06 October, 2008

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Nach dem Zuckerbrot die Peitsche:  EU übt den Erweiterungs-Spagat

EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn

Von Dieter Ebeling, dpa

Brüssel (dpa) - EU-Erweite-rungskommissar Olli Rehn zeigte sich entschlossen. Zwar haben die höchst mühsam beschlossenen Verhandlungen über einen Beitritt der Türkei und Kroatiens zur Europäischen Union noch gar nicht begonnen. Doch mit Berichten über sämtliche Hausaufgaben, die die Regierungen in Ankara und Zagreb vor Aufnahme in die EU noch zu erledigen haben, lässt Rehn namens der EU- Kommission die Muskeln spielen. Punkt für Punkt listet die Kommission in den so genannten Fortschrittsberichten" auf, was die Kandidaten auf dem Weg zur Mitgliedschaft noch zu tun haben und wie die Chancen auf Beitritt stehen.

Für die Türkei kam es dicksten: Anhaltende Menschenrechtsverletzungen bescheinigte Rehn der Türkei, auch wenn es durchaus Fortschritte gegeben habe. Doch neue Gesetze alleine reichten nicht aus. Ungeahndete Folter, anhaltende Verfolgung von Regimekritikern, fortgesetzte Verstöße gegen die Religionsfreiheit von Nicht-Muslimen, Gewalt gegen Frauen und Diskriminierung von (beispielsweise kurdischen) Minderheiten: In spätestens zwei Jahren müsse damit Schluss sein, müssten vorhandene Gesetz endlich umgesetzt und notfalls neue erlassen werden.

Im Vergleich dazu fiel die Kritik an schlechter Verwaltung, mangelnder Rechtstaatlichkeit und zu nachsichtigem Umgang mit weit verbreiteter Korruption in Kroatien fast milde aus. Möglicherweise, so mutmaßten EU-Diplomaten, war das Vorzeigen der Peitsche im Umgang mit der Türkei (Rehn: Das ist ein sehr ausgewogener und objektiver Bericht") eher eine politische Demonstration, die sich an breite Mehrheiten von Türkei-Gegnern in mehreren EU-Staaten richtete.

Die Kommission sucht zugleich in kunstvollem politischem Spagat dem Eindruck entgegenzutreten, sie befinde sich ungeachtet der EU- Stimmungslage nach den beiden gescheiterten Verfassungsre-ferenden in Frankreich und den Niederlanden in ungebremster Erweiterungs- Euphorie.

So legte Rehn nicht nur den Bericht über die Türkei (151 Seiten) und Kroatien (121 Seiten) sowie Berichte über die - vorerst - noch draußen vor der Tür wartenden Balkanstaaten Albanien, Bosnien- Herzegowina, Serbien-Montenegro sowie die Unruheprovinz Kosovo vor.

Auch über eine neue Erweiterungsstrategie" habe sich die Kommission geeinigt, ließ er wissen. Einhaltung der gegebenen Zusagen, Anwendung fairer und strenger Beitrittskriterien" sowie eine Verbesserung unserer Kommunikation mit den Bürgern" seien die Eckpunkte. In dieser Strategie kommt der Begriff der Aufnahmefähigkeit" der EU zu neuen Ehren. Schon 1993 war dies als ein Erweiterungskriterium beim EU-Gipfel in Kopenhagen beschlossen, dann aber weitgehend vergessen worden. Erst bei den Verhandlungen über die Aufnahme der Türkei-Verhandlungen ertrotzte Österreich in der Nacht zum 4. Oktober eine neuerliche prominente Nennung der Aufnahmefähigkeit" als Entscheidungskriterium.Inzwischen sieht das Rehn genau so:Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass die Erweiterungs-Tageordnung groß ist und die Aufnahmefähigkeit bis an ihre Grenzen belastet ist", dozierte der frühere finnische Politik-Professor. Immer wieder betonte er die Bedeutung der Aufnahmefähigkeit" - unter anderem ein Grund dafür, dass er für die Aufnahme vonBeitrittsverhandlungen mit der früheren jugoslawischen Republik Mazedonien kein Datum vorschlug. 38 Prozent der EU-Bürger, so ergab eine offizielle EU-Umfrage im Juni in der gesamten Union, sind gegen die Erweiterung über die jetzigen 25 Mitglieder hinaus, in den alten 15 EU-Staaten sind es mehr.

Und 52 Prozent sind gegen eine Aufnahme der Türkei. In Deutschland sind es sogar 74 Prozent - eine Ablehnungsquote, die nur von Zypern und Österreich (je 80 Prozent) noch übertroffen wird. Rehn sagt es so: Wir müssen den Bürgern die Ziele und Herausforderungen der Erweiterung besser vermitteln."

Und er tröstet sich: Falls Island einen Aufnahmeantrag stellen würde, wäre das alles viel einfacher.

 

 

Last modified on:07/07/2008

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