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Frankfurt (dpa) - Stundenlange
Schreie, Apathie, zusammenhangslose Antworten - Auguste Deter litt an einer
bis dahin völlig unbekannten Krankheit. Auch 100 Jahre nach ihrem Tod wissen
Ärzte noch nicht genug über Alzheimer, um die Krankheit heilen zu können.
Wie heißen Sie?" - Auguste." - Familienname?" - Auguste." - Wie heißt ihr
Mann?" - Ich glaube Auguste." Das Gespräch zwischen dem Psychiater Alois
Alzheimer und seiner Patientin Auguste Deter schrieb Medizingeschichte. Mit
ihm begann im November 1901 die Erforschung einer bis heute unheilbaren
Krankheit, an der derzeit allein in Deutschland 1,4 Millionen und weltweit
20 Millionen Patienten leiden: der Gedächtnisschwäche Alzheimer. Vor 100
Jahren, am 8. April 1906, starb Auguste Deter in der Anstalt für Irre und
Epileptische" in Frankfurt am Main total verblödet", wie Alzheimer notierte.
Mit dem Tod dieser Patientin war es erstmals möglich, sich wirklich
anzuschauen, was im Kopf passiert", sagt der Geschäftsführer der Hirnliga,
Thomas Kunczik. Schon zu Lebzeiten der Patientin dokumentiert Alzheimer
(1864-1915) seine Beobachtungen sehr genau. Auf 31 handgeschriebenen Seiten
notierte der Arzt zum ersten Mal die Symptome der Krankheit, die 1910 seinen
Namen bekam: Abnehmen des Gedächtnisses (...), zweckloses Herumwirtschaften
in der Wohnung (...), schien sich nicht mehr auszukennen (...), versteht
manche Fragen nicht (...), lässt beim Schreiben Buchstaben aus (...)."
Gedächtnisverlust war ein Rätsel
Am
25. November 1901 wird Auguste Deter, damals 51 Jahre alt, in die
Frankfurter Klinik eingeliefert. Fünf Jahre vor ihrer Einlieferung hatten
bei ihr Wahnvorstellungen und Eifersuchtsideen begonnen", erläutert der
Mediziner Sven Rahming, der gerade eine Doktorarbeit über Auguste Deter
erstellt. Nach seinen Erkenntnissen veranlasste der gescholtene Ehemann, dem
seine Frau diverse Verhältnisse unterstellte, eine Untersuchung beim
Hausarzt - dieser wies die Frau prompt in die Irrenanstalt ein. In dieser
Irrenschloss" genannten stattlichen Villa in einem Park in der Frankfurter
Innenstadt praktiziert der gebürtige Unterfranke Alzheimer seit 1888. Der
Fall der Eisenbahnkanzlistenfrau Auguste Deter interessiert ihn brennend:
Dem Mediziner ist der Gedächtnisverlust der noch relativ jungen Frau ein
Rätsel - bis dahin war sie völlig gesund, sie ist weder erblich vorbelastet
noch traumatisiert. Dennoch schreit sie manchmal stundenlang mit grässlicher
Stimme", dann wieder ist sie vollkommen apathisch. Auf Fragen antwortet sie
meist zusammenhanglos und unverständlich. An Einzelheiten ihres Lebens kann
sie sich kaum noch erinnern. In einem der wenigen klareren Momente fasst sie
ihre Hilflosigkeit in erstaunlich präzise Worte: Ich habe mich sozusagen
verloren."
Die Symptome sind dem Neurologen keineswegs unbekannt, aber nie zuvor hat er
sie bei einer so relativ jungen Person gesehen. Daher vermutet er, dass für
diese Form des Schwachsinns keineswegs das Alter verantwortlich ist. Die
Vermutung bestätigt sich, als Auguste Deter fünf Jahre nach ihrer
Einlieferung, am 8. April 1906 um 3/4 6 Uhr morgens", an einer
Blutvergiftung als Folge eines Druckge-schwürs stirbt.
Eiweißablagerungen in der Hirnrinde töten Nervenzellen ab
Nach ihrem Tod lässt Alzheimer sich Augustes Gehirn schicken, um es zu
untersuchen, und stößt dabei auf Eiweißablagerun-gen in der gesamten
Hirnrinde und viele abgestorbene Nervenzellen. Damit entdeckt er den
wichtigsten Mechanismus der Krankheit: Die Ablagerungen führen zum Tod der
Nervenzellen und lassen die gesamte Hirnsubstanz schrumpfen. Ein halbes Jahr
später stellt Alzheimer seinen Befund in Tübingen bei der Versammlung
Südwest-deutscher Irrenärzte" vor. Sein Vortrag mit dem Titel Über eine
eigenartige Erkrankung der Hirnrinde" endet mit den Worten: Mein Fall
Auguste D. bot klinisch ein so abweichendes Bild, dass er sich unter keine
der bekannten Krankheiten einreihen ließ."
Wir haben immer noch kein Medikament,
das Alzheimer heilen kann"
Doch die Fachwelt reagiert zunächst zurückhaltend auf die Erläuterungen des
Kollegen, der als Vorreiter einer modernen, sanften Psychiatrie gilt und
nicht zuletzt wegen seines Einsatzes gegen die teilweise sehr drastischen
Zwangsmaßnahmen in den Nervenheilanstalten ohnehin kritisch beäugt wird. Der
Irrenarzt mit dem Mikroskop", wie Alzheimer auch genannt wird, kann sich bis
zu seinem Tod im Jahr 1915 nur mühsam Gehör verschaffen. Inzwischen aber
weiß die Medizin die Leistungen dieses ebenso eigenwilligen wie
einzigartigen Arztes und Wissenschaftlers zu schätzen, der Diagnose und
Therapie von Hirnleistungsstörungen revolutionierte.
Damit begann die Alzheimer-Forschung", sagt Hirnliga-Geschäftsführer Kunczik.
Es hat sich seitdem viel getan, aber wir haben noch immer kein Medikament,
das Alzheimer heilen kann, und wissen auch nicht, ob und wann wir es kriegen
werden." Alzheimer-Patienten gehörten im deutschen Gesundheitssystem lange
zu den Vergessenen". |