|
London
(dpa) - Big Ben rührt sich nicht. Auch der Bobby vor Downing Sreet 10 wird
sich nichts anmerken lassen. Die Horse Guards Ihrer Majestät zucken sowieso
nie mit der Wimper. Und Lord Nelson wird nicht von seiner Säule am Trafalgar
Square herabsteigen, wenn am 9. Dezember (nach Redaktionsschluß) der letzte
der klassischen Londoner Doppeldecker-Busse im Linienverkehr an diesen
Wahrzeichen der Themse-Metropole vorbeituckert.
Danach werden auf
der Linie 159 - der letzten, auf der die betagten Busse mit dem Namen
Routemaster noch im Einsatz waren - moderne Fahrzeuge aus Deutschland
dominieren. Der Mercedes-Benz Citaro gehört laut Firmenwerbung zur
erfolgreichsten Niederflurlinienbus-Familie in Europa". Das kann viele
Londoner nicht über den Tod einer Ikone" hinwegtrösten, wie britische
Zeitungen das Dienstende des berühmtesten Doppeldeckers der Welt nannten.
Millionenfach
haben Touristen ihn mit nach Hause genommen. Als Modell in diversen Größen
oder als Abbild auf Postkarten und T- Shirts, auf Teepackungen, Socken oder
Eierbechern. Vor gut einem halben Jahrhundert wurde der erste Routemaster
montiert. Er blieb der letzte Bus, der noch eigens für London, von Londonern
und in London gebaut wurde. Er war das einzige Fahrzeug des öffentlichen
Nahverkehrs, das wir, Hand aus Herz, jemals wirklich geliebt haben", sagt
Travis Elborough, der Autor des gerade erschienen Bestsellers The Bus We
Loved" (Der Bus, den wir liebten).
Wer einen alten
Londoner bittet, das Lebensgefühl Routemaster" zu beschreiben, kann
Antworten wie diese bekommen: Es war wunderbar, hinten auf der offenen
Plattform zu stehen, den Wind im Gesicht. Und diese Freiheit, aus- oder
einsteigen zu können, wo er gerade hielt." Ganz ungefährlich war das nicht.
Vor einem Jahr erlitt ein Amerikaner beim Sturz aus einem Routemaster eine
Gehirnerschütterung. Er verklagte London auf 3 Millionen Pfund (4,5
Millionen Euro). Routemaster und Zigaretten, kommentierte ein Radiomoderator,
hätten eines gemein: Wären sie heute erfunden worden, hätte man sie sofort
verboten."
Mitschuld am
Verbot" des alten Doppeldeckers tragen für Londoner die EU-Bürokraten. Der
Bus-Klassiker war mit seinem einzigen Ein- und Ausgang über Treppen an der
Heckplattform nicht Rollstuhl geeignet. Mit diesem Verstoß gegen die
Behinderten-Richtlinie der EU begründete Bürgermeister Ken Livingstone die
rote Karte für den Routemaster, dessen Rettung er einst im Wahlkampf noch
vollmundig versprochen hatte. Dabei muss die EU-Vorschrift erst bis 2017
umgesetzt sein.
Boulevardblätter
vermuteten sofort eine Verschwörung des Stadtoberhaupts mit Brüsseler
Eurokraten und deutschen Busherstellern, die bislang rund 400 der ebenso
effizienten wie charakterlosen Citaros nach London verkauften. Seriösere
Zeitungen wiesen darauf hin, dass es wohl eher um die Einsparungen von
Lohnkosten gegangen sei. Mit dem rollenden Klassiker verschwand nun auch in
London eine ganze Berufsgruppe, die des Bus-Schaffners.
Die rollenden
Riesen, die nur bis 1968 gebaut wurden, waren so konstruiert, dass der
Chauffeur keinen Zugang zum Passagierraum hatte. Ohne Schaffner ging es
nicht. Schwarzfahrer hassten das. Artig zahlende Bürger hingegen schätzten
die Busbegleiter" nicht nur, weil sie Wechselgeld bereit hielten, sondern
auch als Beschützer vor Rowdys und Dieben. Abgesehen von Rollstuhlfahrern,
die sich zu Recht ärgerten, würden viele andere Behinderte die Routemaster
vermissen, argumentierte der konservative Daily Telegraph". Schließlich
seien die Schaffner für blinde und auch für geistig gestörte Menschen ebenso
eine Hilfe gewesen wie für Alte oder Kinder. |