|
Von
Andrea Barthélémy
Berlin (dpa) - Wo der eine gar
nichts spürt, stehen dem anderen schon die Tränen in den Augen: Schmerz, so
finden die Forscher immer mehr bestätigt, ist eine höchst komplizierte und
individuelle Angelegenheit. Und auch die Therapie akuter und chronischer
Schmerzen muss darauf Rücksicht nehmen.
In
Berlin trafen sich kürzlich mehr als 2500 Schmerzforscher, um unter anderem
über dieses Thema zu beraten. Oft ist es sogar ein und dieselbe Krankheit,
die beim Einzelnen ganz unterschiedliche Folgen für das Schmerzempfinden
haben kann", berichtete Kongresspräsident Prof. Rolf-Detlev Treede von der
Universität Mainz zum Auftakt des Deutschen Schmerzkongresses. Die
Gürtelrose etwa sei eine solche Erkrankung, die beim einen das
Schmerzempfinden steigere, den nächsten jedoch unempfindlicher mache. Das
spielt auch bei der Entwicklung von Medikamenten eine große Rolle. Denn wenn
man alle Patienten in einen Topf wirft, kann nicht individuell, sondern
höchstens durch ein Opiat geholfen werden", sagte Treede. Ein Opiat also als
Allround-Keule", wobei den Betroffenen bei genauerem Hinsehen ganz
unterschiedliche Therapien helfen würden.
Mit seinem Team in einem Schmerz-Forschungsverbund, wie sie bundesweit seit
2002 zu mehreren Themen arbeiten, entwickelte Treede ein weltweit
einzigartiges Verfahren, um individuelle Nervenschmerzen objektiv zu messen.
Bei der so genannten Quantitativen Sensorischen Messung ermittelt eine Sonde
an verschiedenen Stellen der Haut die unterschiedlichen Schmerzmechanismen:
Wann fühlt sich der Reiz heiß, kalt, schmerzhaft an? Die gemessenen und im
Computer ausgewerteten Daten lassen Rückschlüsse auf - pathologische -
Veränderungen im Schmerzempfinden zu.
Aber nicht nur individuell, auch geschlechtsspezifisch und sogar
interkulturell gibt es Unterschiede dabei, wann ein Mensch Au" schreit und
wie stark er leidet. So stellt Prof. Esther Pogatzki-Zahl von der
Universitätsklinik Münster in Berlin eine neue Studie dazu vor, wie sich der
Geschlechterunterschied bemerkbar macht. Bei Frauen liegt demnach die
Schmerz- und Toleranzschwelle insgesamt niedriger als bei Männern, sie
leiden auch häufiger unter chronischen oder wiederkehrenden Schmerzen.
Allerdings ist auch der Hormonstatus etwa im Monatszyklus oder der
Lebensphase einer Frau dabei wichtig - wenn auch noch nicht endgültig
verstanden. Für viele klinische Schmerzsyndrome wird derzeit untersucht, ob
hormonelle Einflüsse eine Rolle spielen und wie diese Einflussnahme aussieht",
sagte Pogatzki-Zahl. Das kann für die Therapie von Schmerzen in Zukunft
sicher relevant sein, ist aber nicht so einfach, wie es anfangs einmal
erschien."
Große Unterschiede beim Schmerzempfinden gibt es auch in den
unterschiedlichen Kulturen, berichtete der Medizinhistoriker Norbert Kohnen
von der Universität Düsseldorf. So seien Patienten aus
individualorientierten Gesellschaften wie in Nordeuropa und den USA
überzeugt, dass sie sich - dem Rat des Arztes folgend - selber helfen
könnten.
Menschen aus familienorientierten Gesellschaften wie etwa im Mittelmeerraum
hingegen glaubten, Krankheit und Schmerz nur mit Hilfe der Verwandtschaft -
und demnach im Leiden nach Außen gekehrt - bewältigen zu können. Wenn ein
türkischer Patient auf die Frage, wo es wehtut, antworte, ihm tue alles weh,
er sei schließlich krank, könne das den deutschen Arzt leicht überfordern.
Klagt ein Patient darüber, dass ihm eine Laus über die Leber gelaufen" sei,
dann wissen beide Seiten um den Sinn der Aussage", verdeutlichte Kohnen.
Sage ein türkischer Patient jedoch, er habe den Kopf erkältet", wisse der
deutsche Arzt oft nicht, dass damit gemeint sei ich bin dabei durchzudrehen".
Deswegen ist bei der Untersuchung ausländischer Patienten eine
transkulturelle Kompetenz gefordert", betonte Kohnen. Nimmt der Arzt darauf
keine Rücksicht, sind Stress, Hilflosigkeit und damit wiederum erhöhte
Schmerzempfindlichkeit die Folgen. |