30 June, 2008

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Früher war der Schneemann furchtbar

Zum Anbeißen: Marzipanschneemänner.

Starr glotzen seine Kohleaugen in die Schneelandschaft, die Mundwinkel ziehen sich grimmig nach unten und manchmal fletscht er sogar die Zähne: Kein Zweifel - früher war der Schneemann furchtbar.

Die ganze Kulturgeschichte des wandelbaren Winterhelden, der heute nur noch als possierlich-kugeliger Geselle für alles Mögliche vom Sockenmotiv bis zum Christbaumschmuck vermarktet wird, ist bis 12. Februar im Museums Zons bei Dormagen (Nordrhein-Westfalen) präsentiert.

Die mehr als 200 Exponate aus fast 250 Jahren vom Marzipan-Schneemann bis zur Buchillustration, von der politischen Karikatur bis zur Schneemann-Uhr, stammen aus drei umfangreichen Privatsammlungen. Titel der Schau: Der Schneemann - Zur Kulturgeschichte eines Winterhelden"

Urplötzlich und aus dem Dunkel der Geschichte betritt er im Jahr 1770 die Szene: Ein Kinderlieder-Buch aus Leipzig beschreibt den so simpel aus Schnee zu formenden Kerl und benutzt erstmals das Wort Schneemann" (...ey wie groß! ein riesenmäßiger Coloß"). In der Folgezeit erscheint er auf historischen Abbildungen - noch naturalistisch mit Armen und Beinen - durchweg als garstige, bedrohliche Gestalt, so etwa in einem Kalender-Kupferstich des Monats Dezember von Daniel Chodowiecki (1726-1801). Schließlich war der Winter für fast alle Menschen noch hart, dunkel, voller Entbehrungen und Krankheiten. Was Wunder, dass der Schneemann, dazumal noch fern vom molligen Kugelkörper und kecker Rübennase, eher wie ein drohender Dämon exotischer Kulturen erscheint - so etwa auch abgebildet in einem Schulbuch von 1849.

Mit dem Beginn des 20 Jahrhunderts wird der Schneemann plötzlich menschlich", wird zum Spielkameraden der Kinder und - auf etlichen Grußpostkarten verewigt - zum duldsamen Ziel mancher Schneeballschlacht: Er lächelt stets gütig und reckt die Möhren-Nase neugierig in den Himmel. Auf dem Titel der Satire-Zeitschrift Simplicissimus" schmilzt er allerdings 1904 als Symbol des zaristischen Russland unter der Sonne politischer Umtriebe dahin und posiert in Uniform auf Weltkriegs-Postkarten 1915 inmitten einer Gruppe Infantristen.

Leider wird sein sonst schneeweißer und weltanschaulich wie religiös neutraler Körper, unschätzbarer Werbevorteil gegenüber Christkind und Nikolaus, aber auch vom braunen Bazillus befallen. Ein historisches Foto von 1939 zeigt eine Gruppe von HJ-Bengeln, die einen großen Schneemann mit krummer Nase und Judenstern in erkennbar bösartiger Absicht bauen.

Die Karriere des Schneemanns als Comic-Held im winterlichen Entenhausen oder als Werbeträger aller Branchen vom Hustenbonbon bis zum winterharten Auto (...von führenden Schneemännern empfohlen!") beginnt um 1950. Urplötzlich, vor allem auf winterlichen Gruß-Postkarten, entdeckt der Schneemann den Sex und hat eine bisweilen vollbusige Partnerin zur Seite.

Gegenwärtig hebt der Multifunktions-Schneemann in Stars-and-Stripes-Zylinder das patriotische Gefühl der US-Bürger, dient als Kerzenhalter und Salz-streuer oder ist gerade noch für alberne Scherz-Postkarten gut: Nie mehr Urlaub unter Palmen" stöhnen zwei Gestalten, von denen in tropischen Gefilden nur noch eine Wasserlache, Kohlestückchen und Möhrennase übrig ist. Die radikale Wandlung vom garstig-kalten Mann zum kitschig-kuscheligen Wintersymbol dokumentiert in der Museumsvitrine ein Plüsch-Bezug für eine Baby-Flasche in Schneemann-Gestalt: Ganz widersinnig soll hier der ehemals gefürchtete Mann aus der Eiseskälte die Milch für die lieben Kleinen wärmen.

dpa

 

 

Last modified on:01/14/2008

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