15 July, 2008

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Tod einer Ikone": Letzte Fahrt für Londons klassischen Doppeldecker

London (dpa) - Big Ben rührt sich nicht. Auch der Bobby vor Downing Sreet 10 wird sich nichts anmerken lassen. Die Horse Guards Ihrer Majestät zucken sowieso nie mit der Wimper. Und Lord Nelson wird nicht von seiner Säule am Trafalgar Square herabsteigen, wenn am 9. Dezember (nach Redaktionsschluß) der letzte der klassischen Londoner Doppeldecker-Busse im Linienverkehr an diesen Wahrzeichen der Themse-Metropole vorbeituckert.

Danach werden auf der Linie 159 - der letzten, auf der die betagten Busse mit dem Namen Routemaster noch im Einsatz waren - moderne Fahrzeuge aus Deutschland dominieren. Der Mercedes-Benz Citaro gehört laut Firmenwerbung zur erfolgreichsten Niederflurlinienbus-Familie in Europa". Das kann viele Londoner nicht über den Tod einer Ikone" hinwegtrösten, wie britische Zeitungen das Dienstende des berühmtesten Doppeldeckers der Welt nannten.

Millionenfach haben Touristen ihn mit nach Hause genommen. Als Modell in diversen Größen oder als Abbild auf Postkarten und T- Shirts, auf Teepackungen, Socken oder Eierbechern. Vor gut einem halben Jahrhundert wurde der erste Routemaster montiert. Er blieb der letzte Bus, der noch eigens für London, von Londonern und in London gebaut wurde. Er war das einzige Fahrzeug des öffentlichen Nahverkehrs, das wir, Hand aus Herz, jemals wirklich geliebt haben", sagt Travis Elborough, der Autor des gerade erschienen Bestsellers The Bus We Loved" (Der Bus, den wir liebten).

Wer einen alten Londoner bittet, das Lebensgefühl Routemaster" zu beschreiben, kann Antworten wie diese bekommen: Es war wunderbar, hinten auf der offenen Plattform zu stehen, den Wind im Gesicht. Und diese Freiheit, aus- oder einsteigen zu können, wo er gerade hielt." Ganz ungefährlich war das nicht. Vor einem Jahr erlitt ein Amerikaner beim Sturz aus einem Routemaster eine Gehirnerschütterung. Er verklagte London auf 3 Millionen Pfund (4,5 Millionen Euro). Routemaster und Zigaretten, kommentierte ein Radiomoderator, hätten eines gemein: Wären sie heute erfunden worden, hätte man sie sofort verboten."

Mitschuld am Verbot" des alten Doppeldeckers tragen für Londoner die EU-Bürokraten. Der Bus-Klassiker war mit seinem einzigen Ein- und Ausgang über Treppen an der Heckplattform nicht Rollstuhl geeignet. Mit diesem Verstoß gegen die Behinderten-Richtlinie der EU begründete Bürgermeister Ken Livingstone die rote Karte für den Routemaster, dessen Rettung er einst im Wahlkampf noch vollmundig versprochen hatte. Dabei muss die EU-Vorschrift erst bis 2017 umgesetzt sein.

Boulevardblätter vermuteten sofort eine Verschwörung des Stadtoberhaupts mit Brüsseler Eurokraten und deutschen Busherstellern, die bislang rund 400 der ebenso effizienten wie charakterlosen Citaros nach London verkauften. Seriösere Zeitungen wiesen darauf hin, dass es wohl eher um die Einsparungen von Lohnkosten gegangen sei. Mit dem rollenden Klassiker verschwand nun auch in London eine ganze Berufsgruppe, die des Bus-Schaffners.

Die rollenden Riesen, die nur bis 1968 gebaut wurden, waren so konstruiert, dass der Chauffeur keinen Zugang zum Passagierraum hatte. Ohne Schaffner ging es nicht. Schwarzfahrer hassten das. Artig zahlende Bürger hingegen schätzten die Busbegleiter" nicht nur, weil sie Wechselgeld bereit hielten, sondern auch als Beschützer vor Rowdys und Dieben. Abgesehen von Rollstuhlfahrern, die sich zu Recht ärgerten, würden viele andere Behinderte die Routemaster vermissen, argumentierte der konservative Daily Telegraph". Schließlich seien die Schaffner für blinde und auch für geistig gestörte Menschen ebenso eine Hilfe gewesen wie für Alte oder Kinder.

 

 

Last modified on:07/07/2008

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