05 August, 2008

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Es war 1944 und sie kamen zur Upper Peninsula!

Lager Sidnaw / Gebäude 2005

Obwohl jeder von uns Einwanderern über seinen Weg in die USA seine eigene Geschichte erzählen kann - manche mehr, manche weniger aufregend - sieht es doch noch anders aus, wenn man das Jahr 1944 schreibt und auf seinem Rücken in großen Buchstaben POW (Prisoner Of War bzw. Kriegsgefangener) stehen hat!

Einleitung

Wie viele von uns noch wissen, lief für die USA 1943 der zweite Weltkrieg gegen Deutschland auf vollen Touren: in Italien, Nordafrika und Frankreich. 1945 kamen dann noch die Kämpfe auf deutschem Boden dazu. Ergebnis: Immer mehr deutsche Soldaten wurden zu POWs der US-Armee. Problem: Irgendwo mussten die POWs ja untergebracht werden!

Durch Hinweis eines Freundes wurde der Schreiber dieser Zeilen auf eine neue Video-Kassette mit dem Titel The Enemy in Our Midst" aufmerksam, einen Film über das Leben von 1,100 deutschen POWs, die zwischen 1944-46 in fünf Lagern auf Michigans Oberer Halbinsel (Upper Peninsula oder UP) untergebracht waren (näheres weiter unten).

POW-Lager auf der Upper Peninsula?

Die Lösung bot sich fast von selbst an, denn zur gleichen Zeit war nämlich durch die Kriegsanstrengungen der USA ein Mangel an Holzfällern entstanden, die dringend auf Michigans Oberer Halbinsel (Upper Peninsula oder UP) gebraucht wurden. Diese Arbeitskräfte fällten hier eine spezielle Art von Pulpwood trees", d.h. von Bäumen, die besonders von der amerikanischen Industrie zur Papierherstellung gebraucht wurden. Was lag also näher, als die nach Amerika verschifften deutschen Kriegsgefangenen (POWs) zur UP zu transportieren, dort in Lagern unterzubringen und zum Bäumefällen einzusetzen! Gesagt, getan: Auf der UP wurden von der US-Regierung nach einander fünf POW-Lager errichtet, bzw. existierende Lager, die einst anderen Zwecken (z.B. Civilian Conversation Corp oder CCC) gedient hatten, wiederhergestellt. Anfängliche Einwände der Gewerkschaften gegen den Einsatz von POWs zum Holzfällen wurden regierungsseitig bald überwunden.

Das Lagerleben

Im Februar 1944 trafen die ersten POWs ein, die zunächst mit Liberty-Schiffen den Atlantic überquerten, dann per Eisenbahn zur UP gebracht und auf fünf Lager auf der UP verteilt wurden. Zunächst galt für diese Lager nur die leichte" Sicherheitsstufe, d.h. die Zäune hatten Stacheldraht. Die POWs wurden anfangs täglich mit Bussen vom Lager zur Arbeitsstelle im Pulpwood-Wald und zurück gefahren. Später durften die POWs ihre Lkw gelegentlich auch selbst fahren. An anderen Einsatzpunkten ließ man die Arbeitsgruppen von und zur Arbeitsstelle auch zu Fuß gehen.

Die Anzahl der pro Tag auf vorgeschriebene Länge zuzuschneidenden Stämme war festgelegt und wurde vom Wachpersonal kontrolliert. Pro Tag bekamen die POWs für ihre Arbeit 80 Cent und, als Bonus, gelegentlich eine Runde Bier!

Sonntags kam auf Wunsch ein Pfarrer, der den Gottesdienst abhielt. Die POWs durften auch Fußball spielen, und eine Leihbücherei stand zur Freizeit-Unterhaltung und zur demokratischen Umschulung zur Verfügung.

Eines Tages unternahmen drei POWs den Versuch, aus ihrem Lager zu entkommen. Sie wurden aber ein paar Tage später gefunden und zurück gebracht.

Das menschliche Klima

Die US-Bevölkerung in der Umgebung der Lager wusste zunächst wenig über diese Einrichtungen, da ihre Existenz von der Regierung weitgehend verschwiegen wurde. Diejenigen in der Bevölkerung, die von der Anwesenheit deutscher POWs wussten, hatten zunächst keine gute Meinung über deutsche Soldaten und wurden von den Lagern fern gehalten. Beim Ausladen aus dem Zug mussten die Wachmannschaften die POWs sogar vor der Bevölkerung schützen! Außerdem war die UP-Bevölkerung durch Meldungen der US-Medien beunruhigt und befürchtete damals, dass eines Tages deutsche Flugzeuge oder U-Boote erscheinen und die für die Nation wichtigen Frachttransporte durch die Schleusenanlagen und Wasserwege von Sault Ste. Marie angreifen würden. Zur Abwehr feindlicher Flugzeuge waren Fesselballons angebracht. Angeblich war auch vor der UP-Küste ein deutsches U-Boot gesichtet worden, das sich jedoch später als treibende Boje herausstellte!

