30 June, 2008

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Emotionale Zeitreise der Berliner Philharmoniker

Von Andreas Landwehr, dpa

Peking (dpa) - Es war ein emotionales Wiedersehen nach 26 Jahren. Zhang Dihe war 44 Jahre alt, als er mit den Berliner Philharmonikern 1979 in Peking die 7. Symphonie von Ludwig van Beethoven gespielt hat. Ich hatte bis dahin noch nie so gute Musik gehört", erzählt der Oboe-Spieler über das historische Konzert unter Herbert von Karajan, das ein Einschnitt in seinem Leben war. Ich habe den Unterschied gehört, es hat mich ungeheuer inspiriert." Heute ist Zhang 70 Jahre alt, beugt sich im Gespräch mit der Hand am Ohr vor, hört schlecht.

Damals gab es nur Fahrräder, alle trugen Mao-Kluft", erzählt Axel Gerhard, der als 25-Jähriger Geiger dabei war. Heute rollt hier eine Masse Autos." Die Rückkehr der Philharmoniker, die zum Abschluss des 8. Pekinger Musikfestivals vor kurzem begeistert gefeiert wurden, demonstriert den Zeitsprung, den China seither gemacht hat. Damals war gerade die Kulturrevolution (1966-76) zu Ende. Westliche Musik hatte als dekadent gegolten. Chinesische Musiker hatten lange ihre Instrumente verstecken müssen. Sie hatten nicht einmal Saiten."

Damals mussten die Berliner im Sportpalast auftreten. Von außen drang Fahrradgeklingel in die Turnhalle. Heute gibt es in Peking Konzerthallen wie in anderen Weltmetropolen. Vor der Tür stauen sich anstelle von Fahrrädern die Autos im Feierabendverkehr, es fahren deutsche Luxus-Limousinen vor dem modernen Poly Theater vor. Eine ältere Dame der kommunistischen Macht-Elite entsteigt einem großen Maserati mit Fahrer und Militärnummernschild.

Im Foyer sind Werke von Mao Tsetung und CDs mit revolutionären Opern genauso zu kaufen wie Andrea Bocelli, das Musical Cats" oder ein Buch mit Zitaten des großen Vorsitzenden Greenspan" - dem US- Zentralbankchef. Hauptsponsor des Konzerts ist die China Construction Bank, die gerade beim Debüt an der Hongkonger Börse acht Milliarden US-Dollar gemacht hatte. Zwischen 50 bis 480 Euro kosteten Karten - soviel wird selbst bei den Salzburger Festspielen nicht verlangt.

Der Luxus und die modernen Hochhäuser haben Peking verändert, doch der Berliner Cellist Jan Diesselhorst ist seiner Erinnerung nachgelaufen und hat Gott sei Dank" noch etwas vom alten Peking gefunden: die Hutongs genannten Gassen, Garküchen und Weißkohl. Heute wie damals ist mir aufgefallen, wie neugierig die Menschen sind - im ganz positiven Sinne. Das hat sich nicht verändert."

Wurde das Publikum 1979 auf Handzetteln gebeten, Ruhe zu bewahren" und nicht überall hinzuspucken und Obstschalen sowie Papierschnipsel nicht auf den Boden zu werfen", fordert diesmal die Eintrittskarte absolute Ruhe" und verbietet, Essen oder Getränke überhaupt mitzunehmen. Eine große elektronische Anzeigetafel über der Bühne mahnt, zwischen den einzelnen Sätzen nicht zu klatschen.

Das Pekinger Publikum ist als laut bekannt und hat schon Karajan und anderen das Leben schwer gemacht. Doch diesmal sind die Pekinger erstaunlich diszipliniert und still. Chefdirigent Sir Simon Rattle war vorgewarnt, musste aber hinterher das Kompliment machen: Wir würden alles darum geben, in New York ein Publikum zu finden, das so konzentriert und ruhig ist." Überhaupt zeigte sich Sir Simon verblüfft von den Emotionen des Publikums."

Neben Joseph Haydn und dem Heldenleben" von Richard Strauss zeigte Sir Simon mit der spannenden und modernen Komposition Asyla" von Thomas Ades, was in der neuen Musik alles passiert". Der chinesische Oboe-Spieler Zhang bemerkte den modernen Geist" des Dirigenten. Er ist ausgezeichnet". Auch nach 26 Jahren erinnert sich Zhang noch gut an dessen Vorgänger Karajan. Es war selten ein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen."

Aber an einem lässt 70-Jährige nicht rütteln: Die Leistung von Maestro Karajan bleibt ewig." Sein Kollege, der Cellist Ma Ying, pflichtet ihm bei: So einen gibt es nur einmal."

 

 

Last modified on:01/14/2008

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