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Obwohl jeder von uns Einwanderern über seinen Weg in die USA seine eigene
Geschichte erzählen kann - manche mehr, manche weniger aufregend - sieht es
doch noch anders aus, wenn man das Jahr 1944 schreibt und auf seinem Rücken
in großen Buchstaben POW (Prisoner Of War bzw. Kriegsgefangener) stehen hat!
Einleitung
Wie viele von uns noch wissen, lief für die USA 1943 der zweite Weltkrieg
gegen Deutschland auf vollen Touren: in Italien, Nordafrika und Frankreich.
1945 kamen dann noch die Kämpfe auf deutschem Boden dazu. Ergebnis: Immer
mehr deutsche Soldaten wurden zu POWs der US-Armee. Problem: Irgendwo
mussten die POWs ja untergebracht werden!
Durch Hinweis eines Freundes wurde der Schreiber dieser Zeilen auf eine neue
Video-Kassette mit dem Titel The Enemy in Our Midst" aufmerksam, einen Film
über das Leben von 1,100 deutschen POWs, die zwischen 1944-46 in fünf Lagern
auf Michigans Oberer Halbinsel (Upper Peninsula oder UP) untergebracht waren
(näheres weiter unten).
POW-Lager auf der Upper Peninsula?
Die Lösung bot sich fast von selbst an, denn zur gleichen Zeit war nämlich
durch die Kriegsanstrengungen der USA ein Mangel an Holzfällern entstanden,
die dringend auf Michigans Oberer Halbinsel (Upper Peninsula oder UP)
gebraucht wurden. Diese Arbeitskräfte fällten hier eine spezielle Art von
Pulpwood trees", d.h. von Bäumen, die besonders von der amerikanischen
Industrie zur Papierherstellung gebraucht wurden. Was lag also näher, als
die nach Amerika verschifften deutschen Kriegsgefangenen (POWs) zur UP zu
transportieren, dort in Lagern unterzubringen und zum Bäumefällen
einzusetzen! Gesagt, getan: Auf der UP wurden von der US-Regierung nach
einander fünf POW-Lager errichtet, bzw. existierende Lager, die einst
anderen Zwecken (z.B. Civilian Conversation Corp oder CCC) gedient hatten,
wiederhergestellt. Anfängliche Einwände der Gewerkschaften gegen den Einsatz
von POWs zum Holzfällen wurden regierungsseitig bald überwunden.
Das Lagerleben
Im
Februar 1944 trafen die ersten POWs ein, die zunächst mit Liberty-Schiffen
den Atlantic überquerten, dann per Eisenbahn zur UP gebracht und auf fünf
Lager auf der UP verteilt wurden. Zunächst galt für diese Lager nur die
leichte" Sicherheitsstufe, d.h. die Zäune hatten Stacheldraht. Die POWs
wurden anfangs täglich mit Bussen vom Lager zur Arbeitsstelle im Pulpwood-Wald
und zurück gefahren. Später durften die POWs ihre Lkw gelegentlich auch
selbst fahren. An anderen Einsatzpunkten ließ man die Arbeitsgruppen von und
zur Arbeitsstelle auch zu Fuß gehen.
Die Anzahl der pro Tag auf vorgeschriebene Länge zuzuschneidenden Stämme war
festgelegt und wurde vom Wachpersonal kontrolliert. Pro Tag bekamen die POWs
für ihre Arbeit 80 Cent und, als Bonus, gelegentlich eine Runde Bier!
Sonntags kam auf Wunsch ein Pfarrer, der den Gottesdienst abhielt. Die POWs
durften auch Fußball spielen, und eine Leihbücherei stand zur
Freizeit-Unterhaltung und zur demokratischen Umschulung zur Verfügung.
Eines Tages unternahmen drei POWs den Versuch, aus ihrem Lager zu entkommen.
Sie wurden aber ein paar Tage später gefunden und zurück gebracht.
Das
menschliche Klima
Die US-Bevölkerung in der Umgebung der Lager wusste zunächst wenig über
diese Einrichtungen, da ihre Existenz von der Regierung weitgehend
verschwiegen wurde. Diejenigen in der Bevölkerung, die von der Anwesenheit
deutscher POWs wussten, hatten zunächst keine gute Meinung über deutsche
Soldaten und wurden von den Lagern fern gehalten. Beim Ausladen aus dem Zug
mussten die Wachmannschaften die POWs sogar vor der Bevölkerung schützen!
Außerdem war die UP-Bevölkerung durch Meldungen der US-Medien beunruhigt und
befürchtete damals, dass eines Tages deutsche Flugzeuge oder U-Boote
erscheinen und die für die Nation wichtigen Frachttransporte durch die
Schleusenanlagen und Wasserwege von Sault Ste. Marie angreifen würden. Zur
Abwehr feindlicher Flugzeuge waren Fesselballons angebracht. Angeblich war
auch vor der UP-Küste ein deutsches U-Boot gesichtet worden, das sich jedoch
später als treibende Boje herausstellte!
