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Als sie vor 40
Jahren in die Bundesrepublik kamen, waren sie jung und gesund. Jetzt kommen
die Männer und Frauen der ersten türkischen Gastarbeitergeneration in die
Jahre. In der vertrauten Fremde altern sie einsam - jenseits von Großfamilie
und Teestuben.
Berlin/Duisburg - Frau A. schlurft
über den Gang im Moabiter Krankenhaus. Sie sagt zu einem Pfleger: Ich möchte
endlich loswerden, was ich habe." Frau A. denke sich Geschichten aus,
glauben ihre Pfleger: Sie sagt, sie sei blind, dabei kann sie sehen. Sie
möchte Aufmerksamkeit."
Frau A. aber sagt: Ich weiß nicht, wie sie heißt meine Krankheit, Depression
vielleicht." Frau A. ist nicht alt, Anfang 60. Ihre schwarzen Locken trägt
sie kurz, um den Hals hängt ein dunkles Tuch. Mit einem Zipfel wischt sie
über ihre Wangen und trocknet ihre Tränen. Die Einsamkeit. Sie tötet mich.
Das ist mein Gefühl."
90
Prozent unserer Tagesgäste sind depressiv", sagt Yesiyurt Karakurt. Die
junge Frau leitet die Tagespflegestätte für türkische Rentner im Moabiter
Krankenhaus in Berlin, in die auch Frau A. jeden Tag kommt.
Überdurchschnittlich
oft Depressionen
Im
Jahr 2002 lebten nach Angaben des Zentrums für Türkeistudien 170.000
türkische Rentner in Deutschland. Die meisten von ihnen kamen vor 40 Jahren
in die Bundesrepublik, jung, kraftstrotzend, mit dem festen Willen, der
Familie in der türkischen Heimat genug Geld zu überweisen, um sich dort ein
besseres Leben aufbauen zu können. Doch viele blieben auf dem Weg zwischen
Berlin und Istanbul oder Dortmund und Anatolien im Niemandsland hängen.
Jetzt sind die Gastarbeiter" alt - oft krank und noch immer in Deutschland.
In
vielen Städten gibt es inzwischen Einrichtungen, die sich mit besonders
geschultem und türkischsprachigem Personal speziell um alte und kranke
Migranten kümmern - wie die Tagespflegestätte von Detamed" in Berlin oder
das DRK-Heim Haus am Sandberg" in Duisburg. Denn neben den klassischen
Problemen, die mit dem Alter kommen, haben türkische Rentner oft besondere
Krankheitssymptome: Schwere körperliche Arbeit, Schichtdienste und Maloche
im Akkord haben ihre Spuren hinterlassen.
Bestimmte Krankheitsbilder treten bei Türken in Deutschland
überdurchschnittlich oft auf: Gelenkschmerzen oder Diabetes etwa", sagt Ralf
Krause, Heimleiter des multikulturellen Pflegeheims Haus am Sandberg" in
Duisburg. Türken in Deutschland leiden seiner Beobachtung nach auch viel
öfter an Depressionen als Landsleute in der Türkei oder Deutsche.
Wenn Krankheiten, auch Depressionen, bei Deutschen vorkommen, dann gibt es
meistens Ärzte, Heime, Psychologen, die das auffangen. Für die Türken in
Deutschland gab es solche Angebote lange nicht. Diese Menschen werden oft
nicht mehr in ihrer Familie alt, sondern erleiden ihren Lebensabend
vollkommen einsam.
Der große türkische Familienverband ist eine Utopie", sagt Krause. Viele der
alten Türken aus dem Haus am Sandberg" haben längst als Singles gelebt. Oft
spielen Gewalt und Alkohol eine Rolle, Familien zerbrechen. Der letzte
Ausweg ist ein Pflegeheim. Ein herkömmliches deutsches Altersheim wäre aber
oft nur die Fortsetzung der Isolation, in der viele alte Türken in
Deutschland sowieso schon leben.
1997 hat in Duisburg das Haus am Sandberg" geöffnet - ein multikulturelles
Heim, in dem neben den deutschen Rentnern 14 Senioren aus der Türkei, ein
Tunesier, ein Russe und zwei Holländer leben. In Duisburg gibt es türkisches
Essen, türkische Feiertage wie das Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan
werden gefeiert. Im Keller befinden sich ein gekachelter Gebetsraum für
Muslime und ein spezieller Waschraum.
Jeden Dienstag dröhnt laute türkische Musik durch die Flure des Heims - dann
ist mediterraner Wochenmarkt. Wir wollen den Menschen zeigen, dass wir uns
für ihre Religion und Kultur interessieren und Rücksicht darauf nehmen
wollen", sagt Heimleiter Krause. Es gehe nicht darum, alles perfekt zu
machen, sondern um die Symbolik.
