15 July, 2008

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Traumatisierten Menschen droht Gedächtnisverlust

Von Frauke Böger

Bielefeld (dpa) - Wie alt bin ich? Bin ich verheiratet? Wo bin ich zur Schule gegangen und was ist mein Beruf? Retrograde Amnesie" heißt der Verlust von Erinnerungen an Vergangenes. Ein solcher Gedächtnisverlust kann nach einem Unfall oder einem Schlaganfall eintreten.

Aber auch dauerhafter Stress, Angst oder Depression können Auslöser für eine Amnesie sein, wie Prof. Hans-Joachim Markowitsch von der Universität Bielefeld herausfand. Besonders betroffen bei einer solchen psychogenen Amnesie ist das autobiographische Gedächtnis.

In der Bielefelder Gedächtnis-ambulanz untersuchen der Neuro-psychologe und sein Team bis zu 50 Patienten im Jahr. Negativer Stress hat Auswirkungen auf das Gehirn und Gedächtnisverlust ist eine der möglichen Konsequenzen. Besonders junge Menschen zwischen 20 und 35 Jahren sind davon betroffen. Ursache dafür sind vermutlich die ersten Rückschläge im Erwachsenenalter und Orientierungslosigkeit", sagte Markowitsch. Wie viele Menschen in Deutschland betroffen seien, könne nicht genau ermittelt werden, weil es in vielen Faällen falsche Diagnosen gebe - im Ergebnis landen die Betroffenen dann in einer Psychiatrie.

Vor allem traumatisierte Menschen seien in der Gefahr eines Gedächtnisverlustes. Negative Kindheitserlebnisse oder zum Beispiel Kriegserfahrungen im Erwachsenenalter erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer psychoge-nen Amnesie", sagte Markowitsch. Im Falle von akutem Stress oder psychischem Druck könne das Gedächtnis mit einer Blockade reagieren. Die Erinnerungen an die eigene Lebensgeschichte seien zwar nicht gelöscht, aber nicht mehr abrufbar. Das sei wie eine Schutzfunktion, damit das Gehirn nicht unter der Belastung zusammenbreche.

Ein Beispiel sind Patienten, die die so genannte Wanderlust" ergreift. Diese Menschen stehen häufig unter einem permanenten Druck bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Hirn diesen Zustand nicht mehr aushält und blockiert. Wir hatten einen Mann hier, der, anstatt Brötchen zu holen, wie er es eigentlich vorhatte, mit seinem Fahrrad bis nach Paris gefahren ist. Er konnte sich an nichts mehr erinnern, nicht mal seinen eigenen Namen", berichtete Markowitsch. Im Laufe einer Therapie stellte sich heraus, dass der Mann sein gesamtes Leben lang unter enormem Leistungsdruck gestanden hatte.

Für solche Phänomene suchen Markowitsch und sein Team Erklärungen auf der neurologischen Ebene. Bei Stress wie zum Beispiel dem Posttraumatischen Stress Syndrom (PTSD) schrumpft das Gehirn in dem Bereich, in dem Emotionen und Kognition zusammenlaufen. Dort haben Stresshormone die meisten Rezeptoren und dort entsteht die biographische Erinnerung. Die Kopplung dieser beiden Funktionen gelingt nicht mehr und dann kann es zu einer Gedächtnisblockade kommen." Die Hirnfunktion werde sozusagen heruntergefahren.

Mithilfe einer Therapie können Erinnerungen manchmal wieder aktiviert werden. Zur Zeit werden die Patienten zwar, sofern sie es wünschen, psychotherapeutisch begleitet, aber eine wirkliche Therapie im Sinne von Heilungsverbesserung gibt es nicht", sagte Nadine Reinhold von der Bielefelder Gedächtnisambulanz. In einigen Fällen kommt es spontan zu einer Wiederkehr der Erinnerungen, andere Patienten finden sich damit ab und beginnen ein neues Leben"." Auffällig in diesen Fällen: eine emotionale Verflachtheit" dieser Patienten.

Markowitsch bekräftigte aktuelle Erkenntnisse der Hirnforschung, nach denen unser Gedächtnis gepflegt werden kann: Untersuchungen an gesunden Personen haben ergeben, dass das Gehirn wie der Körper beim Bodybuilding trainiert werden kann. Ein aktives und ausgeglichenes Leben ist gut für das Gehirn. Inaktives Leben birgt zumindest die Gefahr eines früheren Ausbruchs von Krankheiten wie Alzheimer oder Depressionen." Traumata aus der Kindheit können nicht korrigiert werden, aber die Gefahr, sich selbst zu vergessen, sinkt.

 

 

Last modified on:07/07/2008

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