Das Barometer steigt

Erstaunlicherweise änderte sich das jedoch bald. So durfte die Bevölkerung die POWs später auch außerhalb der Lager sehen. Außerdem waren die ersten POWs von Rommels Afrikakorps, und einige der US-Wachposten entwickelten ein relativ freundliches Verhältnis zu den POWs. So verrät z. B. einer der interviewten Guards," dass er sich aus Spaß einmal auf einen Ringkampf mit einem der POWs eingelassen hatte! Einige sprachen sehr gut Englisch. Je länger die Wachsoldaten sie kannten, desto mehr entdeckten sie in ihnen eigentlich eher professionelle" Soldaten, die außer einem guten Handwerkstalent meist auch ein gutes Organisationsgeschick besaßen.

Für gute Arbeitsleistungen bekamen die POWs manchmal Ausgang" und durften z. B. angeln gehen! Dort stießen sie oft auf einheimische Angler, mit denen sie sich nett unterhielten, soweit es die Sprache erlaubte, und von denen sie sich auch Angelgeräte leihen durften. Da die POWs natürlich keine Wanderkarten hatten, bot ein amerikanischer Angler einem der POWs sogar seinen Kompass an, den er benutzen durfte, um sich nicht im Wald zu verlaufen!

Eins der Interviews auf der Kassette mit noch lebenden Einwohnern der Gegend lässt erkennen, dass diese, nachdem sie persönlichen Kontakt mit POWs bekamen, z. B. in Ladengeschäften, nach und nach eine freundlichere Meinung gegenüber den Deutschen entwickelt hatten. Einige von ihnen haben nach dem Krieg sogar noch miteinander Schriftwechsel aufrechterhalten, und einige POWs haben später ihre Camps" auf einer Nostalgiereise besucht.

Kriegsende

Im Jahre 1946 wurden die letzten POWs entlassen. Nach dem Genfer Abkommen mussten die USA alle gefangenen, feindlichen Soldaten in ihr Ursprungsland zurück befördern. Das betrifft auch die, die gern in USA bleiben wollten. Zwei Interviews auf dieser Videokassette fanden mit früheren POWs statt, die nach ihrer Entlassung in Deutschland ihre Auswanderung nach USA beantragt haben und dann mit ihren Familien nach USA ausgewandert sind.

Dokumentation

Die Lager wurden nach 1946 weitgehend abgerissen. Heute erinnern nur noch die Ruinen der Lagerwände und -türme sowie einige architektonische Zeichnungen der Bauten an die früheren Lager. Deshalb haben es sich zwei sehr aktive UP-Journalisten, John Pepin und Jackie Chandonnet, vor ein paar Jahren zur Aufgabe gemacht, der geschichtlichen Vergangenheit" dieser Lager nachzuspüren und ihre Entdeckungen (einschließlich mehrerer Augenzeugen-Interviews) auf Videokassette mit dem Titel The Enemy in Our Midst" zu bannen. Wie dringend diese Arbeit war, ist daran zu erkennen, dass seit Herausgabe dieses Films schon drei der Interviewten nicht mehr unter uns sind.

Die Videokassette (VHS) ist auf Bestellung erhältlich. Sie enthält fast 3 Stunden interessanter Berichte, Interviews mit ehemaligen US-Wachsoldaten, mit ehemaligen POWs und mit damaligen Einwohnern, sowie einige Originalfilmaufnahmen aus der damaligen Zeit. Sie enthält viele Aufnahmen von Restbestandteilen der ehemaligen Lager und von Lageplänen. Der Preis je Kassette beträgt $42.30, einschließlich VAT (Sales tax) und Versandkosten (Shipping). Schicken Sie bitte Ihren Scheck oder Ihre "Money Order" an Enemy VHS, 130 West Munising Avenue, No. 22, Munising, Michigan 49862, Attention: John Pepin.

Kommentar

Letzten Sommer wurde diese Videokassette in Sault-Ste. Marie bei der Upper Peninsula History Conference aufgeführt und überraschte selbst viele Michiganer, die von der Existenz dieser Lager nie gehört hatten.

Es ist gewiss ein besonderes Erlebnis, diese Art des Lagerlebens betrachten zu können, speziell wenn man schon andere Kriegsgefangenenlager des zweiten Weltkriegs erlebt hat.

W. H. Ihlenburg

Lager Sidnaw / Wachturm 2005

Deutsche POWs /Sommerkleidung 1944/1945

 

 

Last modified on:07/07/2008

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