Dass das Personal Türkisch spricht, verhilft den Bewohnern auch manchmal zu
mehr Privatsphäre. Wenn es zum Beispiel um psychische Probleme wie
Depressionen geht, muss kein Übersetzer mehr dabei sein. Da geht es ja oft
um sehr intime Dinge", sagt Krause. Das Heim in Duisburg war lange ein
Pilotprojekt. Aber andere haben nachgezogen: Gerade hat in Frankfurt-Sossenheim
ein Altenheim seine Pforten geöffnet, das eine bestimmte Anzahl von
Migranten aufnimmt und die entsprechenden Qualifikationen mitbringt:
türkischsprachiges und speziell geschultes Personal. In vielen deutschen
Städten gibt es kulturspezifische Pflegedienste wie Detamed" in Berlin, wo
die Pflegekräfte sowohl sprachlich als auch kulturell Verständnis für die
Lebenserfahrung und Lebensart der Tagesgäste aufbringen", wie es auf der
Homepage heißt.
Die Großfamilie
ist oft
nur noch eine
Illusion
Duisburg, Frankfurt und Berlin sind Knotenpunkte eines Netzes geworden, das
alte Türken aus ihrer Isolation holen und ihnen ein Stück Heimat (zurück)geben
will.
An
der Wand von Güpeli Basgöze im Duisburger Pflegeheim Haus am Sandberg"
hängen Bilder ihrer Verwandtschaft: Das Hochzeitsbild ihres ältesten Sohnes:
ein großer, schöner Mann mit Pomade im Haar und schwarzem Anzug, die Braut
hat er stolz im Arm. Aus einem anderen Rahmen lacht der jüngste auf einem
Kinderbild. Frau Basgöze liegt
in
Wolldecken gehüllt auf ihrem Bett. Ich kann nicht sagen. Nicht deutsch",
radebrecht sie. Meine Familie" - sie zeigt auf die Fotos. Das eine Bild
hängt schief, sie nimmt es ab, streicht kurz den Staub vom Rahmen. Ihre
Familie will oder kann sie nicht nach Hause holen - die Verwandtschaft hängt
nur an der Wand.
Viele sind schlicht mit der Betreuung ihrer Eltern oder Großeltern
überfordert. Bei intakten türkischen Familien gibt es allerdings eine große
Hemmschwelle, Angehörigen in ein Heim zu geben. Viele denken: Das macht man
einfach nicht", sagt Krause.
Alt
werden fern der Heimat
Ein paar Schritte weiter auf dem Flur im Duisburger Pflegeheim neben dem
Zimmer von Frau Basgöze wohnt Herr Gündogdu. Dicker Qualm dringt durch den
Türspalt.
Der 67-Jährige sitzt auf der Kante seines Bettes. Er macht keine Pause
zwischen seinen Zigaretten, zieht, drückt die Kippe aus, dann zündet er die
nächste an. In der Ecke des Raumes dudelt ein Schlagersänger im
Nachmittagsprogramm eines türkischen Senders. Hier ist nicht meine Heimat.
Das ist die Türkei. Aber ich kann nicht hin. Zu krank", sagt er. Er wirkt
älter, als er ist. Meine Mutter ist gestorben. Ich weine jeden Tag", sagt er,
dabei tropfen ein paar Tränen auf die Decke.
Herr Gündogdu spricht nicht über andere Familienmitglieder, über die, die
noch leben. Der Kontakt zu ihnen ist abgebrochen, es war Herr Gündogdus
Spielsucht, bei der viel Geld verloren ging, die die Familie zerstörte und
den alten Mann einsam machte.
Güpeli Basgözes, die Frau mit den vielen Bildern an ihrer Wand, hat ihren
Mittagsschlaf beendet und macht sich auf den Weg in den Wintergarten, um
einen Kaffee zu trinken. Auf ihrem Weg kommt sie an dem Zimmer von Herrn
Gündogdu vorbei. Die Tür ist angelehnt und der alte Mann sitzt immer noch
auf seinem Bett. Eine türkische Seifenoper läuft im Fernsehen. Neben ihm
liegen leere Zigarettenschachteln. Beten gehe ich selten. Es ist alles zu
viel", sagt Herr Gündogdu.
Wenn es Abend wird im Pflegeheim in Duisburg, dann ist die Nationalität egal.
Dann sitzen die Alten zusammen - Türken und Deutsche, Holländer, Tunesier
und Russen. Sie sprechen nicht viel. Trotzdem sitzen sie beisammen. Um nicht
allein sein.
Anna Reimann |