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Peking (dpa)
- Wir haben früher doch meist nur Gemüse und Reis oder Dampfnudeln gegessen",
sagt die 62-jährige Zhang Li. Niemand hatte Geld. Einmal die Woche gab es
ein bisschen Fleisch. Darauf haben sich alle gefreut." Heute isst ihr
dreijähriger Enkelsohn täglich Fleisch. Er liebt Pizza oder frittierte
Hühnerkeulen von Kentucky Fried Chicken. Mit dem wachsenden Wohlstand durch
die Reform- und Öffnungspolitik seit 1978 haben auch in China die fetten
Jahre begonnen. Mit dramatischen Folgen: 200 Millionen Chinesen stuft das
Gesundheitsministerium als übergewichtig ein, davon 60 Millionen als
fettleibig - fast doppelt so viel wie Anfang der 90er Jahre.
Übergewicht und
daraus resultierende Herzkreislaufkrankheiten, die heute schon die häufigste
Todesursache in China sind, entwickeln sich zu einem großen
Gesundheitsproblem. Vor allem die kleinen Kaiser", wie die verwöhnten
Einzelkinder der Ein-Kind-Politik genannt werden, gehen in die Breite.
Wohlmeinende Eltern stopfen sie voll, weil gut genährte Kinder traditionell
als Zeichen für Wohlstand und Gesundheit gelten. Viel sportliche Bewegung
bekommen die Kinder aber nicht. Sie werden zur Schule gefahren, müssen von
morgens bis abends über Büchern hocken. In ihrer Freizeit sitzen sie vor dem
Fernseher oder Computer. Cola, Brause und andere süße Getränke ersetzen den
Tee.
10 Millionen
Kinder gelten nach chinesischen Erhebungen als fettleibig. Schanghai, die
reichste Stadt Chinas, zählt mit 15 Prozent doppelt so viel fettleibige
Grundschüler wie andere Städte. Der gesundheitliche Zustand der Schulkinder
in China ist bei weitem nicht zufrieden stellend", klagt der Politiker und
Diabetes-Experte Feng Shiliang, der gesetzlich mehr Sportunterricht
festschreiben will.
Wir haben in zwei
Jahrzehnten Wirtschaftsboom unsere nationale Stärke ausgebaut, aber die
Gesundheit der Menschen - insbesondere der Kinder - ist schlechter geworden",
sagt er. Waren Diabetes-Patienten früher meist alt und dünn, sind sie heute
jung und dick. 20 Millionen Chinesen leiden bereits an der Zuckerkrankheit.
Wurden früher vor
allem Getreide und Gemüse verzehrt, haben tierische Produkte sowie
kalorienhaltiges und fettes Essen stark zugenommen. Der Fleischkonsum hat
sich seit den 80er Jahren verdoppelt. Seit 1992 ist in zehn Jahren der
Anteil der Übergewichtigen in den Städten von 21 Prozent auf 30 Prozent
gestiegen, berichtet das Gesundheitsministerium. Die Nahrungsmittelindustrie,
die Chinas Supermärkte füllt, hat ihren Umsatz in der Zeit auf 400
Milliarden Yuan vervierfachen können.
Aber nicht nur
Fertignudelgerichte oder das Essen bei Fast-Food- Ketten aus den USA lassen
die Chinesen dicker werden. Übermaß ist ebenfalls ein Problem, denn die
traditionelle chinesische Küche ist keineswegs so gesund wie im Westen oft
geglaubt. Viele Gerichte schwimmen nur so in Öl. In Fett gegarte
Nudelstangen, Öl-Pfannkuchen, paniertes Fleisch und Gemüse sind sehr beliebt.
Selbst Auberginen werden erst frittiert, dann in Fett gebraten und vor dem
Servieren noch einmal mit Öl übergossen. Ohne Öl lässt sich schlecht kochen
und schmeckt das Essen nicht", heißt es in Chinas Küchen. Statt der
empfohlenen 25 Gramm Pflanzenöl nimmt der Durchschnitts-Pekinger 83 Gramm zu
sich.
Es mangelt häufig
am Gesundheitsbewusstsein. 1,3 Milliarden Chinesen müssen sich nur 2000
Ernährungswissenschaftler teilen". Vier Millionen müssten es sein, wenn
China ein ähnliches Niveau wie entwickelte Länder erreichen wollte. In zehn
Jahren ist unterdessen auch die Zahl der Menschen, die unter Bluthochdruck
leiden, stark gestiegen: um 70 auf 160 Millionen Chinesen. Kong Lingzhi vom
Gesundheitsministerium in Peking warnt über die amtlichen Medien: Zu viel
Zucker und Fettaufnahme und zu wenig Sport sind die Ursachen dieser
Krankheit." Jedes vierte Kind unter 15 Jahren leidet bereits unter
Bluthochdruck. |