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Moskau
(dpa) - Konfetti wirbelt durch die Luft, Gläser
werden zu Boden geworfen, und Blitzlichtgewitter durchzuckt das Standesamt
am Kutusowski-Prospekt. In Moskau darf eine Hochzeit alles sein, nur nicht
leise, langweilig oder bescheiden. Die Russen haben nach den schwierigen
neunziger Jahren wieder Lust aufs Heiraten bekommen. Hauptsaison für den
Bund der Ehe ist keineswegs der Mai, sondern der Herbst. Wenn draußen die
ersten Blätter fallen, besiegeln die Standesämter den Bund fürs Leben wie am
Fließband.
Im September und
Oktober sind wir jedes Jahr vollkommen ausgebucht", erzählt der Chauffeur
Wladimir Kurka, der ein junges Paar mit seiner noblen US-Stretchlimousine
zum Standesamt gebracht hat. Dass das Heiraten im Herbst seine Hochsaison
oder treffender Hochzeit erlebt, hat religiöse Gründe. In der
russisch-orthodoxen Kirche darf während der Fastenzeiten nicht geheiratet
werden. Und davon haben wir hier vier pro Jahr", erklärt der 60-jährige
Chauffeur. Grinsend zeigt er auf eine Auswirkung der häufigen Fastenzeiten:
Gleich mehrere Gesellschaften warten zapplig auf Einlass in das Standesamt.
Die Tage zum Heiraten sind begrenzt.
An jedem
Herbstwochenende wimmelt und wuselt es in dem stalinistischen Gebäude, das
noch aus Sowjetzeiten den stolzen Namen Palast der Eheschließung" trägt.
Manchmal stauen sich bis zu sechs Brautpaare samt Gästeschar in der Halle
vor dem eigentlichen Hochzeitssaal. Aufgeregte Bräute drehen sich vor den
meterhohen Wandspiegeln. Nervöse Mütter zupfen fahrig am Schleier ihrer
Töchter und flüstern Ratschläge. Schwitzende Verwandte tragen mit
gewichtiger Miene Fotoapparate, Videokameras und Stative durch die Gegend.
Im Herbst ist bei
uns die Hölle los", kommentiert Pjotr Bondar-owitsch das Treiben. Mit seiner
Uniform sorgt er im Amt für Ordnung. Häufig rücken die Hochzeitspaare gleich
mit hundert Gästen an. Dann sitzen alle mit Tröten, Champagner und
Blumensträußen in unserem viel zu kleinen Warteraum", berichtet der Wachmann.
Durch die wartende
Menge geht ein Raunen, als eine Standesbeamtin in Schwarz mit einer Liste
bewaffnet das nächste Paar in den Zeremonien-Saal ruft. Für Romantik bleibt
jetzt wenig Zeit. Exakt 15 Minuten stehen jedem Hochzeitspaar zu, um mit
Gefolge in den Saal zu rauschen, die Plätze einzunehmen, Mendelssohns
Hochzeitsmarsch zu lauschen, die Rede der Standesbeamtin zu verfolgen, ein
kräftiges Da" (Ja) zu rufen und einander die Ringe aufzustecken. Dann ist
die Viertelstunde um, das Heiratsregister um ein Paar erweitert, und die
Beamtin drängt zum Aufbruch. Denn vor der Tür bringt sich schon die nächste
Gesellschaft in Stellung.
Ein bisschen
erinnert das hier schon an Massenabfertigung", gesteht der Wachmann Pjotr
ein. Aber eigentlich geht es bei uns erst nach der Trauung so richtig los."
Die Zeit, die im
Standesamt noch fehlte, ist nun im Überfluss vorhanden. Aus Termingründen
müssen zwischen Trauung und abendlicher Hochzeitsparty oft halbe Tage
überbrückt werden. Ich kutschiere meine Klienten dann stundenlang von einer
Sehenswürdigkeit zur anderen, zu sämtlichen Kriegs- und Lenindenkmälern oder
zu den Sperlingsbergen", erzählt der Chauffeur, während seine Auftraggeber
beim Gang aus dem Standesamt die Schampanskoje-Korken knallen lassen.
Wladimir sitzt am Steuer einer noblen schwarzen Stretchlimousine zum
Stundentarif von 3750 Rubel (115 Euro). Nebenan stehen zwei weitere der bei
Moskaus Hochzeitsgesellschaften derzeit schwer angesagten Protz-Gefährte.
Die jungen
Brautleute wollten wenigstens einmal im Leben so richtig im Mittelpunkt
stehen. Hochzeitsgesellschaft und Limousine können gar nicht groß genug sein",
sagt Wladimir lachend. Für die abendliche Hochzeitsparty muss es ein
Restaurant oder besser noch ein Festsaal sein. Eine solche Feier ist immer
ein Mordsfest", meint auch der Ordnungshüter vom Standesamt.
Bei manchen Paaren
tritt die große Ernüchterung allerdings schon ein, wenn der Ehealltag in
einer Zweizimmerwohnung mit den nörgelnden Schwiegereltern beginnt. Schon
das russische Wort für Ehe verheißt eigentlich nichts Gutes. Denn das Wort
Brak" steht in einer anderen Bedeutung auch für Fehler oder Schaden. |