offizielle Bezeichnung - sind laut Bund Deutscher Hebammen (BDH) neben ihren 15.000 Kolleginnen bundesweit im Einsatz: einer in Frankfurt am Main und einer in Dresden. Das liegt wohl daran, dass die Schwangeren in einer so intimen Situation doch lieber von einer Frau betreut werden", vermutet Wolf.

Die Leiterin setzt bei der Auswahl ihrer Schüler vor allem auf eins: Sie müssen Herzblut haben - andere würden das Berufung nennen", sagt die 48-Jährige, und ihr ernstes Gesicht beginnt zu leuchten. Was zählt, seien Ruhe, Einfühlungsvermögen und Verantwor-tungsbewusstsein, und natürlich ein langer Atem, damit man nicht gleich bei der ersten Schwierigkeit umkippt".

Nach der dreijährigen Ausbildung haben nur wenige Absolventinnen Aussicht auf eine feste Anstellung. Für die schlechte Situation auf dem Arbeitsmarkt sind verschiedene Faktoren verantwortlich. Die Sparmaßnahmen in Krankenhäusern führen dazu, dass kleinere Abteilungen schließen und immer mehr Hebammenstellen abgebaut werden. Hinzu kommt ein demographisches Problem: Den Geburtenrückgang bekommen wir natürlich zu spüren", sagt die resolute Schulleiterin.

Aber auch die Modernisierung der Medizin verändert die Berufslage. Zum einen verringert sich die Aufenthaltsdauer der Mütter im Krankenhaus. Zum anderen entscheiden sich immer mehr Frauen gegen eine natürliche Geburt. Nach Angaben des BDH kommen etwa 26 Prozent der Babys in Deutschland inzwischen per Kaiserschnitt zur Welt, Tendenz steigend.

Gründe gibt es viele: Die Ängste der Frauen vor einer natürlichen Geburt nehmen zu, und Wunschkaiserschnitte sind sowohl für die werdenden Mütter als auch für die Kliniken planbar. Kein Wunder, dass viele der geplanten Kaiserschnittkinder Montag bis Freitag zwischen 9 und 17 Uhr zur Welt kommen", sagt Wolf. Zudem verdienen die Krankenhäuser an operativen Geburten dem BDH zufolge etwa doppelt so viel Geld wie an natürlichen.

Bei den Wunschkaiserschnitten im OP ist die Rolle der Hebamme sehr eingeschränkt." Die Schulleiterin seufzt. Darunter leidet natürlich unsere Berufszufriedenheit." Die schwierige Lage in der Geburtshilfe schlägt sich natürlich in der Ausbildung nieder: In der Hebammenschule im bayerischen Aschaffenburg werden in diesem Jahr erstmals keine neuen Schüler aufgenommen.

Am liebsten hätte Katharina nach ihrem Examen natürlich eine feste Stelle in einer Klinik. Sie wird sich auf jeden Fall bewerben. Auch wenn die Chancen nicht so gut aussehen." Für die Selbstständigkeit sei es noch zu früh. Nun stehen erstmal die Prüfungen an. Das ist eine nervenaufreibende Zeit", stöhnt sie. Wegen des Schichtdienstes sei sie chronisch müde, dabei müsse sie jetzt jede Menge lernen.

Von ihren ursprünglich 14 Klassenkameradinnen, mit denen sie 2003 die Ausbildung begonnen hatte, sind nur noch zehn übrig geblieben. Eine ist beurlaubt, eine andere hat abgebrochen, gleich drei sind selbst schwanger geworden. Der Beruf scheint einen Einfluss auf die Hormone zu haben", sagt Katharina und grinst. Dass Hebammen auf Grund ihres Expertenwissens mit der eigenen Schwangerschaft entspannter umgehen, glaubt sie nicht. Im Gegenteil, wahrscheinlich

machen wir uns nur noch verrückter. Und außerdem erleben wir ja nicht nur schöne Sachen."

Auf die tragischen und traurigen Momente, die zum Alltag auf der Station dazugehören, werden die Schülerinnen eingehend vorbereitet. Bei einem Ethik-Seminar und in Gesprächen mit erfahrenen Kolleginnen, Geistlichen und Psychologen lernen die jungen Mädchen mit brisanten Themen wie Tot- und Fehlgeburten oder der Geburt eines behinderten Kindes zurechtzukommen. Es ist verdammt schwer, dann die richtigen Worte zu finden", sagt Katharina und erzählt von einer Frau, die zum wiederholten Mal eine Totgeburt hatte. Da hab' ich gar nicht viel gesagt, sondern mit ihr zusammen geweint." Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes liegt die Zahl der Totgeburten, also aller verstorbenen Föten über 500 Gramm, bei unter 0,6 Prozent.

In der Frauenklinik ist unterdessen Ruhe eingekehrt. Ein klopfendes Geräusch tönt durch den Kreißsaal. Was sich anhört wie Pferdegetrappel, ist der durch einen Lautsprecher verstärkte Herzschlag eines ungeborenen Babys. Das ist die schönste Musik, die es gibt", sagt Jessica. Die Hebammenschülerin hält ihr Untersuchungsgerät auf den ausladenden Bauch ihrer hochschwangeren Patientin. Der Puls scheint zu rasen, ist aber normal. Immerhin ist der Schlag beim Fötus mit 140 fast doppelt so hoch wie bei einem Erwachsenen.

Bei der Patientin, die in wenigen Wochen einen Sohn erwartet, muss noch eine Vorsorgeuntersuchung gemacht werden. Bauchumfang messen, Lage und Größe des Kindes ertasten, Herztöne kontrollieren. Hören Sie den Zwischenschlag?", fragt Jessica mit aufgeregter Stimme. Der Kleine hat Schluckauf", erklärt sie der gerührten Mutter.Während ihrer Ausbildungszeit hat die junge Triererin schon über 30 Babys auf die Welt geholt. Mit der Zeit habe sie zunehmend an Erfahrung gewonnen. Routine kehre aber nicht ein. Jede Geburt ist ein Wunder für sich."

 

 

Last modified on:01/14/2008

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