|
Von Brita Janssen, dpa
Hamburg (dpa) - Keine Kunstsparte
musste an den deutschen Bühnen in den vergangenen Jahren so viel Federn
lassen wie der Tanz. Ensembles wurden ausgedünnt, ganze Kompanien aufgelöst.
Die von Subventionskürzungen oft hart getroffenen Theater sparten häufig am
Ballett, das auf Grund überalterter Strukturen nur an den führenden Häusern
über eine vergleichbare künstlerische, finanzielle und personelle
Selbstständigkeit verfügt wie die Sparten Schauspiel oder Oper. Und obwohl
sich die Lage noch nicht konsolidiert hat, herrscht in der Szene
Aufbruchstimmung. Neue Modelle der Zusammenarbeit sind entstanden, aus der
Kulturpolitik kommt Rückenwind, und mit der Gründung des bundesweiten
Netzwerkes Ständige Konferenz Tanz vor Kurzem in Berlin ist die sprachlose
Kunst dabei, die Stimme zu erheben.
Der Vorstand der Bundesdeutschen Ballett- und Tanzdirektoren- Konferenz (BBTK)
und Direktor des aalto-ballett-theaters in Essen, Professor Martin Puttke,
macht sich vor allem für eines stark: Die Tanzkunst muss auch strukturell
autonom werden. Die Kreativität der Kunstsparte ist enorm, fast jede
Aufführung ist eine Uraufführung, der Zuschauerandrang ist häufig größer als
bei der Oper, aber all das spiegelt sich nicht in der Struktur wider."
Abgesehen von den großen Kompanien in Stuttgart mit Reid Anderson als
Ballettchef, in Hamburg mit John Neumeier, in Essen, in Berlin mit Vladimir
Malakhov oder in München mit Ivan Liska an der Spitze ist das Ballett in
Deutschland an den Mehrspartenhäusern fast überall dem Generalintendanten
aus der Oper unterstellt. Im Zweifelsfall zieht da das Ballett immer den
Kürzeren", meint der Betriebsleiter des Balletts der Deutschen Oper am Rhein
und Sprecher der BBTK, Oliver Königsfeld. Der Grund: Früher war das Ballett
lediglich schmückendes Beiwerk für Einlagen in der Oper - dass längst eine
eigene, überaus facettenreiche Kunstsparte mit hoch qualifizierten Tänzern
und Choreografen daraus entstanden ist, wurde in der Verwaltungsstruktur nie
umgesetzt.
Eine Gefahr sieht Königsfeld in der ständigen Verkleinerung von Kompanien an
großen Häusern: Klassiker wie Schwanensee", die die Kassen füllen, sind mit
weniger als 42 Tänzern nicht machbar. Mit experimentellen Stücken aber hat
das Publikum noch immer Schwierigkeiten."
Genau das betrachtet Ralf Rossa, Ballettdirektor am Opernhaus Halle, als
Problem: Es gibt generell einen konservativen Ruck in der Ballettwelt",
meint der 47-jährige Choreograf und Chef von 24 Tänzern. Er bemüht sich
trotz Erfolgdrucks, pro Spielzeit einen Hit" wie Dornröschen" und eine
Uraufführung mit moderner Musik zu bieten. Dass er dem Opernchef unterstellt
ist, hat für ihn auch Vorteile: Ich muss mich nicht um so viel
Verwaltungskram kümmern und kann mich mehr der künstlerischen Arbeit widmen."
Ein kulturpolitischer Hoffnungsschimmer ist für ihn der Tanzplan
Deutschland", der mit seinen Fördermillionen die öffentliche Anerkennung der
Tanzkunst auf Bundesebene stärken soll.
Schwellenängste abzubauen und Sehen zu lehren sind wichtige Anliegen der
Direktorin vom Tanztheater am Staatstheater Nürnberg, Daniela Kurz. Die
vielfach ausgezeichnete Choreografin hat ein eigenes Produktionsbudget und
leitet 16 Tänzer an. Für eine gute Zusammenarbeit im Haus müssen die
Spielregeln klar sein", sagt sie. Mit ihrer Truppe hat sie in extrem harter
Arbeit" und ausgefallenen Projekten ein eigenes Profil entwickelt, die
Arbeit in der freien Szene hat ihr dabei geholfen. Sie sieht optimistisch in
die Zukunft: Der Neuanfang und die Behauptung der Tanzkunst nach den
desaströsen Sparmaßnahmen liefert Energie, auf der man aufbauen kann."
Einen ganz neuen Weg ist das Schauspielhaus Köln gegangen: Dort ist seit
Januar 2005 als völlig selbstständige GmbH die Pretty Ugly Group von Amanda
Miller mit acht Tänzern beheimatet. Sie bietet der Stadt 30 Vorstellungen
pro Spielzeit, hat Zugriff auf Werkstätten und Öffentlichkeitsarbeit, muss
aber Kostüme, Bühnenbildner und Musiker selber zahlen. Finanziert wird die
risikofreudige Truppe durch private, städtische und selbst erwirtschaftete
Mittel. Das geht nur mit einem sehr erfahrenen, verantwortungsbewussten
Team", sagt Geschäftsführer Uwe Möller.
Völlig andere Probleme gibt es an dem aus drei Ensembles gebildeten Berliner
Staatsballett, mit 88 Tänzern das größte Tanzensemble Deutschlands.
Doch die stellvertretende Intendantin und Betriebsdirektorin von Malakhov,
Christiane Theobald, betont : Wir sitzen alle im selben Boot und müssen uns
endlich vernetzen." Der Tanzplan Deutschland", der Erfolg des verfilmten
Berliner Projekts Rhythm is it" von Royston Maldoom, das Tanz wieder
öffentlich zum Thema machte, und die Ständige Konferenz Tanz machen ihr Mut.
Wenn wir die Kräfte bündeln, steckt eine ungeheure Power in der Szene. Im
Moment gibt es eine fast berauschende Aufbruchstimmung." |