15 July, 2008

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Europa sucht sozialen Frieden - mit neuem Streit und neuen Fronten

Bundeskanzler Gerhard Schröder (2.v.l) geht zum Familienfoto im Rahmen des informellen EU-Gipfels in Hampton Court bei London. (l-r) Ministerpräsident von Slowenien, Janez Jansa, Bundeskanzler Gerhard Schröder, Premierminister von Schweden, Göran Persson und der Premierminister von Bulgarien, Sergei Stanishev. BPA Andrea Bienert +++(c) dpa

Von Roland Siegloff

Hampton Court (dpa) - So intensiv wie selten haben die Präsidenten und Regierungschefs der 25 EU-Staaten auf Schloss Hampton Court über das Soziale gesprochen. Und gestritten. Der Ratsvorsitzende und britische Premierminister Tony Blair widmete das Gipfeltreffen bei London dem europäischen Sozialmodell - und fing sich prompt eine Ohrfeige ein. Das marktliberale Modell der Briten tauge nicht zum Vorbild für Europa, schrieb der scheidende Bundeskanzler Gerhard Schröder dem Parteifreund ins Stammbuch. Dafür komme nur die soziale Marktwirtschaft kontinentaler Prägung in Frage.

Die Differenzen zwischen den beiden Sozialdemokraten, die einst gemeinsam für Reformen in Europa geworben hatten, schienen schon am Eingang zum Tagungsgebäude spürbar. Dort begrüßte Blair alle Amtskollegen mit Handschlag - bis auf Schröder. Der Kanzler war rechtzeitig in Berlin gestartet und pünktlich auf dem Londoner Flughafen Heathrow gelandet, versicherten Mitarbeiter. Doch wegen technisch-organisatorischer Probleme der Briten traf Schröder zu spät beim stets strahlenden Gastgeber auf Hampton Court ein.

Dort hatten andere Regierungschefs den Reportern bereits ihre Kritik an zentralen Vorschlägen von Europäischer Kommission und Ratspräsidentschaft in den Block diktiert. Ein neuer Milliardenfonds gegen die negativen Folgen der Globalisierung? Briten und Franzosen, sonst oft erbitterte Gegner im europäischen Machtgefüge, befürworten den Vorstoß von Kom-missionspräsident José Manuel Barroso. Aber viele andere Staaten lehnen ein solches Hilfsprogramm strikt ab.

Schröder, gewöhnlich unzertrennlich auf Seiten des französischen Präsidenten Jacques Chirac, bewertet den Globalisierungsfonds mit mehr als Skepsis". Schweden, wie Deutschland ein Nettozahler in der EU, lehnt die Schaffung neuer Töpfe ebenfalls ab. Der estnische Ministerpräsident Andrus Ansip verweist auf die schwierige Umstellung seines Landes vor dem EU-Beitritt: Wir müssen nicht jene Länder mit dem Fonds belohnen, die diese strukturellen Reformen nicht rechtzeitig durchgeführt haben." Und der Däne Anders Fogh Rasmussen lehnt eine künstliche Lebensverlängerung nicht wettbewerbsfähiger Branchen" klipp und klar ab.

Bei aller Kritik - als unsozial wollte natürlich kein Regierungschef in Hampton Court dastehen. Kommissionspräsident Barroso ließ gar frohgemut verbreiten, die Idee eines neuen Fonds sei allgemein positiv aufgenommen worden. Eine Entscheidung darüber stehe bei dem informellen Treffen ohnehin nicht auf dem Programm, betonte seine Sprecherin. Beschlüsse hatte der Gastgeber Blair von vornherein ausgeschlossen - und damit ein drohendes Scheitern des Gipfeltreffens im Streit um echte Inhalte geschickt vermieden.

Denn sobald den wohlfeilen Forderungen nach Modernisierung und Sozialreformen gemeinsame Taten folgen sollen, kommt es mit europäischer Regelmäßigkeit zum Streit. Das war bei der EU-Richtlinie zu Arbeitszeiten so wie beim EU-Gesetz zu grenzüberschreitenden Dienstleistungen. Bei keinem dieser Probleme hat Blair bisher eine Lösung erzielt. Mit dem Globalisierungsfonds ist dagegen ein neuer Zankapfel hinzugekommen. Aber es sei doch schon ein Erfolg, meint ein Sprecher des Ratsvorsitzes, dass ein EU-Gipfel überhaupt einmal über die Herausforderungen der Globalisierung geredet habe.

 

 

Last modified on:07/07/2008

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