30 June, 2008

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Moskaus Brautpaare geben sich wie Popstars

Kerzen tragende Brautpaare nehmen in der Auferstehungskirche in Moskau an einer Massenhochzeit teil (Archivfoto). Die Russen haben nach den schwierigen neunziger Jahren wieder Lust aufs Heiraten bekommen.

Moskau (dpa) - Konfetti wirbelt durch die Luft, Gläser werden zu Boden geworfen, und Blitzlichtgewitter durchzuckt das Standesamt am Kutusowski-Prospekt. In Moskau darf eine Hochzeit alles sein, nur nicht leise, langweilig oder bescheiden. Die Russen haben nach den schwierigen neunziger Jahren wieder Lust aufs Heiraten bekommen. Hauptsaison für den Bund der Ehe ist keineswegs der Mai, sondern der Herbst. Wenn draußen die ersten Blätter fallen, besiegeln die Standesämter den Bund fürs Leben wie am Fließband.

Im September und Oktober sind wir jedes Jahr vollkommen ausgebucht", erzählt der Chauffeur Wladimir Kurka, der ein junges Paar mit seiner noblen US-Stretchlimousine zum Standesamt gebracht hat. Dass das Heiraten im Herbst seine Hochsaison oder treffender Hochzeit erlebt, hat religiöse Gründe. In der russisch-orthodoxen Kirche darf während der Fastenzeiten nicht geheiratet werden. Und davon haben wir hier vier pro Jahr", erklärt der 60-jährige Chauffeur. Grinsend zeigt er auf eine Auswirkung der häufigen Fastenzeiten: Gleich mehrere Gesellschaften warten zapplig auf Einlass in das Standesamt. Die Tage zum Heiraten sind begrenzt.

An jedem Herbstwochenende wimmelt und wuselt es in dem stalinistischen Gebäude, das noch aus Sowjetzeiten den stolzen Namen Palast der Eheschließung" trägt. Manchmal stauen sich bis zu sechs Brautpaare samt Gästeschar in der Halle vor dem eigentlichen Hochzeitssaal. Aufgeregte Bräute drehen sich vor den meterhohen Wandspiegeln. Nervöse Mütter zupfen fahrig am Schleier ihrer Töchter und flüstern Ratschläge. Schwitzende Verwandte tragen mit gewichtiger Miene Fotoapparate, Videokameras und Stative durch die Gegend.

Im Herbst ist bei uns die Hölle los", kommentiert Pjotr Bondar-owitsch das Treiben. Mit seiner Uniform sorgt er im Amt für Ordnung. Häufig rücken die Hochzeitspaare gleich mit hundert Gästen an. Dann sitzen alle mit Tröten, Champagner und Blumensträußen in unserem viel zu kleinen Warteraum", berichtet der Wachmann.

Durch die wartende Menge geht ein Raunen, als eine Standesbeamtin in Schwarz mit einer Liste bewaffnet das nächste Paar in den Zeremonien-Saal ruft. Für Romantik bleibt jetzt wenig Zeit. Exakt 15 Minuten stehen jedem Hochzeitspaar zu, um mit Gefolge in den Saal zu rauschen, die Plätze einzunehmen, Mendelssohns Hochzeitsmarsch zu lauschen, die Rede der Standesbeamtin zu verfolgen, ein kräftiges Da" (Ja) zu rufen und einander die Ringe aufzustecken. Dann ist die Viertelstunde um, das Heiratsregister um ein Paar erweitert, und die Beamtin drängt zum Aufbruch. Denn vor der Tür bringt sich schon die nächste Gesellschaft in Stellung.

Ein bisschen erinnert das hier schon an Massenabfertigung", gesteht der Wachmann Pjotr ein. Aber eigentlich geht es bei uns erst nach der Trauung so richtig los."

Die Zeit, die im Standesamt noch fehlte, ist nun im Überfluss vorhanden. Aus Termingründen müssen zwischen Trauung und abendlicher Hochzeitsparty oft halbe Tage überbrückt werden. Ich kutschiere meine Klienten dann stundenlang von einer Sehenswürdigkeit zur anderen, zu sämtlichen Kriegs- und Lenindenkmälern oder zu den Sperlingsbergen", erzählt der Chauffeur, während seine Auftraggeber beim Gang aus dem Standesamt die Schampanskoje-Korken knallen lassen. Wladimir sitzt am Steuer einer noblen schwarzen Stretchlimousine zum Stundentarif von 3750 Rubel (115 Euro). Nebenan stehen zwei weitere der bei Moskaus Hochzeitsgesellschaften derzeit schwer angesagten Protz-Gefährte.

Die jungen Brautleute wollten wenigstens einmal im Leben so richtig im Mittelpunkt stehen. Hochzeitsgesellschaft und Limousine können gar nicht groß genug sein", sagt Wladimir lachend. Für die abendliche Hochzeitsparty muss es ein Restaurant oder besser noch ein Festsaal sein. Eine solche Feier ist immer ein Mordsfest", meint auch der Ordnungshüter vom Standesamt.

Bei manchen Paaren tritt die große Ernüchterung allerdings schon ein, wenn der Ehealltag in einer Zweizimmerwohnung mit den nörgelnden Schwiegereltern beginnt. Schon das russische Wort für Ehe verheißt eigentlich nichts Gutes. Denn das Wort Brak" steht in einer anderen Bedeutung auch für Fehler oder Schaden.

 

 

Last modified on:01/14/2008

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