15 July, 2008

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Die Enkel Brandts

Franz Müntefering

Von Herbert Kremp

Der geradezu reflexhafte Rücktritt des dritten SPD-Parteivorsitzenden in überschaubarer, gedrängter Zeit gehört zu den Krisenmerkmalen einer Politiker-Generation, die den Namen Brandt-Enkel" trägt. Obwohl der sauerländischsolide, im Sinne guter Provinz zuverlässige Franz Müntefering dem zeitgeistigen Genre dieser Generation von Haus aus nicht angehört, verbindet ihn mit der Serie experimenteller Temperamente doch das enervierte, nur zeitweilig durch Selbstdisziplin gleichsam straff zurechtgekämmte Verhalten. Als ob er infiziert worden wäre von den radikal außengeleiteten Vorgängern Björn Engholm, Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping, Gerhard Schröder, scheint seine Karriere in einer typisch erratischen Verzerrung zu enden.

Unruhe, eine Art Schleudertrauma und damit verbundene Unberechenbarkeit konnte man ja schon bei dem Ahnherrn" beobachten, obwohl eminente politische Begabung und zeithistorische Erfahrung Respekt einflössen. Willy Brandt bestach diejenigen, die es ihm gleichtun wollten, durch Visionen und Peer-Gynt-haften Kunststil, war aber in gar keiner Weise ein Pädagoge, vermittelte vielmehr ein Fluidum des politischen Fast-Alleskönnens, das verführend anstatt charakterfestigend wirkte.

Sein Rücktritt vom Parteivorsitz 1987 wegen aufquellender Querelen um die von ihm als Parteisprecherin favorisierte Außenseiterin Margerita Mathiopoulos war pure Überreaktion, aber diese kam aus launenbegründetem Überdruß. An sich entspricht es guter Sitte, sich nicht in voyeuristische Seelenauslotungen von Personen zu üben, deren Haut durch mediale Überbeanspruchung ohnehin hauchdünn geworden ist. Aber diese Menschen regieren uns, sie sind das Staatspersonal, die Gesetzgeber, die Parteiführer. Und die innere Unsicherheit, die ihr Verhalten spiegelt, das Moment geistiger Vitalschwäche, betrifft ja nicht nur die Sozialdemokratie, deren Vorstand sich soeben disqualifiziert hat. Eine gewisse Verantwortungslosigkeit aus privatisierendem Individualismus breitet sich überall aus - beileibe nicht nur in der Figur Josef Fischers, der es offenbar nicht abwarten kann, bis seine Dienstfahrt beendet ist, sondern auch bei einem Mann wie Edmund Stoiber, der seine Entscheidungsschwäche auf dem Vanity Fair auslebt. Man soll auch nicht nostalgisch frühere Zeiten hervorkehren - sie waren gar nicht besser, nur anders und von einer Prägehärte gekennzeichnet, die man dem normalen Menschen nicht wünscht.

Die oft als Giganten angeführten Adenauer, Schumacher, Erhard und ihre politischen Tatbegleiter befanden sich auf der Sohle eines Tals, in das Licht von oben einströmt. Ihre Erben und Amtsnachfolger stehen in schwindelerregender Höhe vor einem Problemgefälle, das den Blick in finstere Tiefen gleiten lässt. Sie haben mit verteiltem Übermaß zu kämpfen, das gegen Widerstände auf Maß zurückgeführt werden muß. Zumindest was die Großparteien betrifft, stehen sie inmitten schrumpfender Klientelle. Dies trübt ihr Selbstverständnis ein, das sie übernommen, nicht selbst erarbeitet haben. Ihnen entgleitet, was schwache Hände nicht halten können. Panik ist der ungeladene Gast ihrer Sitzungen.

Als Konrad Adenauer nach der Bundestagswahl von 1961 langsam und dann immer schneller seinem Sturz entgegenging - die Zwischenüberschriften in der Schilderung seines Biographen Hans-Peter Schwarz lauten: "Powerplay", Katarakt", Eingekreist", Der Frondeur", Abstieg" -, stand die Republik nicht in Frage, sie schöpfte aus dem Vollen. Heute starrt sie in die Leere und verwirft Parteimachtspiele als sträflichen Luxus. Die Verhandlungen über den Schuldenhaushalt markieren einen jahrzehntelangen Skandal.

Wenn nun alles platzen würde, was geschähe mit der Reformarbeit, die Schröder, das muß man ihm lassen, mit Realismus auf die Spur gesetzt hat? Sehen wir nicht schon jetzt, daß an dem großen runden Tisch mit scharfen Ecken die Lasten der Pleite nicht nach Vorgaben politischer Vernunft, sondern unvernünftiger Klientelpolitik verteilt werden sollen?

Der Kredit der Politikergeneration an der Tete läuft aus. Eine große Koalition, der nicht alle Parteivorsitzenden ihre Kraft und Macht zur Verfügung stellen, droht ins Tollhaus zu münden. Deshalb, muss die SPD handeln, vielleicht sogar umkehren und eine neue Führung wählen. Sie steht vor der Alternative Reifenpanne und Achsenbruch, die CSU vor Dauerfolklore oder Staatsraison.

Ein Müntefering, aller Partei-Insignien ledig, kann als Vizekanzler und Minister nur wenig ausrichten. Eine Angela Merkel allein im verwinkelten Haus schafft es nicht. Sie mag zwar noch eine zeitlang verhindern, daß die Ursachen ihrer verlorenen Wahlen parteioffen erörtert werden, wird aber zur unglücklichen Figur, wenn sich die Artus-Runde auflöst. Etwas mehr Tapferkeit hätte die Republik schon verdient.

 

 

Last modified on:07/07/2008

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