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Turin
(dpa) - Zwölf Jahre nach den glanzvollen Tagen von Lillehammer kehren die
Olympischen Winterspiele an ihren Ursprung zurück. Nach Asien mit Nagano
1998 sowie Nordamerika mit Salt Lake City 2002 ist Europa mit Turin wieder
Gastgeber der großen sportlichen Leistungsschau auf Eis und Schnee. Obwohl
auch einen Monat vor der Eröffnungsfeier am 10. Februar im Stadio Comunale"
bei den unterkühlten Norditalienern nur wenig olympische Begeisterung zu
spüren war und nur die Maskottchen Neve" und Gliz" allgegenwärtig waren, gab
sich der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques
Rogge, optimistisch: Ich bin sicher, dass Turin und die Berge mit Beginn der
Spiele erwachen getreu ihrem Slogan ,Hier lebt die Leidenschaft'".
Leicht wird das
nicht. Hat das IOC mit der Vergabe der Spiele an die Industriemetropole am
Po doch nicht nur den Trend zu Winter- Olympia in Großstädten fortgesetzt.
Vielmehr steht angesichts der topographischen Gegebenheiten zu befürchten,
dass die XX. Winterspiele zu zwei Veranstaltungen werden: die in der 900000-
Einwohner-Stadt Turin mit allen Hallen-Wettbewerben auf Eis und jene in der
Bergregion um Sestriere mit allen Entscheidungen auf Schnee. Rund 100
Kilometer liegen zwischen Turin und Sestriere, und nur eine enge,
zweispurige Straße windet sich in die Höhe von 2000 Metern. Ist diese dicht,
geht nichts mehr: Einen Plan B" hat das Organisationskomitee TOROC nicht.
Vorsorglich wurde bereits die Zahl der zugelassenen Zuschauer reduziert.
Sicher ist, dass
die zweiten Winterspiele in Italien nach Cortina d'Ampezzo 1956 als die
ersten Flutlicht-Spiele" in die olympische Geschichte eingehen werden. 46
der 84 Entscheidungen fallen an den 17 olympischen Tagen bis zum 26. Februar
nach 17.00 Uhr. Hohe Einschaltquoten versprechen sich von Goldmedaillen in
der Hauptsendezeit auch die öffentlich-rechtlichen Fernseh-Anstalten ARD und
ZDF, die täglich im Wechsel übertragen und insgesamt 350 Live- Stunden
produzieren. In mehr als 170 Ländern flimmern die Winterspiele über den
Bildschirm und spülen Organisatoren, IOC und Internationalen Sportverbänden
allein vom US-Fernsehen NBC und den europäischen EBU-Anstalten Einnahmen von
748 Millionen Dollar in die Kasse. Welche Entwicklung seit Cortina! Damals
zahlte das Organisationskomitee dem Staats-TV RAI noch umgerechnet zwei
Millionen Mark für den Aufbau der technischen Anlagen.
Fast ungebremst
geht - trotz aller gegenteiligen Bekundungen des IOC - die Ausweitung der
Spiele weiter. In Turin wird das Programm gegenüber Salt Lake City noch
einmal um sechs Medaillen-Wettbewerbe - auf 84 in 15 Disziplinen - erweitert:
Team-Entscheidungen im Eisschnelllauf und Langlauf-Sprint, das Cross-Rennen
der Snowboarder und der Massenstart im Biathlon stehen erstmals im Programm.
Nur die Langläufer mussten dafür ein Einzelrennen opfern. Rund 2500 Sportler
(Salt Lake City: 2399) aus 80 Ländern (Salt Lake City: 77) werden im Piemont
erwartet und in drei Olympischen Dörfern von Turin, Sestriere und
Bardonecchia untergebracht.
Dort droht denen
Ungemach, die unredlich sportlichen Lorbeer erringen wollen. Das strenge
italienische Anti-Doping-Gesetz lässt neben Gefängnisstrafen für Doping-Sünder
auch Razzien in den Olympischen Dörfern zu und damit einen Eingriff in
bisher unbestrittenes Hoheitsgebiet des IOC. Rogge ist in der
Auseinandersetzung mit der römischen Regierung gescheitert, für die Zeit der
Spiele eine Aussetzung dieser Gesetze zu erreichen. Das IOC versteht sich
bei Olympia als alleiniger Herr des Verfahrens bei der Beurteilung und
Sanktionierung von Doping-Vergehen. Festgelegt ist, dass vor und während der
Spiele 1200 vom IOC veranlasste Kontrollen (45 Prozent mehr als 2002) auf
alle Substanzen vorgenommen werden, die auf der Verbotsliste der
Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) stehen.