Das Barometer steigt
Erstaunlicherweise änderte sich das jedoch bald. So durfte die Bevölkerung
die POWs später auch außerhalb der Lager sehen. Außerdem waren die ersten
POWs von Rommels Afrikakorps, und einige der US-Wachposten entwickelten ein
relativ freundliches Verhältnis zu den POWs. So verrät z. B. einer der
interviewten Guards," dass er sich aus Spaß einmal auf einen Ringkampf mit
einem der POWs eingelassen hatte! Einige sprachen sehr gut Englisch. Je
länger die Wachsoldaten sie kannten, desto mehr entdeckten sie in ihnen
eigentlich eher professionelle" Soldaten, die außer einem guten
Handwerkstalent meist auch ein gutes Organisationsgeschick besaßen.
Für gute Arbeitsleistungen bekamen die POWs manchmal Ausgang" und durften z.
B. angeln gehen! Dort stießen sie oft auf einheimische Angler, mit denen sie
sich nett unterhielten, soweit es die Sprache erlaubte, und von denen sie
sich auch Angelgeräte leihen durften. Da die POWs natürlich keine
Wanderkarten hatten, bot ein amerikanischer Angler einem der POWs sogar
seinen Kompass an, den er benutzen durfte, um sich nicht im Wald zu
verlaufen!
Eins der Interviews auf der Kassette mit noch lebenden Einwohnern der Gegend
lässt erkennen, dass diese, nachdem sie persönlichen Kontakt mit POWs
bekamen, z. B. in Ladengeschäften, nach und nach eine freundlichere Meinung
gegenüber den Deutschen entwickelt hatten. Einige von ihnen haben nach dem
Krieg sogar noch miteinander Schriftwechsel aufrechterhalten, und einige
POWs haben später ihre Camps" auf einer Nostalgiereise besucht.
Kriegsende
Im
Jahre 1946 wurden die letzten POWs entlassen. Nach dem Genfer Abkommen
mussten die USA alle gefangenen, feindlichen Soldaten in ihr Ursprungsland
zurück befördern. Das betrifft auch die, die gern in USA bleiben wollten.
Zwei Interviews auf dieser Videokassette fanden mit früheren POWs statt, die
nach ihrer Entlassung in Deutschland ihre Auswanderung nach USA beantragt
haben und dann mit ihren Familien nach USA ausgewandert sind.
Dokumentation
Die Lager wurden nach 1946 weitgehend abgerissen. Heute erinnern nur noch
die Ruinen der Lagerwände und -türme sowie einige architektonische
Zeichnungen der Bauten an die früheren Lager. Deshalb haben es sich zwei
sehr aktive UP-Journalisten, John Pepin und Jackie Chandonnet, vor ein paar
Jahren zur Aufgabe gemacht, der geschichtlichen Vergangenheit" dieser Lager
nachzuspüren und ihre Entdeckungen (einschließlich mehrerer Augenzeugen-Interviews)
auf Videokassette mit dem Titel The Enemy in Our Midst" zu bannen. Wie
dringend diese Arbeit war, ist daran zu erkennen, dass seit Herausgabe
dieses Films schon drei der Interviewten nicht mehr unter uns sind.
Die Videokassette (VHS) ist auf Bestellung erhältlich. Sie enthält fast 3
Stunden interessanter Berichte, Interviews mit ehemaligen US-Wachsoldaten,
mit ehemaligen POWs und mit damaligen Einwohnern, sowie einige
Originalfilmaufnahmen aus der damaligen Zeit. Sie enthält viele Aufnahmen
von Restbestandteilen der ehemaligen Lager und von Lageplänen. Der Preis je
Kassette beträgt $42.30, einschließlich VAT (Sales tax) und Versandkosten
(Shipping). Schicken Sie bitte Ihren Scheck oder Ihre "Money Order" an Enemy
VHS, 130 West Munising Avenue, No. 22, Munising, Michigan 49862, Attention:
John Pepin.
Kommentar
Letzten Sommer wurde diese Videokassette in Sault-Ste. Marie bei der Upper
Peninsula History Conference aufgeführt und überraschte selbst viele
Michiganer, die von der Existenz dieser Lager nie gehört hatten.
Es
ist gewiss ein besonderes Erlebnis, diese Art des Lagerlebens betrachten zu
können, speziell wenn man schon andere Kriegsgefangenenlager des zweiten
Weltkriegs erlebt hat.
W. H. Ihlenburg |