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Jurmala (dpa) - Typisch baltische
Riviera: Ein langer weißer Sandstrand, dahinter ein hoher Föhrenwald und
darin verstreut Hunderte reich verzierter Holzhäuser aus der Zeit vor dem
Ersten Weltkrieg.
Früher hieß die Halbinsel zwischen Ostsee und dem Fluss Lielupe Riga-Strand.
Jurmala vor den Toren der lettischen Hauptstadt ist heute das exklusivste
Ostseebad im ganzen Baltikum. Das haben unter anderem auch die russischen
Neureichen entdeckt, die dort massiv investieren.
Das hat die Quadratmeterpreise für Wohnraum hier auf bis zu 6000 Euro
hochschnellen lassen. Villen von einem in Westeuropa kaum anzutreffendem
Luxus sind entstanden. Auf den Straßen kreuzen die größten Geländewagen und
protzige Limousinen, bevorzugt in Schwarz mit getönten Scheiben. Nicht immer
ist klar, woher dieser Geldsegen stammt.
Die Nummernschilder sind lettisch. Auch wenn es kaum zu übersehen ist, will
man ja nicht gleich als Russe auffallen. Zu den russischen Investoren will
sich die Stadtverwaltung nicht äußern. Wir haben darüber keine Informationen",
sagt einer der Mitarbeiter.
Ursprünglich gehörte die rund 40 Kilometer lange Halbinsel einmal einem
deutschbaltischen Baron von Fircks. Er hatte hier einen Majoratshof, ein Gut
nach dem Ältestenrecht. Noch heute heißt das Zentrum von Jurmala danach
Majori. Ende des 19. Jahrhunderts wurde eine Eisenbahn von dem 25 Kilometer
entfernten Riga gebaut und brachte die ersten Feriengäste. Wenige Jahre
später begann von Fircks, das Land in Parzellen aufzuteilen und zu verkaufen.
Die romantischen bunten Holzdatschen entstanden, mit verzierten Dachgiebeln
und Türmchen im Knusperhaus-Stil sowie mit Veranden mit farbigen
Glasscheiben. Noch in der Zarenzeit zog Riga-Strand viele Russen aus Moskau
und St. Petersburg an. Die deutschbaltische Künstler- und Intelligentia-Clique
residierte bevorzugt in dem Ortsteils Edinburga, benannt nach einer
Zarentochter, die einen Herzog von Edinburgh geheiratet hatte.
In
Jurmala gilt strenger Natur- und Denkmalschutz. Kein Baum darf gefällt
werden, keines der historischen Häuser darf verschwinden. Da aber Jahrzehnte
der Vernachlässigung unter dem kommunistischen Regime an der Holzsubstanz
genagt haben, werden die meisten der Häuser doch abgerissen und dann nach
den alten Plänen originalgetreu ohne Scheu vor Kosten wieder aufgebaut. Ein
einmaliges Ensemble von 4000 historischen Holzhäusern ist registriert.
Nur wenige Relikte sowjetischer Betonarchitektur trüben das Bild. Wenn etwas
abgerissen wird, entstehen gediegene moderne Villen oder Hotels in bestem
Stil. Nichts darf höher aus die Baumwipfel sein. Dass es unter dem Einfluss
neureicher Russen zu keinen kitschigen Geschmacksverirrun-gen wie in dem
ehemaligen deutschen Seebad Rauschen (Swetlo-gorsk) in der Region
Kaliningrad kommt, dafür sorgen die energische Bürgermeisterin Inese
Aizs-trauta, die selbst Architektin ist, und eine Baukommission. Gegenwärtig
entsteht ein Wellness-zentrum der Architektengruppe Silis, Zabers, Klava,
die auch die neue Konzerthalle von Riga baut. Alt und Neu bilden einen
gelungenen Mix.
Die Wasserqualität am Strand ist gut. Seit 2001 hat Jurmala die Blaue Flagge
der EU. Im vergangenen Jahr gab es mehr als 100 000 Übernachtungen. Deutsche
sind hier noch eine Seltenheit. Nur vier Prozent der Feriengäste kamen aus
der Bundesrepublik. Von der deutschbaltischen Vergangenheit dieser
Sommerfrische gibt es nur noch wenige Zeugnisse.
Das säulengeschmückte Her-renhaus des Barons von Fircks wartet noch auf
seine Restaurierung. Noch aus sowjetischen Zeiten ist hier ein Kinderheim
untergebracht. Im nahe gelegenen Riga boomt die Wirtschaft, vor allem im
Immobiliensektor wird das schnelle Geld gemacht. Aber auch viel Schwarzgeld
zirkuliert. Das neue EU-Land hat die Korruptionsbekämpfung noch nicht unter
Kontrolle: In der Skala der Organisation Transparency International rangiert
Lettland hinter Costa Rica und El Salvador an 51. Stelle. Viel von dem Geld
landet auf Jurmala, das eine Insel des Reichtums ist in einem sonst noch
armen Land. Den großen Unterschied erfährt man bei einer Fahrt durch Kurland
und dem Besuch der ehemaligen Hauptstadt dieser früheren zaristischen
Ostseeprovinz.
Kuldiga, das ehemaligen Goldingen, besteht zum größten Teil aus alten
baufälligen Holzhäusern. So gut wie keines ist restauriert - von schicken
Villen keine Spur und von den Neureichen auch nicht.
www.jurmala.lv |