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Von Herbert Kremp
Der geradezu
reflexhafte Rücktritt des dritten SPD-Parteivorsitzenden in überschaubarer,
gedrängter Zeit gehört zu den Krisenmerkmalen einer Politiker-Generation,
die den Namen Brandt-Enkel" trägt. Obwohl der sauerländischsolide, im Sinne
guter Provinz zuverlässige Franz Müntefering dem zeitgeistigen Genre dieser
Generation von Haus aus nicht angehört, verbindet ihn mit der Serie
experimenteller Temperamente doch das enervierte, nur zeitweilig durch
Selbstdisziplin gleichsam straff zurechtgekämmte Verhalten. Als ob er
infiziert worden wäre von den radikal außengeleiteten Vorgängern Björn
Engholm, Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping, Gerhard Schröder, scheint seine
Karriere in einer typisch erratischen Verzerrung zu enden.
Unruhe, eine Art
Schleudertrauma und damit verbundene Unberechenbarkeit konnte man ja schon
bei dem Ahnherrn" beobachten, obwohl eminente politische Begabung und
zeithistorische Erfahrung Respekt einflössen. Willy Brandt bestach
diejenigen, die es ihm gleichtun wollten, durch Visionen und Peer-Gynt-haften
Kunststil, war aber in gar keiner Weise ein Pädagoge, vermittelte vielmehr
ein Fluidum des politischen Fast-Alleskönnens, das verführend anstatt
charakterfestigend wirkte.
Sein Rücktritt vom
Parteivorsitz 1987 wegen aufquellender Querelen um die von ihm als
Parteisprecherin favorisierte Außenseiterin Margerita Mathiopoulos war pure
Überreaktion, aber diese kam aus launenbegründetem Überdruß. An sich
entspricht es guter Sitte, sich nicht in voyeuristische Seelenauslotungen
von Personen zu üben, deren Haut durch mediale Überbeanspruchung ohnehin
hauchdünn geworden ist. Aber diese Menschen regieren uns, sie sind das
Staatspersonal, die Gesetzgeber, die Parteiführer. Und die innere
Unsicherheit, die ihr Verhalten spiegelt, das Moment geistiger Vitalschwäche,
betrifft ja nicht nur die Sozialdemokratie, deren Vorstand sich soeben
disqualifiziert hat. Eine gewisse Verantwortungslosigkeit aus
privatisierendem Individualismus breitet sich überall aus - beileibe nicht
nur in der Figur Josef Fischers, der es offenbar nicht abwarten kann, bis
seine Dienstfahrt beendet ist, sondern auch bei einem Mann wie Edmund
Stoiber, der seine Entscheidungsschwäche auf dem Vanity Fair auslebt. Man
soll auch nicht nostalgisch frühere Zeiten hervorkehren - sie waren gar
nicht besser, nur anders und von einer Prägehärte gekennzeichnet, die man
dem normalen Menschen nicht wünscht.
Die oft als
Giganten angeführten Adenauer, Schumacher, Erhard und ihre politischen
Tatbegleiter befanden sich auf der Sohle eines Tals, in das Licht von oben
einströmt. Ihre Erben und Amtsnachfolger stehen in schwindelerregender Höhe
vor einem Problemgefälle, das den Blick in finstere Tiefen gleiten lässt.
Sie haben mit verteiltem Übermaß zu kämpfen, das gegen Widerstände auf Maß
zurückgeführt werden muß. Zumindest was die Großparteien betrifft, stehen
sie inmitten schrumpfender Klientelle. Dies trübt ihr Selbstverständnis ein,
das sie übernommen, nicht selbst erarbeitet haben. Ihnen entgleitet, was
schwache Hände nicht halten können. Panik ist der ungeladene Gast ihrer
Sitzungen.
Als Konrad
Adenauer nach der Bundestagswahl von 1961 langsam und dann immer schneller
seinem Sturz entgegenging - die Zwischenüberschriften in der Schilderung
seines Biographen Hans-Peter Schwarz lauten: "Powerplay", Katarakt",
Eingekreist", Der Frondeur", Abstieg" -, stand die Republik nicht in Frage,
sie schöpfte aus dem Vollen. Heute starrt sie in die Leere und verwirft
Parteimachtspiele als sträflichen Luxus. Die Verhandlungen über den
Schuldenhaushalt markieren einen jahrzehntelangen Skandal.
Wenn nun alles
platzen würde, was geschähe mit der Reformarbeit, die Schröder, das muß man
ihm lassen, mit Realismus auf die Spur gesetzt hat? Sehen wir nicht schon
jetzt, daß an dem großen runden Tisch mit scharfen Ecken die Lasten der
Pleite nicht nach Vorgaben politischer Vernunft, sondern unvernünftiger
Klientelpolitik verteilt werden sollen?
Der Kredit der
Politikergeneration an der Tete läuft aus. Eine große Koalition, der nicht
alle Parteivorsitzenden ihre Kraft und Macht zur Verfügung stellen, droht
ins Tollhaus zu münden. Deshalb, muss die SPD handeln, vielleicht sogar
umkehren und eine neue Führung wählen. Sie steht vor der Alternative
Reifenpanne und Achsenbruch, die CSU vor Dauerfolklore oder Staatsraison.
Ein Müntefering,
aller Partei-Insignien ledig, kann als Vizekanzler und Minister nur wenig
ausrichten. Eine Angela Merkel allein im verwinkelten Haus schafft es nicht.
Sie mag zwar noch eine zeitlang verhindern, daß die Ursachen ihrer
verlorenen Wahlen parteioffen erörtert werden, wird aber zur unglücklichen
Figur, wenn sich die Artus-Runde auflöst. Etwas mehr Tapferkeit hätte die
Republik schon verdient. |