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Berlin
(dpa) - Acht Tage vor dem Endspiel um die Fußball-WM müssen die deutschen
Sportfans ihre Liebe teilen: Jan Ullrich dreht bei der 93. Tour de France
wieder am großen Rad - vielleicht zum letzten Mal.
Der T-Mobile-Kapitän
wird wahrscheinlich erst am 23. Juli beim Finale auf den Champs Elysées
offen legen, ob weiter mit ihm zu rechnen sein wird. Im Jahr eins nach Lance
Armstrong, der ihn in Frankreich fünf Mal bezwang, will Ullrich endlich
seinen zweiten Tour-Sieg nach 1997. Gut möglich, dass der im Dezember 33
Jahre alt werdende Rostocker abtritt, wenn ihm die Gala in Paris nach 3656
Kilometern gelingt. Sein Vertrag läuft zum Jahresende aus und bisher äußerte
er sich mehrdeutig. Vielleicht fahre ich noch ein, zwei Jahre weiter", sagte
Ullrich nach dem Giro d'Italia. Im Monats-Magazin GQ" erklärte er kürzlich:
Das Ideale wäre, mit einem extrem großen, gigantischen Sieg abzutreten."
Das erste Rennen
nach der Tour hat der T-Mobile-Kapitän bereits geplant. Zwei Tage nach dem
Ende der Frankreich-Schleife will Ullrich am 25. Juli beim
Altstadt-Kriterium in Graz an den Start gehen, teilten die österreichischen
Veranstalter mit. Ullrich war auch in den vergangenen beiden Jahren in Graz
gefahren. 2005 musste das Rennen aber wegen heftiger Gewitter abgebrochen
werden.
Fast wie
Kaffeesatzlesen ist Ullrichs sportliche Standortbestimmung zum Tour-Start am
1. Juli in Straßburg. Wieder ein Mal gelang dem beliebtesten deutschen
Radprofi ein Formaufbau mit spannendem Auf und Ab. Wegen einer Kniereizung
stieg er erst bei der schwierigen Tour de Romandie Anfang April in die
Wettkampfsaison 2006 ein. Er quälte sich noch etwas übergewichtig bis ins
Ziel. Gleich im Anschluss beim Giro d'Italia zeigte er einen Aufwärtstrend
und bezwang seinen vermeintlichen Hauptwidersacher bei der Tour, den
Italiener Ivan Basso, mit einem überraschenden Sieg im Zeitfahren. Seine
dritte Vorbereitungs-Rundfahrt in Serie, sein Lieblingsrennen Tour de
Suisse, schloss der Wahlschweizer wie 2004 mit dem Gesamtsieg ab. Dabei
machte er auch bei den Anstiegen eine gute Figur und Appetit auf mehr.
Dass in Ullrichs
Umfeld wieder von einer Super-Form wie 1997 oder 2003" (Teamchef Rudy
Pevenage) geredet wird, sollte vielleicht nicht zu hoch bewertet werden. Das
gehört inzwischen zum Ritual. Aber die Indizien deuten darauf hin, dass der
einzige noch aktive Toursieger im Peloton dem überlegenen Giro-Gewinner
Basso tatsächlich einen heißen Kampf liefern wird.
Der Italiener, der
das Double anstrebt, das zuletzt seinem inzwischen gestorbenen Landsmann
Marco Pantani gelang, ist im Schatten von Armstrong groß geworden. 2004
wurde Basso in Paris Dritter, im Vorjahr Zweiter. Jedes Mal ließ er dabei
Ullrich hinter sich. Vielleicht entscheidet nicht nur die Stärke der Team-
Kapitäne, sondern auch die Güte der Mannschaften T-Mobile und CSC über den
Ausgang der Tour, die ohne den Dominator aus Texas auf jeden Fall mehr
Spannung als in den vergangenen Jahren verspricht.
Mindestens eine
Hand voll Fahrer haben die Möglichkeit, das von vielen prognostizierte Duell
zu verhindern. Gerade wegen des vakanten Platzes auf dem Tour-Chefsessel
sind Überraschungen für die 20 Etappen programmiert. Dafür wollen Ullrichs
früherer Mannschaftskollege Alexander Winokurow - wenn er wegen der
Verstrickung seines Team- Managers in die spanische Doping-Affäre starten
darf -, der spanische ProTour-Spitzenreiter Alejandro Valverde und die
Amerikaner Floyd Landis, Levi Leipheimer (von Gerolsteiner) und George
Hincapie sorgen. Auch der nach der Doping- Affäre um Roberto Heras
nachträglich zum Vuelta-Sieger 2005 erklärte Denis Mentschow (Russland) und
der Spanier Francesco Mancebo schielen auf das Gelbe Trikot.
Mein größter
Wunsch ist noch ein Mal der Toursieg", versichert Ullrich, der die letzten
Tage vor der Anreise am kommenden Mittwoch vor seiner Haustür am Bodensee
die finalen Trainingseinheiten einlegt. Die ersten 23 Tage im Juli werden
zeigen, ob Form und Motivation diesmal reichen, die Konkurrenz in die Knie
zu zwingen. Sein ehemaliger Teamkollege Bobby Julich, jetzt wichtiger Basso-
Helfer, bezweifelt die rechte Einstellung seines Ex-Chefs: Jan gibt das
Minimum, um das Maximum zu erreichen. Er liebt nicht, was er tut." |