26 July, 2010

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Winter-Olympia wieder in Europa Deutsche wollen in Turin Krone zurück

Wahrzeichen Turins: Nicht aus dem Stadtbild der Po-Metropole wegzudenken ist der 167 Meter hohe Mole Antonelliana, im Hintergrund schneebedeckte Berge.

Turin (dpa) - Zwölf Jahre nach den glanzvollen Tagen von Lillehammer kehren die Olympischen Winterspiele an ihren Ursprung zurück. Nach Asien mit Nagano 1998 sowie Nordamerika mit Salt Lake City 2002 ist Europa mit Turin wieder Gastgeber der großen sportlichen Leistungsschau auf Eis und Schnee. Obwohl auch einen Monat vor der Eröffnungsfeier am 10. Februar im Stadio Comunale" bei den unterkühlten Norditalienern nur wenig olympische Begeisterung zu spüren war und nur die Maskottchen Neve" und Gliz" allgegenwärtig waren, gab sich der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, optimistisch: Ich bin sicher, dass Turin und die Berge mit Beginn der Spiele erwachen getreu ihrem Slogan ,Hier lebt die Leidenschaft'".

Leicht wird das nicht. Hat das IOC mit der Vergabe der Spiele an die Industriemetropole am Po doch nicht nur den Trend zu Winter- Olympia in Großstädten fortgesetzt. Vielmehr steht angesichts der topographischen Gegebenheiten zu befürchten, dass die XX. Winterspiele zu zwei Veranstaltungen werden: die in der 900000- Einwohner-Stadt Turin mit allen Hallen-Wettbewerben auf Eis und jene in der Bergregion um Sestriere mit allen Entscheidungen auf Schnee. Rund 100 Kilometer liegen zwischen Turin und Sestriere, und nur eine enge, zweispurige Straße windet sich in die Höhe von 2000 Metern. Ist diese dicht, geht nichts mehr: Einen Plan B" hat das Organisationskomitee TOROC nicht. Vorsorglich wurde bereits die Zahl der zugelassenen Zuschauer reduziert.

Sicher ist, dass die zweiten Winterspiele in Italien nach Cortina d'Ampezzo 1956 als die ersten Flutlicht-Spiele" in die olympische Geschichte eingehen werden. 46 der 84 Entscheidungen fallen an den 17 olympischen Tagen bis zum 26. Februar nach 17.00 Uhr. Hohe Einschaltquoten versprechen sich von Goldmedaillen in der Hauptsendezeit auch die öffentlich-rechtlichen Fernseh-Anstalten ARD und ZDF, die täglich im Wechsel übertragen und insgesamt 350 Live- Stunden produzieren. In mehr als 170 Ländern flimmern die Winterspiele über den Bildschirm und spülen Organisatoren, IOC und Internationalen Sportverbänden allein vom US-Fernsehen NBC und den europäischen EBU-Anstalten Einnahmen von 748 Millionen Dollar in die Kasse. Welche Entwicklung seit Cortina! Damals zahlte das Organisationskomitee dem Staats-TV RAI noch umgerechnet zwei Millionen Mark für den Aufbau der technischen Anlagen.

Fast ungebremst geht - trotz aller gegenteiligen Bekundungen des IOC - die Ausweitung der Spiele weiter. In Turin wird das Programm gegenüber Salt Lake City noch einmal um sechs Medaillen-Wettbewerbe - auf 84 in 15 Disziplinen - erweitert: Team-Entscheidungen im Eisschnelllauf und Langlauf-Sprint, das Cross-Rennen der Snowboarder und der Massenstart im Biathlon stehen erstmals im Programm. Nur die Langläufer mussten dafür ein Einzelrennen opfern. Rund 2500 Sportler (Salt Lake City: 2399) aus 80 Ländern (Salt Lake City: 77) werden im Piemont erwartet und in drei Olympischen Dörfern von Turin, Sestriere und Bardonecchia untergebracht.

Dort droht denen Ungemach, die unredlich sportlichen Lorbeer erringen wollen. Das strenge italienische Anti-Doping-Gesetz lässt neben Gefängnisstrafen für Doping-Sünder auch Razzien in den Olympischen Dörfern zu und damit einen Eingriff in bisher unbestrittenes Hoheitsgebiet des IOC. Rogge ist in der Auseinandersetzung mit der römischen Regierung gescheitert, für die Zeit der Spiele eine Aussetzung dieser Gesetze zu erreichen. Das IOC versteht sich bei Olympia als alleiniger Herr des Verfahrens bei der Beurteilung und Sanktionierung von Doping-Vergehen. Festgelegt ist, dass vor und während der Spiele 1200 vom IOC veranlasste Kontrollen (45 Prozent mehr als 2002) auf alle Substanzen vorgenommen werden, die auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) stehen.

