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Von Jenny Tobien, dpa
Mainz (dpa) - Vor dem Kreißsaal
herrscht Hektik. Eine junge, braunhaarige Frau läuft über den Flur. Sie hält
ein Päckchen in der Hand. Wir hatten gerade eine Geburt", erklärt sie mit
erhitztem Gesicht. Die Frau hat viel Blut verloren, und ich muss schnell die
Blutkonserven in den Kühlschrank bringen, damit die Kühlkette nicht
unterbrochen wird." Und schon ist sie verschwunden.
Später taucht Jessica wieder auf. Die Hebammenschülerin hat Spätschicht auf
der Entbindungsstation der Mainzer Uniklinik. Es ist alles gut gegangen,
Mutter und Tochter sind wohlauf", sagt sie - sichtlich erschöpft. Jetzt
macht sich auch ihr Trierscher Akzent bemerkbar. Für die Ausbildung ist die
23-Jährige extra aus der ältesten Stadt Deutschlands nach Mainz gezogen.
Bereut hat sie es nicht. Ich teile mit den Frauen so viele glückliche und
einzigartige Momente."
Auf der benachbarten Neugeborenenstation steht Klassenkameradin Katharina an
einem Wickeltisch. Vor ihr liegt ein weinendes Baby. Marko heißt der kleine
Schreihals. Liebevoll beruhigt die junge Frau den zwei Tage alten Jungen.
Dann untersucht sie seinen Nabel und legt ihm eine frische Windel an.
Katharina und Jessica sind im Oberkurs der Hebammenschule in Mainz, eine von
58 Ausbildungsstätten in Deutschland. Im September wollen sie ihr Examen
machen.
Unser Beruf ist absolut faszinierend und jeden Tag aufs Neue spannend", sagt
Katharina. Bei manchen Entbindungen habe ich immer noch Tränen in den Augen."
Dennoch hätten viele Menschen eine zu romantische und saubere" Vorstellung
von ihrer Arbeit, sagt die 22-Jährige. Eine Geburt ist ein enormer Kraftakt,
bei dem man richtig zupacken muss." Wer Angst vor Intimität habe oder sich
vor Blut und anderen Körperflüssigkeiten ekle, sei völlig fehl am Platz.
Neben der eigentlichen Hilfe bei der Geburt unterstützen und begleiten
Hebammen die Frauen und deren Familien schon lange vor der Entbindung. Wir
gehören zu den engsten Vertrauten der Schwangeren, und das in vielen
Lebensfragen", erklärt Katharina. Auch nach dem Klinikaufenthalt besuchen
die Hebammen auf Wunsch Mütter zu Hause und stehen ihnen mit medizinischem
Rat oder praktischen Tipps zur Babypflege zur Seite.
Das alles lernen Katharina, Jessica und die anderen angehenden
Geburtshelferinnen in der Hebammenschule. Das Gebäude mit dem lilafarbenen
Anstrich ist nur wenige Gehminuten von der Frauenklinik entfernt. Seit 16
Jahren leitet Monika Wolf die Einrichtung. In ihrem Büro stapeln sich
Wäschekörbe und Pappkartons: Mehr als 1200 Bewerbungen sind für die 15
Plätze im kommenden Ausbildungsjahr eingegangen. Wir hatten auch einen
männlichen Bewerber dabei", sagt die Ausbilderin. Allerdings habe sich
dieser nicht für das Vorstellungsgespräch qualifiziert.
Generell ist die Anzahl der Männer in diesem Berufsfeld verschwindend gering.
Gerade mal zwei Entbindungspfleger - so die offizielle Bezeichnung - sind
laut Bund Deutscher Hebammen (BDH) neben ihren 15.000 Kolleginnen bundesweit
im Einsatz: einer in Frankfurt am Main und einer in Dresden. Das liegt wohl
daran, dass die Schwangeren in einer so intimen Situation doch lieber von
einer Frau betreut werden", vermutet Wolf.
Die Leiterin setzt bei der Auswahl ihrer Schüler vor allem auf eins: Sie
müssen Herzblut haben - andere würden das Berufung nennen", sagt die
48-Jährige, und ihr ernstes Gesicht beginnt zu leuchten. Was zählt, seien
Ruhe, Einfühlungsvermögen und Verantwor-tungsbewusstsein, und natürlich ein
langer Atem, damit man nicht gleich bei der ersten Schwierigkeit umkippt".
Nach der dreijährigen Ausbildung haben nur wenige Absolventinnen Aussicht
auf eine feste Anstellung. Für die schlechte Situation auf dem Arbeitsmarkt
sind verschiedene Faktoren verantwortlich. Die Sparmaßnahmen in
Krankenhäusern führen dazu, dass kleinere Abteilungen schließen und immer
mehr Hebammenstellen abgebaut werden. Hinzu kommt ein demographisches
Problem: Den Geburtenrückgang bekommen wir natürlich zu spüren", sagt die
resolute Schulleiterin.
