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Berlin (dpa) - Fackelträger und
Trommler vor dem Reichstag - für die einen ein bewegender historischer
Moment, für andere ein gruseliges Bild. Während sich Soldaten des
Wachbataillons des Verteidigungsministeriums und zweier Musikkorps der
Bundeswehr stolz zum Großen Zapfenstreich auf dem Platz der Republik
aufreihten, kamen Mitglieder der Linkspartei und linker Gruppierungen zum
Protestmarsch zusammen. Begegnet sind sich Soldaten und Demonstranten nicht.
Denn am Mittwochabend in Berlin schützte die Bundeswehr nicht das Volk,
sondern gemeinsam mit der Polizei ihre Soldaten vor Volksvertretern.
Die deutschen Streitkräfte sind in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden und
feiern ihre Geschichte unter dem Motto 50 Jahre entschieden für Frieden". Am
Mittwoch würdigten nun der Bundestag und die NATO die Leistungen von
Luftwaffe, Heer und Marine. Dabei nutzte NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop
Scheffer die Gelegenheit, sein großes Lob mit der Aufforderung zu noch mehr
Engagement im Ausland zu verbinden, wo die Bundeswehr überwiegend hohe
Anerkennung genießt.
Das war seine Antwort auf die Mahnung des scheidenden Verteidigungsministers
Peter Struck (SPD) aus der vorigen Woche, wonach Deutschland seine
Auslandseinsätze eindämmen müsse, weil die Grenzen der Belastbarkeit der
Bundeswehr erreicht seien. Dem Vernehmen nach traf sich de Hoop Scheffer am
Mittwoch bereits mit dem designierten Verteidigungsminister Franz Josef Jung
(CDU). Vor der Bundeswehr zog de Hoop Scheffer verbal den Hut. Chapeau",
sagte er zum Schluss seiner Rede. Ruhe dürfte die Bundeswehr nicht bekommen.
Der neue Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) wollte zwar, wie er sagte,
die Feierstimmung nicht gefährden, beschrieb aber dennoch scharf die
Finanznöte der Bundeswehr. Dies konnte als Mahnung an Union und SPD
verstanden werden, die Bundeswehr in einer großen Koalition von weiteren
Kürzungen zu verschonen.
Die Bundeswehr bedankte sich für die Würdigung mit der größten Ehre, die das
deutsche Militär jemandem erweisen kann: mit dem Großen Zapfenstreich. Noch
nie in der Geschichte der Bundesrepublik ist diese alte preußische Tradition
vor dem Bundestag aufgeführt worden. Parlament und Armee wollen damit die
demokratische Legitimierung jeglichen Einsatzes der Soldaten - gerade der
schwierigen Krisenmissionen im Ausland - unter Beweis stellen.
Die scharfe Kritik der Linken können viele Abgeordnete und Offiziere nicht
nachvollziehen. So sieht etwa das Berliner WASG- Landesvorstandsmitglied
Frank Puskarev in dem zentralen Ritual der preußisch-deutschen
Militärgeschichte ... Kadavergehorsam, Hurra- Patriotismus und Folgsamkeit
im faschistischen Vernichtungsfeldzug".
Die Bundeswehr verhalte sich unpathetisch, sagt ein Offizier. Sie habe keine
Militärparaden, sondern pflege nur einen kleinen Rest von Traditionen. Der
Zapfenstreich bilde den Tagesabschluss und leite die Nachtruhe ein. Weil es
dann dunkel sei, erleuchteten die Soldaten mit Fackeln den Platz für das
feierliche Abendlied der Trommler und Flötisten. Das von König Friedrich
Wilhelm III 1813 eingeführte Gebet wurde durch ein Musikstück ersetzt. Nur
noch der Befehl Helm ab zum Gebet" wird vom Kommandeur gegeben. Danach wird
getrommelt.
Der ehemalige Verteidigungsminister Rupert Scholz (CDU) sieht die Bundeswehr
als eine wirkliche Armee des Volkes. Die große Konzeption vom Bürger in
Uniform ist voll in die Tat umgesetzt worden."
Struck, selbst nicht gedient und nicht bekannt als begeisterter Anhänger
militärischen Geräts oder Rituals, sagt: Der Zapfenstreich hat nichts mit
den Nazis oder mit der Wehrmacht zu tun, sondern ist eine alte preußische
Tradition". Struck wird bald aus seinem Amt verabschiedet - mit einem Großen
Zapfenstreich. |