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Von
Katharina Hien
Freiburg (dpa) - Vor lauter
Kribbeln in Armen und Beinen kann Ilka Ernst nicht mehr schlafen. Und der
Kinobesuch wird nach einer halben Stunde zur Qual. Ich fühle mich ohne einen
äußeren Anlass wie unter Strom gestellt", sagt die 37-Jährige. Die
Architektin leidet am Syndrom der ruhelosen Beine (Restless Legs Syndrom,
RLS) - eine Krankheit, die jeder zehnte Europäer hat. Das Schlimme daran: je
entspannter und ruhiger die Betroffenen sind, desto stärker wird ihre
plötzliche Unruhe und das Kribbeln im Körper. Erforscht wird die Krankheit
am Freiburger Universitätsklinikum.
Wir leisten hier Pionierarbeit", sagt die Freiburger Schlafforscherin
Magdolna Hornyak. Gegen RLS gebe es keine wirksamen Medikamente. Das
Schlaflabor der Freiburger Uniklinik habe für Betroffene deshalb ein
Hilfsprogramm entworfen. Weltweit gibt es kein vergleichbares Programm",
sagt Hornyak.
Eine Patientin ist Ilka Ernst. Vor vier Jahren begann die Krankheit bei der
jungen Frau. Wegen RLS bekam sie jeden Sommer über sechs bis acht Wochen nur
ein paar Stunden Schlaf in der Nacht. Gegen ein Uhr war sie plötzlich
hellwach, musste in der Wohnung herum laufen und die Arme schlenkern, damit
das Kribbeln in den Gliedern nachließ. Mit diesem Phänomen muss Ernst nun
regelmäßig kämpfen. Nach vier Wochen weiß ich nicht mehr, wie ich heiße",
sagt Ernst. Sie sei vor Erschöpfung wie gelähmt und könne nicht mehr
effektiv arbeiten. In diesen Wochen fahre sie auch kein Auto, weil ihre
Reaktionen extrem verlangsamt seien. Das ist keine schöne Zeit", sagt die
Architektin. Sie ziehe sich in diesen Wochen völlig aus ihrem sozialen
Umfeld zurück und treffe sich nicht mehr mit Bekannten, weil sie sich
schonen muss.
Die Hausärztin schickte die junge Frau ins Schlaflabor der Freiburger
Uniklinik. Es hat mir sehr geholfen zu wissen, dass ich eine körperliche
Erkrankung habe und keine Psychomacke", sagt die Betroffene. Sie hat Glück,
denn ihre Schlafstörun-gen sind noch vergleichsweise selten. Bei rund drei
Prozent der Betroffenen tritt das große Kribbeln zwei Mal pro Woche oder
häufiger auf.
Frauen sind fast doppelt so oft betroffen wie Männer und haben nach Geburten
sogar ein erhöhtes Risiko, RLS zu bekommen", sagt Schlafforscherin Hornyak.
Typische Patienten seien 45 bis 50 Jahre alt. Das Risiko steige im Alter.
Die Ärzte wissen nach eigenen Angaben nicht, woher die Krankheit herrührt
und haben nur Medikamente zur Verfügung, die im Gehirn die Kribbelempfindung
eindämmen. Diese werden jedoch von Patienten häufig nicht vertragen und
verlagerten das Problem oft nur von der Nacht in den Tag.
Eine Heilmethode gibt es zur Zeit nicht. Aus diesem Grund bietet die
Oberärztin an der Freiburger Psychiatrie seit einem Jahr Therapiegruppen an,
in denen Betroffene lernen sollen, mit der Krankheit besser zu leben.
In
acht Sitzungen lernen die Patienten die Krankheit besser kennen und ihre
Aufmerksamkeit gezielt vom Kribbeln weg zu lenken", sagt Hornyak. "Es werden
Konzentrationsübungen wie Schach spielen oder Rollenspiele gemacht."
Die Übungen sollen von den Betroffenen zu Hause fortgeführt werden.
Probieren will das auch Ilka Ernst. In der Gruppe funktioniert das sehr gut,
jedoch zu Hause habe ich noch Schwierigkeiten", sagt sie. Sie sei gespannt,
ob sie sich in diesem Sommer vom großen Kribbeln ablenken könne. Ihr
Alltagsleben würde dadurch erheblich erleichtert. |