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Starr glotzen seine Kohleaugen in die Schneelandschaft, die Mundwinkel
ziehen sich grimmig nach unten und manchmal fletscht er sogar die Zähne:
Kein Zweifel - früher war der Schneemann furchtbar.
Die ganze Kulturgeschichte des wandelbaren Winterhelden, der heute nur noch
als possierlich-kugeliger Geselle für alles Mögliche vom Sockenmotiv bis zum
Christbaumschmuck vermarktet wird, ist bis 12. Februar im Museums Zons bei
Dormagen (Nordrhein-Westfalen) präsentiert.
Die mehr als 200 Exponate aus fast 250 Jahren vom Marzipan-Schneemann bis
zur Buchillustration, von der politischen Karikatur bis zur Schneemann-Uhr,
stammen aus drei umfangreichen Privatsammlungen. Titel der Schau: Der
Schneemann - Zur Kulturgeschichte eines Winterhelden"
Urplötzlich und aus dem Dunkel der Geschichte betritt er im Jahr 1770 die
Szene: Ein Kinderlieder-Buch aus Leipzig beschreibt den so simpel aus Schnee
zu formenden Kerl und benutzt erstmals das Wort Schneemann" (...ey wie groß!
ein riesenmäßiger Coloß"). In der Folgezeit erscheint er auf historischen
Abbildungen - noch naturalistisch mit Armen und Beinen - durchweg als
garstige, bedrohliche Gestalt, so etwa in einem Kalender-Kupferstich des
Monats Dezember von Daniel Chodowiecki (1726-1801). Schließlich war der
Winter für fast alle Menschen noch hart, dunkel, voller Entbehrungen und
Krankheiten. Was Wunder, dass der Schneemann, dazumal noch fern vom molligen
Kugelkörper und kecker Rübennase, eher wie ein drohender Dämon exotischer
Kulturen erscheint - so etwa auch abgebildet in einem Schulbuch von 1849.
Mit dem Beginn des 20 Jahrhunderts wird der Schneemann plötzlich menschlich",
wird zum Spielkameraden der Kinder und - auf etlichen Grußpostkarten
verewigt - zum duldsamen Ziel mancher Schneeballschlacht: Er lächelt stets
gütig und reckt die Möhren-Nase neugierig in den Himmel. Auf dem Titel der
Satire-Zeitschrift Simplicissimus" schmilzt er allerdings 1904 als Symbol
des zaristischen Russland unter der Sonne politischer Umtriebe dahin und
posiert in Uniform auf Weltkriegs-Postkarten 1915 inmitten einer Gruppe
Infantristen.
Leider wird sein sonst schneeweißer und weltanschaulich wie religiös
neutraler Körper, unschätzbarer Werbevorteil gegenüber Christkind und
Nikolaus, aber auch vom braunen Bazillus befallen. Ein historisches Foto von
1939 zeigt eine Gruppe von HJ-Bengeln, die einen großen Schneemann mit
krummer Nase und Judenstern in erkennbar bösartiger Absicht bauen.
Die Karriere des Schneemanns als Comic-Held im winterlichen Entenhausen oder
als Werbeträger aller Branchen vom Hustenbonbon bis zum winterharten Auto
(...von führenden Schneemännern empfohlen!") beginnt um 1950. Urplötzlich,
vor allem auf winterlichen Gruß-Postkarten, entdeckt der Schneemann den Sex
und hat eine bisweilen vollbusige Partnerin zur Seite.
Gegenwärtig hebt der Multifunktions-Schneemann in Stars-and-Stripes-Zylinder
das patriotische Gefühl der US-Bürger, dient als Kerzenhalter und
Salz-streuer oder ist gerade noch für alberne Scherz-Postkarten gut: Nie
mehr Urlaub unter Palmen" stöhnen zwei Gestalten, von denen in tropischen
Gefilden nur noch eine Wasserlache, Kohlestückchen und Möhrennase übrig ist.
Die radikale Wandlung vom garstig-kalten Mann zum kitschig-kuscheligen
Wintersymbol dokumentiert in der Museumsvitrine ein Plüsch-Bezug für eine
Baby-Flasche in Schneemann-Gestalt: Ganz widersinnig soll hier der ehemals
gefürchtete Mann aus der Eiseskälte die Milch für die lieben Kleinen wärmen.
dpa |