|
Von Andreas Landwehr, dpa
Peking (dpa) - Es war ein
emotionales Wiedersehen nach 26 Jahren. Zhang Dihe war 44 Jahre alt, als er
mit den Berliner Philharmonikern 1979 in Peking die 7. Symphonie von Ludwig
van Beethoven gespielt hat. Ich hatte bis dahin noch nie so gute Musik
gehört", erzählt der Oboe-Spieler über das historische Konzert unter Herbert
von Karajan, das ein Einschnitt in seinem Leben war. Ich habe den
Unterschied gehört, es hat mich ungeheuer inspiriert." Heute ist Zhang 70
Jahre alt, beugt sich im Gespräch mit der Hand am Ohr vor, hört schlecht.
Damals gab es nur Fahrräder, alle trugen Mao-Kluft", erzählt Axel Gerhard,
der als 25-Jähriger Geiger dabei war. Heute rollt hier eine Masse Autos."
Die Rückkehr der Philharmoniker, die zum Abschluss des 8. Pekinger
Musikfestivals vor kurzem begeistert gefeiert wurden, demonstriert den
Zeitsprung, den China seither gemacht hat. Damals war gerade die
Kulturrevolution (1966-76) zu Ende. Westliche Musik hatte als dekadent
gegolten. Chinesische Musiker hatten lange ihre Instrumente verstecken
müssen. Sie hatten nicht einmal Saiten."
Damals mussten die Berliner im Sportpalast auftreten. Von außen drang
Fahrradgeklingel in die Turnhalle. Heute gibt es in Peking Konzerthallen wie
in anderen Weltmetropolen. Vor der Tür stauen sich anstelle von Fahrrädern
die Autos im Feierabendverkehr, es fahren deutsche Luxus-Limousinen vor dem
modernen Poly Theater vor. Eine ältere Dame der kommunistischen Macht-Elite
entsteigt einem großen Maserati mit Fahrer und Militärnummernschild.
Im
Foyer sind Werke von Mao Tsetung und CDs mit revolutionären Opern genauso zu
kaufen wie Andrea Bocelli, das Musical Cats" oder ein Buch mit Zitaten des
großen Vorsitzenden Greenspan" - dem US- Zentralbankchef. Hauptsponsor des
Konzerts ist die China Construction Bank, die gerade beim Debüt an der
Hongkonger Börse acht Milliarden US-Dollar gemacht hatte. Zwischen 50 bis
480 Euro kosteten Karten - soviel wird selbst bei den Salzburger Festspielen
nicht verlangt.
Der Luxus und die modernen Hochhäuser haben Peking verändert, doch der
Berliner Cellist Jan Diesselhorst ist seiner Erinnerung nachgelaufen und hat
Gott sei Dank" noch etwas vom alten Peking gefunden: die Hutongs genannten
Gassen, Garküchen und Weißkohl. Heute wie damals ist mir aufgefallen, wie
neugierig die Menschen sind - im ganz positiven Sinne. Das hat sich nicht
verändert."
Wurde das Publikum 1979 auf Handzetteln gebeten, Ruhe zu bewahren" und nicht
überall hinzuspucken und Obstschalen sowie Papierschnipsel nicht auf den
Boden zu werfen", fordert diesmal die Eintrittskarte absolute Ruhe" und
verbietet, Essen oder Getränke überhaupt mitzunehmen. Eine große
elektronische Anzeigetafel über der Bühne mahnt, zwischen den einzelnen
Sätzen nicht zu klatschen.
Das Pekinger Publikum ist als laut bekannt und hat schon Karajan und anderen
das Leben schwer gemacht. Doch diesmal sind die Pekinger erstaunlich
diszipliniert und still. Chefdirigent Sir Simon Rattle war vorgewarnt,
musste aber hinterher das Kompliment machen: Wir würden alles darum geben,
in New York ein Publikum zu finden, das so konzentriert und ruhig ist."
Überhaupt zeigte sich Sir Simon verblüfft von den Emotionen des Publikums."
Neben Joseph Haydn und dem Heldenleben" von Richard Strauss zeigte Sir Simon
mit der spannenden und modernen Komposition Asyla" von Thomas Ades, was in
der neuen Musik alles passiert". Der chinesische Oboe-Spieler Zhang bemerkte
den modernen Geist" des Dirigenten. Er ist ausgezeichnet". Auch nach 26
Jahren erinnert sich Zhang noch gut an dessen Vorgänger Karajan. Es war
selten ein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen."
Aber an einem lässt 70-Jährige nicht rütteln: Die Leistung von Maestro
Karajan bleibt ewig." Sein Kollege, der Cellist Ma Ying, pflichtet ihm bei:
So einen gibt es nur einmal." |