Ähnlich wie die USA 2002 nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist der italienische Staat, der angesichts der Amerika-freundlichen Haltung der Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi seit längerem als Zielobjekt islamischer Terroristen gilt, besonders bei den Sicherheitsvorkehrungen gefordert. Rund 9000 Polizisten sollen eingesetzt werden, 2500 Soldaten stehen zudem bereit. Der Luftraum und Terrorverdächtige im In- und Ausland werden überwacht. Über konkrete Maßnahmen schweigt sich Rom aber ebenso aus wie über die Kosten.

Mit den eigenen Ausgaben hatte TOROC bis zuletzt zu kämpfen. Vor allem deshalb wurde Mario Pescante, der schärfste Rivale von Thomas Bach bei der Wahl eines Vizepräsidenten auf der IOC-Vollversammlung vom 7. bis 10. Februar in Turin, von Rom als Aufpasser eingesetzt. Erst vier Wochen vor Beginn der Spiele wurde der TOROC-Etat von 1,3 Milliarden Euro endgültig abgesegnet und dies, obwohl TOROC-Präsident Valentino Castellani kurz zuvor eingeräumt hatte, dass 30 Millionen fehlen. Die Summe könnte sich noch erhöhen, denn der Kartenverkauf lief äußerst schleppend. Mitte Februar waren erst gut 600000 der eine Million Tickets verkauft. Castellani hofft aber auf den Absatz weiterer 200000 Karten: Italiener kaufen nicht zwei, drei Monate vorher."

Große Ansprüche werden von Öffentlichkeit, Medien, Nationalem Olympischen Komitee (NOK) und den Sportlern selbst an das deutsche Team gestellt, das voraussichtlich die Rekordzahl von 165 bis 170 Aktiven umfasst. Ich hoffe, dass wir in Turin unser selbst gestecktes Ziel erreichen, nämlich die Top-Position in der Nationenwertung", hat NOK-Präsident Klaus Steinbach den Anspruch eindeutig formuliert. Das Selbstvertrauen basiert auf den großartigen Ergebnissen in der vergangenen Saison und im laufenden Winter. Dazu kommt die Gewissheit, dass im Wintersport das deutsche Leistungssportsystem funktioniert.

Nach Platz eins im Medaillenspiegel von Nagano hatte Deutschland in Salt Lake City den Platz an der Sonne mit 12 Mal Gold, 16 Mal Silber und 8 Mal Bronze und der olympischen Rekordzahl von 36 Medaillen nur deshalb an Norwegen (13/5/7) verloren, weil die Skandinavier nach der Doping-Disqualifikation des für Spanien startenden Langläufers Johann Mühlegg zwei weitere Goldmedaillen am Grünen Tisch" gewannen. Viel spricht dafür, dass es auch in diesem Jahr zu einem Duell um Platz eins im Welt-Wintersport zwischen Deutschland und Norwegen - mit Kanada, dem wiedererstarkten Russland und den USA als Herausforderer - kommen wird.

Entscheidende Bedeutung kommt dabei Biathleten und Langläufern zu. Können Sven Fischer, Ricco Groß und Co. Ole-Einar Björndalen Paroli bieten? Oder katapultiert sich der Norweger mit einem ähnlich totalen Triumph wie 2002 mit damals vier Siegen sogar vorbei an seinem Landsmann Björn Dählie (8/4/-) als erfolgreichstem Teilnehmer aller Winterspiele? Halten Jochen Behles Langläufer um Ex-Weltmeister Axel Teichmann der norwegischen Garde stand?

Zu den großen Hoffnungen zählen auch Doppel-Weltmeister Ronny Ackermann in der Nordischen Kombination und die Rodler um Sylke Otto und Georg Hackl. Der Berchtesgadener, der sich den Olympia- Teilnehmern auch bei der Wahl als Athletenvertreter ins IOC stellt, hatte nach zahlreichen Verletzungen wieder die Hoffnung, nach drei Mal Gold (1992/1994/1998) und zwei Mal Silber (1988/2002) die Einmaligkeit von einer Medaille bei sechs aufeinander folgenden Winterspielen zu schaffen.

Natürlich blickt auch alles auf die Eisschnellläuferinnen, die auf Siege abonniert sind: Anni Friesinger und Claudia Pechstein, die ihren Platz an der Spitze der erfolgreichsten deutschen Winter- Olympioniken (4/1/2) ausbauen kann. Und weil die deutschen Athleten in die meisten Wettbewerbe mit Chancen gehen, ist es nicht einmal ausgeschlossen, dass sie mit bisher 108 Gold-, 104 Silber- und 88 Bronzemedaillen sogar Russland (113/91/78) vom ersten Platz des ewigen Medaillenspiegels" verdrängen. Prominente Jubler haben sich in Bundespräsident Horst Köhler, Sportminister Wolfgang Schäuble und Verteidigungsminister Franz Josef Jung bereits angesagt.

 

 

Last modified on:07/07/2008

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