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Berlin
(dpa) - Beim Weihnachtsfest in neun Monaten könnte
auf vielen Tafeln ein wichtiges Detail fehlen: der Gänsebraten. Schuld daran
ist die Vogelgrippe - egal ob sie nun auf deutsches Nutzgeflügel übergreift
oder nicht. Viele Gänsemäster überlegen, ob sie in diesem Jahr Gänseküken
aufziehen sollen. Die deutsche Gans könnte zu Weihnachten rar werden", sagt
Ursula Schimmrigk vom Geflügelwirtschaftsverband Brandenburg. Das ist
traurig, denn sie ist doch so etwas wie ein deutsches Kulturgut."
Als problematisch sehen die Züchter vor allem die Stallpflicht an. Das
Eingesperrtsein störe das Paarungsverhalten der Gänse und Enten, erklärt
Irmtraut Jäger von der Helmut Jäger und Söhne GbR in Blüthen (Brandenburg).
Die Tiere brauchen viel Platz - besonders in der Balz." Auch der Zugang zu
Wasser und viel Licht seien wichtig. Stimmten die Bedingungen nicht, gebe es
keine befruchteten Eier und damit auch keine Küken. In der Stallmast sind
die Tiere träge und werden schnell fett."
Ähnlich beurteilt die Landschaftspflege GmbH im brandenburgischen Lenzen die
Lage. Ob neben der dort lebenden Ex-Kanzlergans Doretta auch in diesem Jahr
etwa 800 Gänse auf dem Hof schnattern werden, sei fraglich, sagt der
Lenzener Züchter Hartmut Schulz. Die Tiere müssten Anfang Juni auf die
Weiden, da es ohne Freilandhaltung keine gute Qualität gebe. Bei der
jetzigen Vogelgrippe-Lage werde man deshalb auf die Aufzucht verzichten.
Ohnehin sei es wegen der Paarungsprobleme ungewiss, ob man überhaupt Gössel
(Gänseküken) kaufen könne.
Er
habe schon von einigen Züchtern gehört, dass sie ihre Bestände in diesem
Jahr lediglich halten, nicht aber für Weihnachten aufstocken wollten, sagt
der Vorsitzende des Rassegeflügelverbandes Berlin-Brandenburg, Manfred Luge.
Und einige Züchter geben ganz auf." Dies gelte vor allem für Öko-Betriebe.
Enten und Gänse aus Brandenburg als Weihnachtsbraten werden in diesem Jahr
wohl weitgehend ausfallen." Im Mai vergangenen Jahren waren allein in
Brandenburg noch 862000 Enten und 5800 Gänse durch ihre Gehege gewatschelt.
Profitieren könnten nun die Karpfenzüchter der Region, sagt Luge.
Ohnehin ist der Anteil deutschen Geflügels auf den Festtafeln eher klein:
Von den 32000 Tonnen Gänsefleisch, die im Jahr 2003 in Deutschland verkauft
wurden, kamen nur 4000 Tonnen aus heimischer Produktion. Doch auch die
Lieferungen aus Nachbarländern werden den Mangel an Festtagsbraten in diesem
Jahr kaum ausgleichen können: Die meisten Martins- und Weihnachtsgänse
wurden in den vergangenen Jahren aus Polen und Ungarn geliefert - beide
Länder sind jedoch ebenfalls von der Vogelgrippe betroffen.
In
Polen muss sämtliches Nutzgeflügel im Stall ausharren - mit ähnlichen Folgen
wie hier zu Lande. In Ungarn gilt die Stallpflicht zwar nur im Umkreis der
Fundorte infizierter Tiere, aus Angst vor der Einschleppung der Vogelgrippe
stoppten allerdings viele ausländische Käufer ihre Bestellungen in dem Land.
Nach Angaben des ungarischen Enten- und Gänsezüchterverbands wurden im
vergangenen Jahr mehr als 30000 Tonnen Enten- und Gänsefleisch in die EU
ausgeführt, knapp die Hälfte davon nach Deutschland. Schon im Herbst sank
der ungarische Geflügelexport allerdings wegen der Vogelgrippe um mehr als
zehn Prozent.
Obwohl ebenfalls von der Vogelgrippe betroffen, können die meisten Polen und
Ungarn dem nächsten Weihnachtsfeierlichkeiten kulinarisch unbesorgt entgegen
sehen: In Polen gehören weder Ente noch Gans zum traditionellen Festtagsmenu,
gefragt sind vielmehr Karpfen und Hering. Und auch die Ungarn essen zu
Weihnachten lieber Fisch oder Putenbrust als Ente oder Gans. |