Ähnlich wie die
USA 2002 nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist der
italienische Staat, der angesichts der Amerika-freundlichen Haltung der
Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi seit längerem als
Zielobjekt islamischer Terroristen gilt, besonders bei den
Sicherheitsvorkehrungen gefordert. Rund 9000 Polizisten sollen eingesetzt
werden, 2500 Soldaten stehen zudem bereit. Der Luftraum und
Terrorverdächtige im In- und Ausland werden überwacht. Über konkrete
Maßnahmen schweigt sich Rom aber ebenso aus wie über die Kosten.
Mit den eigenen
Ausgaben hatte TOROC bis zuletzt zu kämpfen. Vor allem deshalb wurde Mario
Pescante, der schärfste Rivale von Thomas Bach bei der Wahl eines
Vizepräsidenten auf der IOC-Vollversammlung vom 7. bis 10. Februar in Turin,
von Rom als Aufpasser eingesetzt. Erst vier Wochen vor Beginn der Spiele
wurde der TOROC-Etat von 1,3 Milliarden Euro endgültig abgesegnet und dies,
obwohl TOROC-Präsident Valentino Castellani kurz zuvor eingeräumt hatte,
dass 30 Millionen fehlen. Die Summe könnte sich noch erhöhen, denn der
Kartenverkauf lief äußerst schleppend. Mitte Februar waren erst gut 600000
der eine Million Tickets verkauft. Castellani hofft aber auf den Absatz
weiterer 200000 Karten: Italiener kaufen nicht zwei, drei Monate vorher."
Große Ansprüche
werden von Öffentlichkeit, Medien, Nationalem Olympischen Komitee (NOK) und
den Sportlern selbst an das deutsche Team gestellt, das voraussichtlich die
Rekordzahl von 165 bis 170 Aktiven umfasst. Ich hoffe, dass wir in Turin
unser selbst gestecktes Ziel erreichen, nämlich die Top-Position in der
Nationenwertung", hat NOK-Präsident Klaus Steinbach den Anspruch eindeutig
formuliert. Das Selbstvertrauen basiert auf den großartigen Ergebnissen in
der vergangenen Saison und im laufenden Winter. Dazu kommt die Gewissheit,
dass im Wintersport das deutsche Leistungssportsystem funktioniert.
Nach Platz eins im
Medaillenspiegel von Nagano hatte Deutschland in Salt Lake City den Platz an
der Sonne mit 12 Mal Gold, 16 Mal Silber und 8 Mal Bronze und der
olympischen Rekordzahl von 36 Medaillen nur deshalb an Norwegen (13/5/7)
verloren, weil die Skandinavier nach der Doping-Disqualifikation des für
Spanien startenden Langläufers Johann Mühlegg zwei weitere Goldmedaillen am
Grünen Tisch" gewannen. Viel spricht dafür, dass es auch in diesem Jahr zu
einem Duell um Platz eins im Welt-Wintersport zwischen Deutschland und
Norwegen - mit Kanada, dem wiedererstarkten Russland und den USA als
Herausforderer - kommen wird.
Entscheidende
Bedeutung kommt dabei Biathleten und Langläufern zu. Können Sven Fischer,
Ricco Groß und Co. Ole-Einar Björndalen Paroli bieten? Oder katapultiert
sich der Norweger mit einem ähnlich totalen Triumph wie 2002 mit damals vier
Siegen sogar vorbei an seinem Landsmann Björn Dählie (8/4/-) als
erfolgreichstem Teilnehmer aller Winterspiele? Halten Jochen Behles
Langläufer um Ex-Weltmeister Axel Teichmann der norwegischen Garde stand?
Zu den großen
Hoffnungen zählen auch Doppel-Weltmeister Ronny Ackermann in der Nordischen
Kombination und die Rodler um Sylke Otto und Georg Hackl. Der
Berchtesgadener, der sich den Olympia- Teilnehmern auch bei der Wahl als
Athletenvertreter ins IOC stellt, hatte nach zahlreichen Verletzungen wieder
die Hoffnung, nach drei Mal Gold (1992/1994/1998) und zwei Mal Silber
(1988/2002) die Einmaligkeit von einer Medaille bei sechs aufeinander
folgenden Winterspielen zu schaffen.
Natürlich blickt
auch alles auf die Eisschnellläuferinnen, die auf Siege abonniert sind: Anni
Friesinger und Claudia Pechstein, die ihren Platz an der Spitze der
erfolgreichsten deutschen Winter- Olympioniken (4/1/2) ausbauen kann. Und
weil die deutschen Athleten in die meisten Wettbewerbe mit Chancen gehen,
ist es nicht einmal ausgeschlossen, dass sie mit bisher 108 Gold-, 104
Silber- und 88 Bronzemedaillen sogar Russland (113/91/78) vom ersten Platz
des ewigen Medaillenspiegels" verdrängen. Prominente Jubler haben sich in
Bundespräsident Horst Köhler, Sportminister Wolfgang Schäuble und
Verteidigungsminister Franz Josef Jung bereits angesagt. |