Aber auch die Modernisierung der Medizin verändert die Berufslage. Zum einen
verringert sich die Aufenthaltsdauer der Mütter im Krankenhaus. Zum anderen
entscheiden sich immer mehr Frauen gegen eine natürliche Geburt. Nach
Angaben des BDH kommen etwa 26 Prozent der Babys in Deutschland inzwischen
per Kaiserschnitt zur Welt, Tendenz steigend.
Gründe gibt es viele: Die Ängste der Frauen vor einer natürlichen Geburt
nehmen zu, und Wunschkaiserschnitte sind sowohl für die werdenden Mütter als
auch für die Kliniken planbar. Kein Wunder, dass viele der geplanten
Kaiserschnittkinder Montag bis Freitag zwischen 9 und 17 Uhr zur Welt kommen",
sagt Wolf. Zudem verdienen die Krankenhäuser an operativen Geburten dem BDH
zufolge etwa doppelt so viel Geld wie an natürlichen.
Bei den Wunschkaiserschnitten im OP ist die Rolle der Hebamme sehr
eingeschränkt." Die Schulleiterin seufzt. Darunter leidet natürlich unsere
Berufszufriedenheit." Die schwierige Lage in der Geburtshilfe schlägt sich
natürlich in der Ausbildung nieder: In der Hebammenschule im bayerischen
Aschaffenburg werden in diesem Jahr erstmals keine neuen Schüler aufgenommen.
Am
liebsten hätte Katharina nach ihrem Examen natürlich eine feste Stelle in
einer Klinik. Sie wird sich auf jeden Fall bewerben. Auch wenn die Chancen
nicht so gut aussehen." Für die Selbstständigkeit sei es noch zu früh. Nun
stehen erstmal die Prüfungen an. Das ist eine nervenaufreibende Zeit",
stöhnt sie. Wegen des Schichtdienstes sei sie chronisch müde, dabei müsse
sie jetzt jede Menge lernen.
Von ihren ursprünglich 14 Klassenkameradinnen, mit denen sie 2003 die
Ausbildung begonnen hatte, sind nur noch zehn übrig geblieben. Eine ist
beurlaubt, eine andere hat abgebrochen, gleich drei sind selbst schwanger
geworden. Der Beruf scheint einen Einfluss auf die Hormone zu haben", sagt
Katharina und grinst. Dass Hebammen auf Grund ihres Expertenwissens mit der
eigenen Schwangerschaft entspannter umgehen, glaubt sie nicht. Im Gegenteil,
wahrscheinlich
machen wir uns nur noch verrückter. Und außerdem erleben wir ja nicht nur
schöne Sachen."
Auf die tragischen und traurigen Momente, die zum Alltag auf der Station
dazugehören, werden die Schülerinnen eingehend vorbereitet. Bei einem Ethik-Seminar
und in Gesprächen mit erfahrenen Kolleginnen, Geistlichen und Psychologen
lernen die jungen Mädchen mit brisanten Themen wie Tot- und Fehlgeburten
oder der Geburt eines behinderten Kindes zurechtzukommen. Es ist verdammt
schwer, dann die richtigen Worte zu finden", sagt Katharina und erzählt von
einer Frau, die zum wiederholten Mal eine Totgeburt hatte. Da hab' ich gar
nicht viel gesagt, sondern mit ihr zusammen geweint." Nach Angaben des
Statistischen Bundesamtes liegt die Zahl der Totgeburten, also aller
verstorbenen Föten über 500 Gramm, bei unter 0,6 Prozent.
In
der Frauenklinik ist unterdessen Ruhe eingekehrt. Ein klopfendes Geräusch
tönt durch den Kreißsaal. Was sich anhört wie Pferdegetrappel, ist der durch
einen Lautsprecher verstärkte Herzschlag eines ungeborenen Babys. Das ist
die schönste Musik, die es gibt", sagt Jessica. Die Hebammenschülerin hält
ihr Untersuchungsgerät auf den ausladenden Bauch ihrer hochschwangeren
Patientin. Der Puls scheint zu rasen, ist aber normal. Immerhin ist der
Schlag beim Fötus mit 140 fast doppelt so hoch wie bei einem Erwachsenen.
Bei der Patientin, die in wenigen Wochen einen Sohn erwartet, muss noch eine
Vorsorgeuntersuchung gemacht werden. Bauchumfang messen, Lage und Größe des
Kindes ertasten, Herztöne kontrollieren. Hören Sie den Zwischenschlag?",
fragt Jessica mit aufgeregter Stimme. Der Kleine hat Schluckauf", erklärt
sie der gerührten Mutter.Während ihrer Ausbildungszeit hat die junge
Triererin schon über 30 Babys auf die Welt geholt. Mit der Zeit habe sie
zunehmend an Erfahrung gewonnen. Routine kehre aber nicht ein. Jede Geburt
ist ein Wunder für sich." |