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München
(dpa) - Nur wenn das Aggregat läuft, beim Melken in der Früh, kann Nina
Radio hören. Sonst ist Stille." Stille auf 1200 Metern ?- nur untermalt vom
Glockengeläut der Kühe, mit denen die 22-Jährige die Wasserfallalm hoch über
dem Königssee in den Berchtesgadener Alpen bewohnt.
Nina ist Sennerin. Den ganzen Sommer über liegt das Wohl von acht Milchkühen
und neun Kälbern in ihren Händen. Für die Sportstudentin ist ein Traum wahr
geworden. Ich bin mehr hier oben daheim, als da herunten", versichert die
junge Frau, als sie sich am frühen Abend endlich einmal auf die Bank vor
ihrer Alm setzen kann. Nina gehört zu den etwa 350 Sennern und Sennerinnen,
die in diesem Sommer in Oberbayern auf den Almhütten arbeiten.
Da
herunten" meint nicht nur das Haus im Tal, in dem die Familie den Winter
verbringt. Es meint auch die Uni Salzburg, an der Nina Strobl
Sportwissenschaft studiert, die Kommilitonen, die sie verständnislos die
Heidi von der Alm" nennen. Da herunten" meint eine Welt, in der
Markenkleidung und Beachvolleyball wichtig sind.
Freizeit ist in diesem Sommer beinahe ein Fremdwort für Nina. Ich stehe um
vier Uhr auf und hol´ die Kühe", erzählt die junge Frau mit den strahlend
grünen Augen. Das Melken dauert bis neun Uhr. Pro Kuh gut 20 Liter, das sind
200 Liter Milch am Tag. Die kräftigen Arme der Sennerin sprechen für sich.
Die frisch gemolkene Milch wird erhitzt, mit Buttermilch geimpft und
eingelabt. Dann hat sie ein paar Stunden Zeit, um fest zu werden. Und Nina
hat ein paar Stunden, um für die nächsten Uni-Prüfungen zu lernen.
Später tauscht sie Gummistiefel und Latzhose gegen Caprihose und Top ein.
Aus der Sennerin wird die Wirtin, die sich sich bis Mitternacht um die Gäste
kümmert ? und nebenbei Käse und Butter macht sowie das Vieh versorgt. Gegen
Nachmittag kommen die ersten Gäste. So wie Hermann Geitner, der mit seiner
Frau wie fast jeden Sonntag seit über 30 Jahren, in den Bergen rund um
Jenner und Watzmann wandern war. Ich hab´ Erfahrung mit Sennerhütten. Aber
die Nina, so als junge Sennerin, macht einen hervorragenden Käse", sagt
Geitner und deutet auf den würzigen Topfenkäse, von dem nur noch Reste übrig
sind.
Ihre Eltern führen seit 17 Jahren das von ihnen häufig besuchte
Schneibsteinhaus 100 Meter unterhalb des Jenners. Hier hat Nina jeden Sommer
ihrer Kindheit verbracht und die Berge lieben gelernt. Wenn wir im Frühling
wieder hinaufgefahren sind, ging mir immer das Herz auf", sagt die
Berchtesgadenerin und schaut zum Watzmann hinüber, der sich gegenüber ihrer
Alm erhebt. Die Berge haben etwas, was einen nicht mehr los lässt. Hier oben
läuft die Zeit ein wenig langsamer."
Von der Idylle des Hochgebirgs-Nationalparks angezogen, hängte Nina ihren
Restaurant-Job an den Nagel und bat die Besitzer der Wasserfallalm um einen
Job als Sennerin. Die freuten sich über Ninas Anfrage. Letztes Jahr haben
wir ewig nach einer Sennerin gesucht", erzählt Sylvia Stangassinger.
An
manchen Abenden, wenn Freunde zu Besuch kommen, sitzen sie bis spät zusammen
und ratschen. Ob ihr diese geselligen Abende lieber sind oder die ruhigen
regnerischen Tage ohne Besuch, weiß sie nicht genau. Was die Sennerin mit
dem fertigen Tourismusstudium ganz genau weiß, das ist, wie sie einmal leben
wird: In sieben Jahren läuft der Pachtvertrag ihrer Eltern für das
Schneibsteinhaus aus. Dann wird Nina dort einsteigen, geführte Wanderungen,
Wellnesspro-gramme und Motivationstrainings anbieten und ihren Bergen treu
bleiben. |