|
Hamburg (dpa) - Hat die Gesundheit
für die Menschen heute unangemessen große Bedeutung? Der Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie Manfred Lütz hat jedenfalls den Eindruck,
dass die Leute heutzutage nicht mehr an den lieben Gott glauben, sondern an
die Gesundheit. Und alles, was man früher für den lieben Gott tat - Fasten,
Wallfahrten und vieles andere mehr -, tut man heute für die Gesundheit." Es
gebe Menschen, die lebten gar nicht mehr wirklich, sondern nur noch
vorbeugend - um dann gesund zu sterben, sagte der Autor des Buches
Lebenslust - Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult"
(Pattloch-Verlag 2002) in einem Interview der Zeitschrift Psychologie heute".
Doch auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot." Die Medien begleiteten mit
Gesundheitsseiten und TV-Magazinen den Rummel. Natürlich sei es sinnvoll,
sich um die Gesundheit zu kümmern, sagte er. Lütz macht jedoch einen
monströsen Kult der Gesundheitsreligion" aus, spricht gar von der
mächtigsten und teuersten Weltreligion aller Zeiten". Auch das
Blasphemietabu sei in die Gesundheitsreligion abgewandert: Über Jesus
Christus könne man in unserer Gesellschaft alberne Scherze machen, aber bei
der Gesundheit höre der Spaß auf. Dabei ist Lütz der Auffassung, dass sich
unwiederholbarer Lebenszeit beraubt, wer den Gesundheitskult praktiziert.
Der Psychiatrie-Professor Klaus Dörner, Autor des Buchs Die Gesundheitsfalle"
(Econ-Verlag 2003, inzwischen Ullstein- Taschenbuch mit dem Titel Das
Gesundheitsdilemma"), rät in einer Stellungnahme zum Thema zweierlei: Einmal
sollten wir darauf achten, dass uns immer mindestens ein Gut noch wichtiger
ist als Gesundheit. Denn dann kann Gesundheit aus einem Zweck für dieses Gut
wieder zum Mittel, zu einem Lebens-Mittel werden - mehr will sie nämlich
nicht sein. Wer also gesundheitsbewusst lebt, lebt schon nicht mehr gesund."
Zum anderen seien wir anstelle des Irrglaubens an die Herstellbarkeit von
Gesundheit gut beraten, lieber der Formel des Philosophen Hans-Georg Gadamer
zu folgen, wonach Gesundheit das selbstvergessene Weggegebensein an die
Vollzüge des eigenen Lebens ist. Es komme also darauf an, dass wir nicht
über-, aber auch nicht unterlastet, sondern optimal ausgelastet sind, sagt
Dörner.
Er
konstatiert eine permanente Entlastung von Lasten infolge des
Modernisierungsfortschritts, wodurch die meisten Menschen in eine nun wieder
krankmachende Unterlastung rutschten. Auf der körperlichen Ebene fördert die
muskuläre Unterlastung inzwischen die meisten Zivilisationskrankheiten,
wogegen wir - ziemlich vergeblich - eine künstliche
Wiederbelastungsindustrie erfunden haben." Dasselbe gelte auch auf der
psychosozialen Ebene. Auch hier brauche jeder Mensch sein optimales
Tagesquantum von Bedeutung für Andere", Lasten zu tragen.
Weil wir aber die meisten Gelegenheiten, anderen in Krankheit und Not zu
helfen, an die Gesundheits- und Sozialprofis abgetreten, uns davon entlastet
haben, rutschen immer mehr von uns in eine psychosoziale Unterlastung, was
zu der endlosen Steigerung psychischer Störungen führt." Zwar wären sicher
nicht alle, aber doch, wie der Hamburger Professor schätzt, etwa zwei
Drittel dieser neuen psychischen Störungen hinfällig, würden sich alle um
eine nicht zu große, aber auch nicht zu kleine Belastung an Bedeutung für
Andere" kümmern. |