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Von Timm Herre
Wer als Reisender fortzieht trägt immer ein Stück Heimat im Herzen und
vermisst die Eigenheiten einer Umgebung, die einen während der Kinder- und
Jugendjahre geprägt hat. So ging und geht es natürlich auch vielen
Auswanderern aus Deutschland und Österreich. Was vermisst man besonders?
Sicherlich fehlen einem die Freunde und Verwandte, vielleicht die
heimatliche Küche oder nur ein liebgewonnener und vertrauter Anblick.
Einer Gruppe von Frauen rund um Muskegon in West-Michigan fehlte aber
besonders eines: Die deutsche Sprache.
Das Bedürfnis, wieder eine längere Konversation auf Deutsch zu führen,
brachte im Jahr 2001 vier Frauen zusammen. Rosemarie, Linda, Erika und
Brigitte verband der Wunsch, ihre Sprachkennt-nisse nicht verkümmern zu
lassen. Die vier Frauen nannten ihre Gruppe Kornblümchen und vereinbarten
monatliche Treffen. Sehr bald stießen mit Inge aus Marburg und Katharina aus
einer bayerischen Kleinstadt zwei weitere Frauen hinzu. Bis heute ist die
Gruppe auf zehn Personen angewachsen, eine Größe, bei der es bleiben soll.
Ansonsten passen wir gar nicht mehr alle an einen Tisch", lacht Brigitte.
Außerdem wolle man die familiäre Atmosphäre der Gruppe bewahren, schließlich
sei man auch bewusst kein offizieller Verein.
Auch wenn es kein Verein ist, so folgen die Treffen doch einem bestimmten
Muster. Man trifft sich immer privat bei einem der Mitglieder. Zuerst gibt
es ein Lunch, bei dem durchaus Deutsch gekocht wird. Nach dem Essen widmen
sich die Freundinnen einer gemeinsamen Lektüre, die als Diskussionsgrundlage
für das folgende Gespräch dienen soll. Wir wollten uns nicht zu einem
bestimmten Thema verpflichten, aber wir wollten auch nicht nur
,chit-chatting' betreiben", erklärt Brigitte.
Angefangen hat diese Lesetradition mit einem Original-Tagebuch einer
kaiserlich-königlichen Landherrin aus Ungarn, die ihre Heimat 1945 aus
Furcht vor der Roten Armee verlassen musste. Wir fühlten damals, dass jede
von uns eine Geschichte hat, die noch nicht erzählt worden war", erinnert
sich Brigitte. So sind Gespräche in Gang gekommen, die nicht nur eine
Renaissance der eigenen Deutsch-Kenntnisse, sondern für viele der
Freundinnen auch eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen
Vergangenheit zur Folge hatte.
Rosemarie, die in Augsburg aufgewachsen ist, Inge und Katharina haben den
klassischen Hintergrund der so genannten War Brides", die unmittelbar nach
dem Zweiten Weltkrieg in die USA kamen. Sie folgten ihren Ehemännern, die
sie als Angehörige der US-Streitkräfte in Deutschland kennen gelernt hatten.
Von vielen Deutschen beneidet und von Amerikanern als besonders glücklich
eingeschätzt, war für viele War Brides" die neue Heimat alles andere als der
Garten Eden.
Mir war oft nach Köfferchen packen, aber ich musste da einfach durch, so
ging es auch anderen. Das hat uns menschlich sehr viel weiter gebracht und
dafür bin ich sehr dankbar", erinnert sich Inge. Selbst nach mehr als 50
Jahren kann sich Inge noch an die Worte ihrer Mutter bei der Hochzeit
erinnern: Kind, nun wirst du dein Leben lang deine verhasste Sprache
sprechen müssen". Im Gegensatz zur Begegnung mit ihrem Mann Bob war nämlich
die Begegnung mit der englischen Sprache für Inge alles andere als Liebe auf
den ersten Blick.
Linda ist die einzige Amerikanerin der Gruppe und verliebte sich nicht in
einen deutschen Mann, sondern in die deutsche Sprache. Sie verbrachte als
Schülerin ein Austauschjahr in Deutschland und fliegt heute noch mehrmals
pro Jahr nach Deutschland.
Brigitte schließlich wurde als Kind deutscher Eltern in Wien geboren und kam
1950 als 7-Jährige gemeinsam mit ihrer Familie in die USA. Wir hatten es
nicht leicht. Deutschsprachige Neuankömmlinge wurden immer noch als Feinde
angesehen", erinnert sich Brigitte.
Auf Grund dieser Erfahrungen entschieden sich ihre Eltern, die deutsche
Herkunft nicht weiter zu betonen. Brigitte lernte sehr schnell Englisch, und
ihre Eltern sprachen sie nur noch auf Englisch an. Ich habe Deutsch
allenfalls noch im Hintergrund wahrgenommen", erzählt sie.
1962 lernte Brigitte ihren Mann kennen, einen Deutschen aus dem Münsterland.
Mit ihm lernte ich wieder Deutsch zu sprechen, ansonsten hätte ich es
vermutlich verlernt."
Dieses Verlernen verhindern jetzt auch die regelmäßigen Treffen mit den
Kornblümchen. Auf den Namen der Gruppe angesprochen müssen die Freundinnen
aber erstmal stutzen. Wir mochten einfach alle die Farbe der Blume", erklärt
Brigitte. Hier war man sich also schnell einig. Nur ob man die
Verniedlichungssilbe -chen anhängen soll, darüber gibt es heute manchmal
noch Diskussionen. Auf Deutsch! |