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London/Almaty
- Kasachstan ist plötzlich in aller Munde. Zu verdanken hat das Land den
unerwarteten Ruhm dem britischen Komödianten Sacha Baron Cohen, der in den
Kinos als kasachischer Reporter Borat" Furore macht - und seine angebliche
Heimat in einem schlechten Licht präsentiert.
Borat" trinkt
Wasser aus dem Pissoir und behandelt Frauen grundsätzlich wie Menschen
zweiter Klasse. Diese Satire jenseits der Realität bereitet der Regierung in
Kachastan durchaus Sorgen.
Niemand kennt
unser Land. Niemand weiß, was hier los ist", sagte der kasachische
Tourismusminister Temirkhan Dosmuk-hambetov in der Hauptstadt Astana.
Der Satiriker
Cohen bietet mit seinem Film zwar möglicherweise mehr Chancen für den
kasachischen Fremdenverkehr als alle staatlichen Förderprogramme zusammen.
Doch das will man in der Regierung in Astana noch nicht recht einsehen.
Kasachstan ist
nicht Borats Land. Aber wir laden ihn herzlich ein, damit er einen richtigen
Eindruck erhält", sagt Kenzhebay Satzhanov, zweithöchster
Tourismusbeauftragter des Landes.
Bislang kommen
vorwiegend Gäste aus Russland nach Kachastan, doch unter
Abenteuerbegeisterten und Extremsportlern ist das Land schon lange ein
Geheimtipp.
Steppen
konkurrieren mit Wüsten, Halbwüsten, unberührten Tälern, wilden Flüssen,
tiefen Schluchten und Seen sowie mit Schnee bedeckten Gebirgszügen um die
Gunst der Urlauber. Auch weite Teile der Seidenstraße verlaufen durch
Kasachstan.
Der Staat ist
dabei ein Ziel für Leute, die die Stille suchen. Außerhalb der Städte trifft
man kaum Menschen.
Das riesige,
weitgehend unerschlossene Land hat nur etwas mehr als 15 Millionen Einwohner,
weniger als die Niederlande.
Wer von Europa
nach Kasachstan fliegt, kommt zuerst nach Almaty. In der alten Hauptstadt im
Südosten schlägt das Herz des Landes. Bis 1994 hieß die Stadt Alma Ata. Das
bedeutet Vater der Apfelbäume" - rings um die Stadt gedeihen die Obstbäume.
Obwohl die Hauptstadt vor neun Jahren nach Astana verlegt wurde, ist Almaty
das Kultur- und Wirtschaftszentrum geblieben. Es bietet eine kuriose
Mischung aus sowjetischer Monumentalarchitektur, orientalischem und
westlichem Flair.
Mit ihren riesigen
Gärten, in denen Obst, Weinreben und Tabak gedeihen, schmiegt sich die Stadt
an die Ausläufer des Thienshan-Gebirges, dessen Gipfel bis zu 7000 Metern in
den Himmel ragen. Dort haben Luchse und der vom Aussterben bedrohte
Schneeleopard eine Zuflucht gefunden.
Unweit von Almaty
liegen Medeu mit der höchstgelegenen Eislaufbahn der Welt und das Skigebiet
Schymbulak.
Almaty ist ein
Schmelztiegel mit mehr als 100 Nationalitäten. Unter Stalin wurden in der
Sowjetunion viele Volksgruppen, darunter Deutsche, Türken, Krimtartaren,
Koreaner und Kaukasusvölker, hierher umgesiedelt. Sie haben sich mit den
ursprünglichen mongolischen Bewohnern vermischt.
Die Stadt der
Apfelbäume" zieht noch heute wie ein Magnet viele Einwanderer an, vor allem
aus den Nachbarländern Kirgistan und Usbekistan. Touristen bleiben dagegen
in der Regel nicht lange in Almaty, denn zwei Erdbeben zu Beginn des 20.
Jahrhunderts haben die meisten historischen Gebäude zerstört.
Eines der wenigen,
die noch stehen, ist die hölzerne Auferstehungskirche. Sie wurde 1907 für
den Bischof von Turkestan erbaut und ist heute einer der schönsten hölzernen
Sakralbauten der Welt. Ohne einen einzigen Nagel soll die Kirche mit ihren
vielen Kuppeln und Ornamenten entstanden sein.
Im Süden von
Almaty liegt der Ile-Alatau-Naturpark. Auf einer Fläche so groß wie Monaco
vermittelt das Areal einen Querschnitt der kasachischen Landschaftsvielfalt,
vom tiefblauen Almaty-See und der wilden Turgen-Schlucht bis hin zu alpinen
Wiesen und Gletschern.
In den Jurten, den
typischen kreisrunden Behausungen der Nomaden Zentralasiens, lernt der
Besucher hier auch die kasachische Gastfreundschaft kennen.
Das Ritual ist
immer gleich: Frauen oder Mädchen servieren Tee, dazu werden frittiertes
Gebäck, Süßigkeiten und getrocknete Früchte gereicht. Danach erst beginnt
das eigentliche Festmahl.
Ein typisches
Gericht ist Besbarmak, gekochtes Pferde- oder Lammfleisch auf Nudelteig.
Dabei darf das Nationalgetränk, die so genannte Kymis, nicht fehlen. In
großen Tassen wird die vergorene Stutenmilch angeboten, sie ist allerdings
eher für robuste Mägen empfehlenswert. Zum Runterspü-len eignet sich dann
ein kräftiger Schluck Wodka.
Einen krassen
Gegensatz zu Almaty und seinem Hinterland bildet Astana.Inmitten endloser
Steppen lässt der autoritär herrschende Präsident Nursultan Nasarbajew eine
Stadt mit Repräsentationsbauten nach chinesischem Vorbild aus dem Boden
stampfen. Finanziert wird die Bauwut mit den sprudelnden Öleinnahmen aus dem
Kaspischen Meer.
Internationale
Stararchitekten wie der Japaner Kisho Kurokava haben den Masterplan für die
Stadt entworfen, die bis zum Jahr 2010 eine Million Einwohner haben soll.
Momentan sind es schon mehr als 600.000. Vom protzigen Präsidentenpalast aus
führt eine futuristische Achse am modernen Wahrzeichen der Hauptstadt, dem
Aussichts- und Funkturm Baiterek, vorbei zum Hauptsitz des Petrokonzerns
KasachOil.
Die Kritik, das
Ganze sei etwas seelenlos, lassen die Bewohner von Astana nicht gelten. Ich
liebe diese Stadt, sie steht für Mut und Neubeginn", sagt Kulpash Konyrova,
eine Journalistin und alleinerziehende Mutter. Nirgendwo sonst in Kasachstan
gibt es so viel Dynamik wie hier."
Hinterwäldlerisch
wie im Borat"-Film ist Kasachstan hier auf keinen Fall. |