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Berlin
(dpa) - Über 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten
Weltkriegs legen die Deutschen einen Komplex ab und bekennen sich zu ihren
nationalen Farben." Dies ist das Fazit, das die internationale Presse
einhellig aus der Patriotismus-Welle bei der Fußballweltmeisterschaft in
Deutschland zieht. Ob in Frankreich, den USA oder Mexiko - überall sieht man
in den vielen schwarz-rot-goldenen Fähnchen beim WM-Veranstalter ein
positives Zeichen.
Die Fans des Teams
von Jürgen Klinsmann müssen sich nicht mehr mit den Erinnerungen ihrer
Eltern herumplagen, die mit einem kollektiven Schuldgefühl wegen der
Verbrechen des Hitler-Regimes aufgewachsen waren", schreibt die Pariser
Zeitung Le Monde". Vor nicht so langer Zeit hatte das Schwenken der
Nationalflagge noch als deplatziert gegolten." Das Konkurrenzblatt
Libération" bescheinigt den Deutschen: Sie haben allen Grund, auf ihre
Erfindungen stolz zu sein - wie die Lederhose, den Porsche, das Aspirin oder
die Wurst ohne Pelle."
Die WM half den
Deutschen nach Ansicht der US-Zeitung The Miami Herald" dabei, ein lange
Zeit unterdrücktes Gefühl vonNationalstolz zu entdecken. Die mexikanische
Zeitung El Universal" berichtet: Deutschland hüllt sich mit einer
Begeisterung in Schwarz-Rot-Gold, wie man es seit Kriegsende noch nicht
erlebt hat. Die kollektive Buße währte 61 Jahre.Der Zauber des Fußballs
setzte ihr ein Ende." Das portugiesische Blatt Diário de Notícias" ergänzt:
Die WMwird zur besten Gruppentherapie für die Deutschen, die sich mit großen
Identitätskomplexen herumplagen, obwohl sie Exportweltmeister sind und ein
großzügiges Sozialsystem haben."
Spaniens größte
Zeitung El País" erinnert daran, dass der Patriotismus in Deutschland lange
Zeit als ein Monopol der Rechtsradikalen gegolten hatte: Die Rebellion von
1968 stellte der Generation der Eltern die Frage:Was habt Ihr im Krieg
gemacht? Dies verhinderte, dass so etwas wie eine Liebe zum Vaterland
aufkommen konnte." Es komme heute noch häufig vor, dass ein Ausländer einer
jungen Deutschen sage: Du sieht aber nicht deutsch aus", und die Frau dies
als ein Kompliment empfinde und sich bedanke.
Deutschland erlebt
einen ,Patriotismus light', sympathisch und gelassen", schreibt La
Vanguardia" in Barcelona. Selbst in Berlin-Kreuzberg, dem Viertel der
rebellischsten Systemgegner, ist es plötzlich cool, für Deutschland zu sein."
Der Londoner The Guardian" findet, dass die Deutschen trotz aller
Begeisterung noch eine Zurückhaltung wahren: Es herrscht in Deutschland
immer noch eine gewisse Sensibilität beim Zeigen von Patriotismus. Das ist
in Ordnung, wenn es um Fußball geht. Ein verrücktes Flaggenzeigen, wie es
derzeit in England die Regel ist, wäre hier undenkbar." |